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Wenn Kommunen lustige Namen haben : Frau Nauses’ Linsengericht mit Hering

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Manche Ortsnamen sollte man nicht beim Wort nehmen Bild: F.A.Z.-Foto Rainer Wohlfahrt

Manchmal packt die Menschen der Zorn. Dann können sie sich entweder im Mauswinkel verkriechen oder beim Lämmerspiel abreagieren. All das kann sich im Rhein-Main-Gebiet zutragen - wenn man sich auf die Ortsnamen verlassen darf.

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          Manchmal packt die Menschen der Zorn. Dann können sie sich entweder im Mauswinkel verkriechen oder beim Lämmerspiel abreagieren. All das kann sich im Rhein-Main-Gebiet zutragen - wenn man sich auf die Ortsnamen verlassen darf.

          Altwiedermus: Obstbäume gibt es rund um das Dorf genug, und trotzdem: Mit Kompott haben die Menschen in dem Örtchen nicht mehr zu tun als andere. Ein Mann namens Witaram wählte den Flecken einst als Wohnsitz. Heute liegt der Ort zu Füßen der Ronneburg. Und so heißt die Gemeinde, zu der sich Altwiedermus, Neuwiedermus und – auch nicht schlecht – Hüttengesäß zusammengeschlossen haben.

          Bösgesäß: Bösgesäß und Böß-Gesäß, einst eine Gemeinde, bei Zerschlagung des Fürstentums Isenburg 1816 in zwei Orte – einen kurhessischen, später (1866) preußischen, und einen hessischen – geteilt, in dem 1858 Getrenntschreibung angeordnet wurde. Die heutigen Ortsteile von Birstein sind 83 und 111 Einwohner klein. Der Name Bösgesäß stammt möglicherweise von einem Manne namens Bunizo oder Bonizo ab, der hier wohl im Mittelalter seinen Sitz (Mittelhochdeutsch „gesezze“, „gesesze“) hatte.

          Büttelborn: Nein, der südhessische Ort war im Mittelalter nicht etwa der bevorzugte Wohnsitz von Gerichtsdienern und Waldhütern – den Bütteln ist der Name der südhessischen Gemeinde nicht geschuldet. Es waren wohl eher ein Herr Butilo und sein Brunnen, die Pate standen und neidischen Nachbarn die Steilvorlage für Spottverse lieferten: „Als er war im größten Zorn, da schuf der Herrgott Büttelborn.“

          Frau Nauses: Fünf Bauernhöfe zählt das vor einem Eisenbahntunnel liegende Dorf. Der Ortsteil von Groß-Umstadt liegt parallel zur Bundesstraße 45. Der Name „Nau“ bedeutet soviel wie „neu“, „ses“ kommt von Sitz, einer Bezeichnung die in Odenwälder Ortsnamen häufig als „-säß“ vorkommt. Und das rätselhaft vorangestellte „Frau“ verweist auf die Zugehörigkeit zum früheren Frauenkloster Höchst. Ältere erinnern sich noch daran, dass vor der Eingemeindung alle Einwohner in der Gemeindeversammlung stimmberechtigt waren.

          Froschhausen: Ob es in den heutigen Seligenstädter Stadtteil einmal besonders viele Amphibien zog? Überliefert ist davon nichts. Als „Froyhusen“ taucht der Ort 1336 in einer Urkunde auf; die Herkunft des Begriffs ist dem Stadtarchiv unbekannt. Schon 1540 wurde daraus „Froischausen“, und bald danach bürgerte sich die jetzige Schreibweise ein. Der frühere Kortenbach wurde einst dazu passend auch als „Krötenbach“ gedeutet; der Name steht aber wohl eher für „die korze Bach“ – mundartlich für einen kurzen Bach.

          Hering: Mit Fischen hat der auf der Höhe liegenden Ort nichts zu tun. Bis zur Eingemeindung nach Otzberg war Hering die kleinste Stadt in Hessen. In ihrer Mitte liegt der Otzberg, der übriggebliebene Basaltkegel eines erloschenen Vulkans, auf dem die gleichnamige Veste steht. Der Name Hering leitet sich wohl von „Höhenring“ ab. Etwa 1000 Menschen leben heute dort. Erst nach 1803 kam Hering zu Hessen.

          Katholisch-Willenroth: Im Jahre 1706 tauschte das Bistum Mainz das Vogelsbergdorf Willnroth mit dem Fürstenhaus Isenburg gegen Dörfer im Offenbacher Raum. Die Willnrother pochten darauf, ihren Glauben inmitten des evangelischen Gebiets behalten zu dürfen. So kam „Katholisch“ offiziell in den Ortsnamen. Die Gebietsreform 1974 verlängerte diesen zum wohl längsten in Deutschland: Bad Soden-Salmünster-Katholisch-Willenroth. Die CDU hat dort in besseren Zeiten mehr als 90 Prozent geholt. Beliebter ist heute wohl das weithin bekannte Café Oma.

