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Wie Aktienclubs auf die Krise reagieren : Ouzo gegen den Börsenkater

  • -Aktualisiert am

Galgenhumor und Ratlosigkeit unter Aktienhändlern in Frankfurt Bild: ddp

Wenn sich die Mitglieder der Frankfurter „Gesellschaft für Wertpapiersparen“ wie gewohnt beim Griechen treffen, dürfte der Statusreport den Wunsch nach drei, vier Ouzos auslösen: „Wir haben beides mitgemacht, den 11. September und dieses hier. Dieses hier ist heftiger.“

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          Die Stimmung am nächsten Montag wird trübe: Wenn sich Heinz Schmehle und die anderen 17 Mitglieder des kleinen Investmentsclubs wie gewohnt beim Griechen im Frankfurter Stadtteil Bergen-Enkheim treffen, dürfte der Statusreport den Wunsch nach drei, vier Ouzos auslösen. 30 bis 40 Prozent, so schätzt der stellvertretende Vorsitzende, haben seine Freunde und Bekannten in den vergangenen vier Wochen verloren. Den Club gibt es seit 1998. Schmehle sagt: „Wir haben beides mitgemacht, den 11. September und dieses hier. Dieses hier ist heftiger.“

          Thorsten Winter
          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          250.000 Euro betrug das Clubvermögen noch vor kurzem. „Es bringt jetzt aber nichts zu heulen“, findet Schmehle. Schließlich hätten alle Mitglieder des Investmentclubs nur die Summen angelegt, das sie in den nächsten fünf Jahren nicht brauchten. Ein Drittel des Vermögens habe die „Gesellschaft für Wertpapiersparen“ seit längerem als Barreserve gehalten. Und aus amerikanischen Anlagen sind die Frankfurter seit Monaten raus, wie Schmehle sagt. Überrascht habe den Club nur, „dass es auch so stark in Russland runtergeht“. In Aktien werde man trotzdem weiter investieren. „Es wird wieder aufwärts gehen, aber das dauert diesmal länger, weil die Krise so tief geht.“

          „Heute werde ich wohl auch den Rest verkaufen“

          Thomas Wähners Credo lautet: „Kaufenswert ist ein Titel, wenn der Kurs von links unten nach rechts oben verläuft.“ Doch sind solche Aktien Mangelware. Die meisten Kurse stürzen – und laufen von links oben nach rechts unten. Wähner, Chefstratege des Aktienclubs 88 in Linden bei Butzbach, sagt deshalb an diesem Mittwochvormittag nach einem weiteren Blick auf die Kurstafel: „Heute werde ich wohl auch den Rest verkaufen.“

          Damit meint er alle Aktien, die noch im Depot des Clubs liegen, der zuletzt über gut 250.000 Euro verfügte. Ob es an einem solchen Tag, wenn ungezählte Anleger ihre Wertpapiere loswerden wollen und die Preise deshalb weiter stürzen, klug ist, dem Herdentrieb zu folgen? Wähner hat da auch Zweifel, gibt aber zu bedenken: „Jeder verkauft, es hat ja kein Ende.“ Nicht einmal die staatlichen Hilfsaktionen beruhigten die Börse: weder das 700 Milliarden Dollar schwere Rettungspaket Amerikas noch die gewaltige Finanzspritze für die acht größten britischen Banken, die sich auf 300 Milliarden Euro summiert. Und ob die gemeinsame Leitzinssenkung in Europa und Übersee die Investoren hilft? „Keiner weiß, wie lange es noch so weiter geht“, sagt Wähner, der nach den Turbulenzen im Januar Aktien aus dem Clubdepot genommen und Rohstoffe gekauft hatte, die nun aber auch von der Baisse erfasst worden sind.

          Stimmung „etwas bedröppelt“

          So setzt auch Wähner fürs Erste außer auf Bargeld auf das vermeintlich sichere Gold. Das Edelmetall-Zertifikat im Depot wird er gegen einen Indexfonds tauschen, der anders als ein Zertifikat nicht von der Zahlungsfähigkeit des ausgebenden Instituts abhängt und mit wahrhaftigen Goldbatzen hinterlegt sein muss.

          Wenn Thomas Laufer sich morgens einen Überblick über die Finanzlage macht, entdeckt er oft „ein neues Desaster“. Laufer ist Mitglied im Anlegerclub „Positrons“ aus Kelkheim. Die Stimmung sei zur Zeit „etwas bedröppelt“, aber die neun Mitglieder seien nicht völlig verunsichert: Bei keinem hänge die gesamte Altersvorsorge am Depot. Die Anlagepolitik der Positrons nennt er konservativ. Schon seit Dezember habe man kaum noch am Finanzmarkt investiert – wegen der Turbulenzen auf dem Finanzmarkt. „Im Moment kann man eigentlich nur abwarten und beobachten.“

          Einzige Variante sind für Laufer sogenannte Put-Optionen, also Papiere, die im Wert steigen, wenn der unterliegende Wert, beispielsweise eine Aktie, fällt. Allerdings gelte dies auch nur, wenn die Bank, die das Papier ausgebe, nicht pleite gehe. „Und wem soll man da noch vertrauen?“, fragt Laufer und lacht kurz. Auf dem Finanzmarkt handele er seit 35 Jahren, eine Situation wie diese habe er noch nicht erlebt. Trotzdem werde er nicht panisch, wenn er auf die Aktienkurse gucke. „Vieles kann ich mir schon aufgrund der Nachrichtenlage denken.“

          „Greife nie in ein fallendes Messer“

          Klaus Tobeck ist ein ruhiger Mann. „Man muss jetzt sehr viel Geduld und Disziplin aufbringen, um nicht jetzt zu verkaufen“, findet der Geschäftsführer des Philipp-Reis-Investment-Clubs aus Friedrichsdorf. Aus einem Schülerprojekt entstanden, treffen sich die gut 40 Mitglieder regelmäßig, um über die besten Anlagestrategien zu diskutieren. Auch Tobecks Mannen haben viel verloren seit Jahresbeginn: mehr als 20 Prozent, wie er errechnet hat. „Damit sind wir etwas besser als der Dax“, sagt Tobeck, aber freudig klingt seine Stimme nicht gerade.

          Das recht passable Ergebnis mag an den 55 Prozent Cash-Quote liegen, die der Club halte. „Wir haben mit SAP auch nur noch einen Aktienwert im Depot“, sagt Tobeck. Außerdem hätten die Mitglieder die Anlagen „breit gestreut“. Den Schülern, die er seit dieser Woche für das Planspiel Börse betreut, habe er geraten, mit dem Kauf der ersten virtuellen Aktien noch zu warten. „Die Regel heißt: Greife niemals in ein fallendes Messer.“

          Bis Ende Januar rechnet Tobeck mit besseren Zahlen. Der November und der Januar seien stets gute Börsenmonate, beteuert er. Die Statistik beweise, dass es nach einer Präsidentenwahl im Amerika an der Börse immer aufwärts gehe. Richtig überzeugt kann Tobeck davon aber nicht sein. Sonst hätte er das Fest zum 25. Geburtstag des Investmentclubs nicht abgesagt – wegen fehlender Feierlaune.

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