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„Unser Wissen ist Stückwerk“ : Wer liegt drin im 1000 Jahre alten Sarkophag von Mainz?

Rätsel: Wer in diesem Sarkophag liegt, ist noch unklar Bild: Michael Kretzer

Die Freilegung eines bald 1000 Jahre alten Sarkophags in der Mainzer Johanniskirche wirft viele Fragen auf. Wer wirklich dort ruhte, klären nun Spezialisten auf.

          2 Min.

          Es war fast wie beim „Tatort“: Die Fundstelle St. Johannis weiträumig abgesperrt. Nur die in weißen Schutzanzügen steckenden Experten der Spurensicherung, zu denen im konkreten Fall Archäologen, Anthropologen, Restauratoren und Steinmetze der Mainzer Dombauhütte gehörten, hatten freien Zugang zu jener Grabstätte, die bis zum frühen Dienstagmorgen noch von einer gut 700 Kilogramm schweren Steinplatte verschlossen war. Dass es sich bei dem vor 1000 Jahren dort abgelegten Toten tatsächlich um den einstigen Mainzer Erzbischof Erkanbald handelt, bleibt auch nach Öffnung des Sarkophags nur eine Theorie.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Dafür spricht weiterhin vor allem die Lage des bei Grabungsarbeiten in der Kirche zufällig entdeckten Steinsargs, der sich im Mittelschiff nahe dem Altarraum befindet. Die bestattete Person, vermutlich ein ranghoher Kleriker, schaute so nach Osten. „Dorthin, wo am Jüngsten Tag der Herr kommt, die Erlösung“, wie Grabungsleiter Guido Faccani den vielen Medienvertretern erklärte, die den Weg in den „Alten Dom“ gefunden hatten, der 1828 in den Besitz der evangelischen Kirche übergegangen ist.

          Konfessionsübergreifende Angelegenheit

          Die Beschäftigung mit dem Bauwerk, dessen Geschichte sich ziemlich sicher bis ins sechste Jahrhundert zurückverfolgen lässt, ist in Mainz somit eine konfessionsübergreifende Angelegenheit. Bischof Peter Kohlgraf und Volker Jung, der Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, hatten vor der seit Monaten geplanten Sarkophag-Öffnung noch rasch zu einer ökumenischen Andacht nach St. Johannis eingeladen. Das Geld für die spektakuläre Aktion, an der insgesamt 14 Spezialisten beteiligt waren, stammt vom katholischen Bistum.

          Bedeutungsvolle Öffnung: Der Sarkophag soll mehr als tausend Jahre alt und die letzte Ruhestätte eines Bischofs sein.

          Begonnen hatten die Grabungen 2013 nach Renovierungsarbeiten. Doch jetzt sind keine weiteren Arbeiten vorgesehen. Schließlich möchte die evangelische Altstadtgemeinde wieder in ihre angestammte Kirche zurückkehren, teuer war die Aktion ohnehin. Es wird dauern, die 500.000 Fundstücke aus allen Epochen zu sichten, zu bewerten und zu dokumentieren.

          Noch mehr Fragen

          Vorläufiger Höhepunkt der bald sechs Jahre dauernden Forschungsarbeit war nun die Freilegung des mutmaßlichen Erkanbald-Grabes, das allerdings zunächst noch mehr Fragen aufzuwerfen als zu beantworten scheint. „Unser Wissen ist Stückwerk“, befand – mit dem Hinweis auf eine entsprechende Textstelle des Apostel Paulus – auch Dekan Andreas Klodt nach einer ersten Sichtung der Fundstücke. Die Hoffnung, einen Bischofsring, Reste eines Bischofsstabs oder eine Mitra im 1000 Jahre alten Steingrab zu finden, hat sich jedenfalls nicht erfüllt. Auch lag kein Metalltäfelchen bei, auf dem sich, so wie es früher bisweilen gemacht wurde, der Namen des Verstorbenen einfach hätte ablesen lassen.

          Sollte es sich tatsächlich um den 1021 verstorbenen Erkanbald handeln, würde das wiederum belegen, dass St. Johannis einst wirklich die zentrale Bischofskirche der Stadt gewesen war. Im Sarkophag, der einer ersten Einschätzung zufolge womöglich nicht neu geschaffen, sondern sozusagen als gebrauchtes Stück umgearbeitet wurde, fand sich zwar vieles, aber kein eindeutiger Hinweis auf die Identität des Bestatteten. Vor allem von den Textilrestauratoren, die einige Stofffragmente mit Goldbordüren näher untersuchen sollen, erhofft man sich demnächst gesicherte Informationen. Auch ein Metalldetektor wird noch eingesetzt, um im Idealfall doch noch einen Bischofsring aufzuspüren.

          Die entkernte Mainzer Johanniskirche am Leichhof wird am Samstag von 11 bis 15.30 Uhr ausnahmsweise für interessierte Besucher geöffnet haben.

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