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Weltreise : 45.000 Kilometer bis nach Hause

  • -Aktualisiert am

Ärger mit den Taxifahrern

430.000 Kilometer hat der 30 Jahre alte Geländewagen schon auf dem Tacho. Ein Neuwagen kommt für Thiele aber nicht in Frage. „Versuche mal, bei einem neuen Auto etwas auszutauschen mit der ganzen Elektronik“, sagt er. Der Achtsitzer sollte ihn bis zum Ende seiner Reise nicht im Stich lassen. Im November 2015 startet Thiele in Sidney und fährt nach Darwin in den Norden Australiens. Dort hatte er in den Jahren zuvor schon gearbeitet, kennt die Menschen und bereitet das Auto und sich selbst auf die Reise vor. Von seinen Plänen wissen nur wenige. Zu viele versuchten, ihm die Idee auszureden. Kurz vor dem Startschuss ruft er seinen Vater an. Philipps Großvater reiste zu DDR-Zeiten mit dem Auto unter anderem nach Georgien und in den Kaukasus. „Wenn dein Opa das gekonnt hätte, hätte er das auch gemacht“, gibt der Vater ihm mit auf den Weg.

In einem Container transportiert Philipp sein Auto von Darwin auf die indonesischen Inseln und erlebt unter anderem die Verfolgungsjagd mit der vermeintlichen Polizei. Unterwegs nimmt er oft Touristen oder Einheimische mit und genießt das Unbekannte. Eines morgens wacht Thiele auf und spürt, dass „etwas in der Luft liegt.“ Am Vortag geriet er in Streit mit einheimischen Taxifahrern, die meinten, dass er ihnen das Geschäft kaputtmacht. Als er aus seinem Hotel kommt, warten schon die aufgebrachten Taxifahrer, die ihn anschreien und beschimpfen. Thiele bleibt ruhig und versucht zu erklären, dass er kein Taxifahrer sei, sondern nur auf der Durchreise. Er versucht langsam wegzufahren, aber die Taxifahrer blockieren ihm den Weg mit Autos und Rollern.

Ungekannte Gastfreundschaft

Als sich die Situation allmählich beruhigt kommt der Bürgermeister der kleinen Insel Lombok dazu. Er könne die Leute nicht zurückhalten, und es kämen noch mehr, habe er zu Thiele gesagt. „Verlass die Insel“, wies er ihn an und Thiele fuhr schnell davon. Nachdem der Mainzer in Malaysia angekommen ist, fährt er mit seinem Toyota in den folgenden Monaten unter anderem nach Thailand, Indien und Nepal. Immer wieder begleiten ihn Menschen, ab Nepal bleibt der Sitz neben ihm bis Mainz besetzt. Thiele wandert am Fuße des Mount Everest und findet am Straßenrand einen Mischlingswelpen mit verletztem Bein. Er nimmt die Hündin auf seinen Arm und läuft zum nächsten Dorf, auf der Suche nach dem Besitzer. Aber niemand scheint den Hund zu kennen. „Ich hatte sie ja schon auf dem Arm, da konnte ich sie nicht einfach wieder hinlegen“, sagt Thiele heute.

Er nimmt sie mit und nennt sie Tiksa, abgeleitet vom nepalesischen „Tick-Cha“, was so viel bedeutet wie „alles okay“. Der Abenteurer findet einen Tierarzt, der sich um den Hund kümmert und die Papiere für die Reise nach Europa beantragt. Gemeinsam reisen die beiden durch Pakistan und Iran. Mögliche Gefahren blendet der heute 24 Jahre alte Student aus. Thiele entwickelt ein vertrauensvolles Verhältnis zu den Menschen. „Ich wurde überall zum Essen eingeladen, sollte Freunde und Familie kennenlernen“, erzählt er von seiner Zeit in Iran. So oft, dass ihn die Einladungen schon nervten. In Pakistan trifft er viele Menschen, die traurig sind, dass die Europäer ein derart schlechtes Bild von ihrem Land hätten.

Froh, wieder im eigenen Bett zu schlafen

Nach kurzer Zeit verzichtet er sogar darauf, sein Auto abzuschließen. Nach Zwischenstationen in Georgien, Russland und der Ukraine kommt er im November 2016 zurück nach Mitteleuropa. In Mainz angekommen, fällt es ihm anfangs schwer, sich einzuleben. Thiele hat nichts zu tun, das Wetter ist schlecht, undeinen normalen Tagesablauf hatte er seit einem Jahr nicht. Er schreibt sich wieder an der Uni ein, „für den Studentenstatus“, wie er sagt. Er besucht hin und wieder Vorlesungen in Bauingenieurwesen. Ein halbes Jahr später ist er froh, wieder zu Hause zu sein, mit festem Freundeskreis und seinem eigenen Bett.

Verarbeitet hat er die Reise noch nicht. „Ich glaube, ich bin noch im Prozess, zu verstehen, was im vergangenen Jahr los war“, sagt Thiele. Der Toyota Land Cruiser hat jetzt fast 500.000 Kilometer auf dem Tacho und steht im Hinterhof seiner WG in der Mainzer Neustadt. Fahren kann er ihn nicht mehr, denn um das TÜV-Siegel zu bekommen, ist viel Geld nötig. Aber in Mainz braucht er ihn ohnehin nicht. „Weggeben kann ich ihn nicht“, sagt er. Gemeinsam mit Hundedame Tiksa ist er das Andenken an eine außergewöhnliche Reise.

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