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Wetzlar : Das „Forum“ als Käufermagnet

Viel Stahl, Beton und Glas: das „Forum” Bild: F.A.Z. - Foto Rainer Wohlfahrt

Das vor einem Jahr eröffnete Einkaufszentrum „Forum“ in Wetzlar, mit 110 Läden, Wasserspielen sowie 2500 Parkplätzen, zieht über die Grenzen der Stadt hinaus Käufer an. Angrenzende Lagen harren noch der Belebung.

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          Aberhunderte Nadeln verteilen sich über die Mittelhessen-Karte im Besprechungsraum auf dem Dach des Einkaufszentrums „Forum“ am Rande der Wetzlarer Innenstadt. An einigen Orten stecken die Köpfchen aus gelbem Plastik in Trauben. Plaziert worden sind die Nadeln von Besuchern. Sie sollten anzeigen, wo sie wohnen, wie Centermanager Josef Schmelzer erläutert. Ergebnis: Viele Besucher reisen aus dem Raum Gießen und aus Butzbach, aus Limburg und dem gut 50 Kilometer entfernten Marburg an.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Auch der in Frankfurt ansässige Chef des hessischen Einzelhandelsverbands, Frank Albrecht, meint, Wetzlar sei nun eine Reise wert. Dem „Forum“ sei dank: dem Bau aus viel Stahl, Beton und Glas mit 110 Läden einschließlich Restaurants, Wasserspielen sowie 2500 Parkplätzen, von denen aus die Kunden trockenen Fußes in die „Shopping-Mall“ gehen können.

          Dieser Befund spielt Wetzlars Oberbürgermeister Wolfram Dette (FDP) in die Karten: „Ich hoffe, daß Kunden aus ganz Mittelhessen das Shopping-Center in Anspruch nehmen werden“, hatte er vor einem Jahr vor der Eröffnung des „Forum“ gesagt. Gleichsam bestätigt haben sich Erwartungen des Haupteigentümers Deutsche Euroshop. Das Center ist vor wenigen Wochen für das börsennotierte Unternehmen bewertet worden. Das Resultat nennt ein Sprecher sehr erfreulich. Auch bewegten sich die Umsätze über den erwarteten Zahlen.

          Zufrieden mit den Umsätzen

          Im Vergleich mit den anderen von der ECE betreuten Einkaufszentren liegen die Mieter mit Blick auf das Verhältnis von Erlösen und Mieten gut im Rennen, wie Schmelzer ergänzt. Die große Mehrheit der Ladenbetreiber sei mit den Umsätzen zufrieden. Nach dem Grad der Zufriedenheit mit dem „Forum“ hat er die Mieter aber nicht befragt.

          Eine Zufallsumfrage fördert Lob, aber Kritik zutage. Nicht mit dem Umsatz zufrieden ist die Geschäftsführung von „Art Decor“. Deshalb gibt der Geschenkartikler den Laden auf. „Wir können uns nicht beschweren“, heißt es dagegen beim Dessousanbieter Hunkemöller. Doch mangele es dem „Forum“ noch an Bekanntheit.

          Genau die entgegengesetzte Sicht der Dinge formuliert der Chef des aus Gießen umgesiedelten Modehauses Schlüter. Das Centermanagement werbe ausgiebig für das „Forum“, das zudem verkehrsgünstig an der Bundesstraße 49 zwischen Gießen und Limburg liege. Andreas Schlüter-Baur kann insofern keine Defizite bei der ECE sehen. Aber: „Der Umzug hat sich zwar gelohnt. Wir sind aber noch nicht dort, wo wir hin wollen“, sagt er. Mithin: Der Anbieter höherpreisiger, damenhafter Mode hat die Planzahlen bisher nicht erreicht. Begründung: Das Center werde von der kaufkräftigen Kundschaft nicht im gewünschten Maße aufgesucht. Zumeist bummele ein „preisorientiertes jüngeres Publikum“ über die Ladenstraßen.

          Zum Nulltarif parken

          Dies verwundert indes nicht. Schließlich finden sich reihenweise junge Modemarken im „Forum“ - solche Handelsketten, für die viele Wetzlarer zuvor nach Gießen fahren mußten, weil sie in der Heimatstadt die Ausnahme waren: Die Einkaufsstraße Langgasse und die etwa 15 Fußminuten vom „Forum“ entfernte Altstadt prägen mehr Einzelkämpfer unter den Einzelhändlern als namhafte Ketten. Beide Lagen werden von dem etwa 23.500 Quadratmeter großen Center profitieren, lautete die zuversichtliche Prognose von Hessens Wirtschaftsministers Alois Rhiel (CDU). Und Dette verweist zum Beleg auf einen neuen Sportladen und ein erweitertes Juweliergeschäft. Es besteht also Investitionsbereitschaft, wie das Stadtoberhaupt folgert.

          Andererseits heißt es in einer am Eisenmarkt gelegenen Boutique für Damenmode: „In der Stadt ist es relativ ruhig.“ Der zur Firma zählende Herrenmodeladen im „Forum“ laufe besser. Und nicht zu übersehen sind die Leerstände in der Langgasse, der Altstadt und vor allem in der an das Einkaufszentrum grenzenden Bahnhofstraße, die schon früher zum Durcheilen einlud.

          Um dem Leerstand zu begegnen und mehr Kunden anzuziehen, hat sich die Stadt Wetzlar in Zusammenarbeit mit den Händlern zweierlei ausgedacht: Erstens können Autofahrer für 25 Cent je Stunde und samstags nach 14 Uhr zum Nulltarif auf öffentlichen Stellplätzen parken. Zum zweiten verteilen Händler sogenannte Parkwertkarten, mit denen Kunden ihren Wagen unentgeltlich abstellen können. Nicht zuletzt hat Wetzlar eine Internetplattform geschaffen, auf der Interesse an einer Gewerbeimmobilie in der Stadt angemeldet werden kann. „Damit haben wir schon eine Reihe von Leerständen vermeiden können“, sagt Dette.

          Leerstand

          Über den größten Leerstand, das einstige Kawe-Kaufhaus an der Bahnhofstraße, spricht die Stadt mit möglichen Investoren. Denkbar ist demnach, im Erdgeschoß mit Einzelhandel aufzuwarten und in den oberen Etagen ein Hotel unterzubringen. Eine Aussicht, die das Stadtoberhaupt schätzt. Denn Besucher der als Konzerthalle genutzten Arena neben dem „Forum“ könnten in dem Hotel nächtigen.

          Über belastbare Daten, wieviel Geld das Center nach Wetzlar bringt und inwieweit die erzielten Erlöse die in der Stadt vorhandene Kaufkraft übersteigen, verfügt Dette übrigens noch nicht. Erst Ende dieses Jahres will er ein Gutachten dazu in Auftrag geben.

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