          Lämmerspiel: Junge Schafe wird man in dem heutigen Mühlheimer Ortsteil früher vielleicht gehalten haben, den Ortsnamen haben sie freilich nicht geprägt. Als „Limares villa“ (Limars Hof) taucht der Ort um 1150 erstmals auf, woraus Mittelhochdeutsch „Limmersbure“ wurde. Vom 14. Jahrhundert an gibt es Variationen – über „Lymmersböl“ (1376) zu „Limmerspuel“ (1431). Von da war es nicht mehr weit bis „Lemmerspiel“ (1564) und „Lämmerspiel“ (seit dem 19. Jahrhundert).

          Linsengericht ist ein alter Name für eine junge Kommune. 1970 schlossen sich fünf Orte im Osten des Main-Kinzig-Kreises zusammen und entschieden sich für den seit 1240 überlieferten Namen eines Richtplatzes. Der ist wörtlich zu nehmen: Flurnamen vom Linsenacker bis Linsenrain weisen darauf hin, dass in der Gegend einstmals viele Linsen, das Alltagsgericht unserer Ahnen, angebaut wurden.

          Mauswinkel: Von Fischborn geht es vorbei am Hofgut Entenfang nach Mauswinkel. Trotz der allgegenwärtigen Viecherei ist der zu Birstein gehörende 259-Personen-Ort nicht das El Dorado für Kammerjäger. Nagetiere gibt es weder mehr noch weniger als anderswo. In der Sprache der Einheimischen ist der frühere Name noch lebendig. „Meußwinkel“ sagen sie, und das heißt Moos in der Bedeutung von Moor, das hier reichlich vorhanden gewesen sein soll. dll.

          Rüsselsheim: In der Stadt gibt es das Opelwerk, und so heißt auch ein Zoo, in dem unter anderem Elefanten leben. Doch deren lange Nasen haben der Stadt nicht ihren Namen gegeben: Ruzilo hieß der Gründer der fränkischen Siedlung, der sich um Dickhäuter, Ortsnamen und die Lage der europäischen Automobilbranche keine Gedanken gemacht haben dürfte.

          Sterbfritz: „Komm, Fritz!“ soll ein Fahrensmann seinem Pferd zugerufen haben. Das soll dort gewesen sein, wo heute der Ort Gomfritz steht. Als das Tier im Bergwinkel schlappmachte, hat sein Herr der Sage nach mitleidig gerufen: „Sterb, Fritz!“ Es gibt mehrere Variationen der Geschichte, doch nach urkundlichen Belegen entstand der Name des 2100-Einwohner-Dorfes Sterbfritz (seit 1543) aus der Form „Starcfrideshuson“ (815), dem Haus eines Mannes namens Starkfried.

          Strinz-Trinitatis: Der Ort geht auf eine Ansiedlung zu Beginn des 9. Jahrhunderts zurück. Der Name „Strinz“ dürfte sich aus dem Keltischen Wort „Stryntz“ ableiten, was „Ödland“ bedeutet. Mit Recht, denn das Ackerland um Strinz ist wenig ertragreich. Später heißt es „Strinziche“, „Grozen Strinzge“, „Obirn Strintzige“, „Hinder strenze“, „Groszen-Strynzen“, „Hinderstrintze“ und schließlich 1446 „Strintzige in Heiligen Dreyfaltigkeit“ nach der Kirche der „Heiligen Dreifaltigkeit“ – vermutlich um es vom zweiten Ort gleichen Namens, dem heutigen Strinz-Margarethä, zu unterscheiden, das allerdings zu Hohenstein zählt.

          Wasserlos: Richtig ist, dass der Alzen-auer Ortsteil als Weindorf bekannt ist, falsch dagegen, dass Wasserlos ansonsten in einer Steppe liege. Tatsächlich hat sich der Name aus „Wasserlaiß“ entwickelt, und die Nachsilbe steht gerade für besonderen Wasserreichtum und verweist auf die einstmals üppig sprudelnden Quellen an den Hängen des nahen Hahnenkamms. Dem Namen zum Trotz hat es im Dorf also an Wasser nie gemangelt. Hoffentlich gilt das übertragen auch für die Vettern im hessischen Lieblos.

          Zorn: Zorn hat über Jahrhunderte seine Schreibweise nicht verändert. Möglicherweise ist er vordeutschen Ursprungs und in Verbindung mit einer wasserreichen Stelle anzusehen. Ob der Adelige Heinrich von Zorne, gestorben vor 1131, dort seinen Besitz hatte, lässt sich nicht belegen. In Zorn, seit 1972 einer von 19 Ortsteilen Heidenrods, leben 480 Einwohner. Meistens ganz gelassen.

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