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„Europas Tor zum Weltraum“ : Satelliten-Zentrum in Darmstadt wird 50

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Alles im Blick: Im Kontrollzentrum der Esoc in Darmstadt verfolgen Experten im August 2014 den Flug der Raumsonde „Rosetta“. Bild: dpa

Mit so vielen Satelliten wie heute hat die Esa noch nie zu tun gehabt. Demnächst wird die Gründung des Kontrollzentrums Esoc vor 50 Jahren gefeiert. Die technische Entwicklung ist rasant.

          Die „Rosetta“-Mission mit der spektakulären Landung eines Mini-Labors auf dem Kometen „Tschuri“ vor drei Jahren ist ein Höhepunkt für Europas Weltraumagentur Esa. Die Steuerung solcher Projekte laufen im European Space Operations Centre (Esoc) in Darmstadt zusammen - auch Missionen für die Erdbeobachtung, den Klimaschutz, die Erforschung fremder Himmelskörper, die Astronomie sowie grundsätzlich der Aufbau von Satelliten-Konstellationen.

          Das Fachzentrum wird als „Europas Tor zum Weltraum“ bezeichnet und gilt in Kompetenz und Themenbreite als einzigartig in der EU. Das Esoc wird demnächst 50 Jahre alt. Mit 18 Satelliten in 11 Missionen steuern die Kontrolleure so viele wie noch nie.

          „Das Öl des 21. Jahrhunderts“

          „Daten aus dem Weltall sind das Öl des 21. Jahrhunderts“, sagt Rolf Densing (57), Esoc-Chef und Esa-Direktor für Missionsbetrieb. „Satelliten stellen täglich Daten zur Verfügung, etwa für die Landwirtschaft, für Katastrophenschutz, über Erdbeben, Tsunami und die täglichen Wettervorhersagen. Durch die globale Erwärmung nimmt die Zahl der Umweltkatastrophen zu.“

          Auch das Bundeswirtschaftsministerium unterstreicht die Bedeutung. „Die Beiträge, die die deutsche Raumfahrt für unseren Alltag leistet, sind unverzichtbar“, teilte die Behörde mit. Nicht nur beim Katastrophen-Management. „Ohne satellitengestützte Navigationssysteme, ohne Internet-, Radio- und TV-Transponder im Erdorbit und ohne hoch auflösende Satellitenbilder zur Unterstützung des Städtebaus oder der Forst- und Landwirtschaft sähe unser Leben deutlich anders aus.“ In die zivile Raumfahrt habe Deutschland 2016 rund 1,5 Milliarden Euro an Bundesmitteln investiert, einschließlich des Beitrages von fast 900 Millionen Euro für die Esa.

          Zur Eröffnung am 8. September 1967 kam Gerhard Stoltenberg (CDU) nach Darmstadt, damals Bundesforschungsminister. Die technische Entwicklung seither war rasant. Heute können mehr Daten in kürzer Zeit übertragen werden als früher. „Damals waren die Rechner noch so groß, dass sie einen ganzen Saal gefüllt haben“, beschreibt Densing. Bedient wurden die Rechner früher nicht über Tastaturen, sondern mühsam über Lochkarten.

          Wandel und Entwicklung

          Die European Space Agency wurde 1975 gegründet, das Esoc ist also älter als die Esa. Der Grundstein für die beiden Vorgängerorganisationen der heutigen Esa wurde bereits 1962 gelegt: die European Space Research Organisation (ESRO) sowie die European Launcher Development Organisation (ELDO). Unter der ESRO entstand 1963 das European Space Data Analysis Centre (ESDAC) in Darmstadt. Dort waren damals Großrechner für die Verarbeitung und die Analyse von Satellitendaten untergebracht.

          Das ESDAC erhielt 1967 eine neue Ausrichtung: Die Arbeit von Missionskontrolleuren - bisher im europäischen Weltraumforschungs- und Technologiezentrum ESTEC in den Niederlanden angesiedelt- wurde nach Darmstadt verlagert. Damit erhielt das ESDAC ein neues Aufgabenfeld: die Kontrolle von Satelliten - und die Eichrichtung den neuen Namen „European Space Operations Centre“ (Esoc). Die Zahl der Mitarbeiter wuchs.

          Im Jahr 2016 beschäftigte Esoc etwa 270 Esa-Festangestellte sowie 630 Mitarbeiter von Vertragsfirmen. Die Zahl der Mitarbeiter muss wegen der technischen Neuerungen nicht zwangsläufig von der Zahl der Missionen abhängen. Densing: „Wir machen mehr Missionen als je zuvor, ohne dass die Belegschaft gleich mitwächst. Wir wollen effizient sein.“

          Erdbeobachtung als Hauptaufgabe

          Rund 80 Esa-Satelliten brachten die Esoc-Teams seit der Gründung in den Orbit. Nur einige Monate nach der Gründung wurde im Mai 1968 der erste von Esoc gesteuerte Satellit gestartet: Esro 2B erforschte kosmische und solare Strahlung. „Damals hatten wir noch weniger Satelliten in unserer Verantwortung“, sagte der Chef des Esa-Flugbetriebs, Paolo Ferri, einer der Hauptakteure des „Tschuri“-Projektes.

          Der 57-Jährige ist seit mehr als 30 Jahren beim Esoc dabei. Früher habe die Pionierarbeit meist aus „Wissenschafts-Missionen und Telekommunikations-Satelliten bestanden“. Dann sei der Aufbau von Europas Wetter-Satelliten gefolgt. Inzwischen sei die „Erdbeobachtung sehr stark“, auch die erdnahen Objekte, die Asteroiden etwa, die dem Blauen Planeten gefährlich nahe kommen können.

          Im Weltall gibt es laut Densing inzwischen insgesamt etwa 4500 intakte Satelliten (zivile und militärische), etwa 1500 von ihnen sind in Betrieb. Auf der Bahn der Satelliten ist es nicht nur enger geworden. Auch der Weltraumschrott - ausgediente Satelliten, Raketenreste und die millionenfache Zahl kleiner Trümmerteile - machen Probleme. „Weltraumschrott ist seit mindestens 30 Jahren ein Thema“, erklärt Densing. „Esoc ist einer der Pioniere beim Thema Weltraumschrottanalyse“, sagt Ferri. Aufgeräumt werden könnte mit einer Art Müllabfuhr im All per Greifarme und Netze. Laut Densing legen Richtlinien fest, dass Satelliten nach 25 Jahren wieder zurückkommen, „oder in die Tiefen des Alles hinausgeschoben werden“ - zu einer Art Friedhof im Weltall.

          Densing kann sich vorstellen, dass Satelliten einmal quasi von alleine im All fliegen könnten. „Ihre Autonomie wird zunehmen, wie auch bei Autos“, sagt er. „Das wird aber noch lange dauern.“ Die weiterhin rasante technische Entwicklung „fällt aber nicht über uns her“, sagte der Esa-Direktor. „Wir treiben das an und gestalten das.“

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