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Ausbildung beim Roten Kreuz : Wie Behörden die Digitalisierung ausbremsen

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Lernen am lebenden Objekt: Wie Corona-Tests gemacht werden, bekommen diese Rotkreuz-Helfer noch ganz klassisch beigebracht. Bild: dpa

Das Deutsche Rote Kreuz will Online-Unterricht für angehende Sanitäter anbieten. Hessische Behörden halten aber dagegen, und das schon seit Jahren.

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          Leben retten lernen über Distanz, vor dem eigenen Laptop? Das muss gehen, findet das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Hessen. Die Hilfsorganisation fordert einen flexiblen Online-Unterricht für angehende Rettungs- und Notfallsanitäter, zumindest im Theorie-Teil der Ausbildungen. Genau dieser digitale Fernunterricht aber ist bis heute nicht generell erlaubt. Ausnahme bleibt die Pandemie, und die Ausnahmeregelungen sind befristet. Deshalb hat der DRK-Landesverband ein Positionspapier veröffentlicht: Online-Unterricht für angehende Sanitäter müsse auch nach der Pandemie möglich sein, heißt es darin. Doch das Hessische Sozialministerium und das zuständige Regierungspräsidium Darmstadt antworten darauf: Dafür gebe es keine gesetzlichen Grundlagen.

          Für die DRK-Schulen in Hessen war der 2. April 2020 ein Einschnitt: Zum ersten Mal überhaupt durften angehende Rettungssanitäter über das Internet am Theorieunterricht ihrer Ausbildung teilnehmen. Das Ministerium verabschiedete den notwendigen Erlass und gab den Online-Unterricht frei. Es war ein Versuch, die Ausbildung trotz Pandemie zu sichern.

          Die Verantwortung für diese Ausnahmeregelungen übernahm wenig später eine untergeordnete Behörde: das Regierungspräsidium Darmstadt. Ende April erlaubte es Online-Unterricht auch für Notfallsanitäter in Ausbildung. Die beiden Ausbildungen unterscheiden sich stark in ihrem Umfang. Rettungssanitäter sind meist nur wenige Monate in Ausbildung. Anders angehende Notfallsanitäter: Ihre Ausbildung dauert drei Jahre und ist die höchste Berufsausbildung im Rettungsdienst.

          Online-Unterricht mit klaren Auslauffristen

          Bis heute, seit knapp elf Monaten, erlässt das Regierungspräsidium in unregelmäßigen Abständen Rundverfügungen und erlaubt pandemiebedingt Online-Unterricht. Aber stets mit klaren Auslauffristen. Derzeit deutet alles darauf hin, dass diese Fristen bald endgültig verstreichen werden. Auch wenn das DRK Teile des Online-Unterrichts eigentlich beibehalten möchte. Das Hessische Sozialministerium teilt auf Anfrage mit, es stehe „einer Öffnung der Arbeitsmethoden wohlwollend gegenüber“. Allerdings brauche es dafür zunächst eine breite Diskussion. Daran sollten auch andere Rettungsdienstschulen und nicht nur jene des DRK beteiligt sein, so das Ministerium.

          Tatsächlich hat es Online-Unterricht als Teil der Sanitäterausbildung schon früher einmal gegeben: Im Oktober 2006 ließen Sozialministerium und Regierungspräsidium Darmstadt ihn als Pilotprojekt zu, in der Rettungsassistenten-Ausbildung an einer DRK-Schule in Kassel. Rettungsassistenten sind die Vorläufer der Notfallsanitäter, die eine Ausbildung löste die andere ab. Laut Ministerium wurde das Pilotprojekt 2010 eingestellt.

          Zu Beginn vertrat das Ministerium offenbar eine andere Haltung als heute. So schrieb es in einem Brief im Oktober 2006, Online-Unterricht sei nach dem Rettungsassistentengesetz eigentlich nicht vorgesehen. Aber: „Seit dem In-Kraft-Treten dieses Gesetzes ist die Entwicklung im Online-Bereich weit fortgeschritten. Die Einführung eines Online-Unterrichtes in der Rettungsassistenten-Ausbildung ist sinnvoll und vor allem zeitgemäß.“ 2015 schien sich diese Einstellung dann verändert zu haben. Der Bund hatte gerade die Rettungsassistenten-Ausbildung abgeschafft und sie durch die modernere Ausbildung zum Notfallsanitäter ersetzt.

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          Im Zuge dieser Reform wollte die DRK-Schule in Kassel Rettungsassistenten zu Notfallsanitätern weiterbilden – und zwar teilweise über Online-Unterricht. Das entsprechende Konzept legte die Schule Anfang des Jahres dem Sozialministerium und dem Regierungspräsidium Darmstadt vor. „Damals gab es kaum ausgebildete Notfallsanitäter und einen absoluten Personalmangel. Vielen Rettungsassistenten war es aufgrund ihrer Tätigkeit im Rettungsdienst nicht möglich, an diesem Lehrgang in Präsenzform teilzunehmen“, schreibt Frank Kaiser, Schulleiter der Kasseler DRK-Schule. Dennoch lehnten die Behörden den Antrag ab. Sie begründeten dies damit, dass es keine gesetzliche Grundlage dafür gebe. Tatsächlich habe auch danach kein einziges Seminar der beiden Sanitäterausbildungen mehr als Online-Unterricht stattfinden dürfen, sagt Günter Ohlig, Vertreter des DRK Hessen.

          Das Sozialministerium reagiert zurückhaltend

          Für eine Abänderung der Notfallsanitäter-Ausbildung hin zu digitalem Unterricht wäre der Bund verantwortlich. Dementsprechend fordert das DRK in seinem Positionspapier, dass sich die Hessische Landesregierung mit einer Initiative im Bundesrat für Reformen stark machen solle. Das Sozialministerium reagiert auf Anfrage zurückhaltend: „Eine Bundesratsinitiative kommt erst dann in Betracht, wenn die Initiative von allen Rettungsdienstschulen unterstützt wird.“

          Also auch von den Rettungsdienstschulen anderer Hilfsorganisationen. Bezogen auf die Rettungssanitäter und ihre im Vergleich zu den Notfallsanitätern deutlich kürzere Ausbildung, ist das Land Hessen selbst für Veränderungen zuständig. Deshalb fordert das DRK an dieser Stelle die Landesregierung zum eigenständigen Handeln auf. Doch auch dort ist das Sozialministerium zögerlich: „Die Rettungssanitäter-Ausbildung unterliegt einer gemeinsamen Rahmensetzung der Bundesländer“, heißt es. Ob die Rufe des DRK irgendwann gehört werden und Online-Unterricht dauerhaft möglich wird, ist ungewiss.

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