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Weltkulturerbe-Wunsch : Dem Odenwaldlimes fehlt bloß das Unesco-Logo

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z.

Der Odenwaldlimes war rund 50 Jahre lang die Außengrenze des Römischen Reichs. Kastellwälle und rekonstruierte Grundrisse von Wachtürmen zeugen davon. Dennoch ist die Anerkennung als Weltkulturerbe ausgeblieben, und auch die Chancen dazu sind gering.

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          Die Straße führt aus dem Wald heraus auf ein kleines Dorf zu. Würzberg liegt gerade noch in Hessen, bis zur bayerischen Grenze ist es nicht weit. Es sei eines der ältesten Waldhufendörfer, sagt Walter Weidmann, der von Geburt an in Würzberg lebt. Schon seit den fünfziger Jahren erforscht der Siebzigjährige die Geschichte der Region. „In Waldhufendörfern lagen die Gehöfte an der Straße, und hinten heraus hatten die Bauern ihre Felder, die sogenannten Hufen, die vom Waldrand abgeschlossen wurden“, erklärt er.

          Würzberg ist für Historiker allerdings nicht nur wegen seiner Hufen interessant. Vor mehr als 1900 Jahren lag es hinter einer umkämpften Grenze, dem Odenwaldlimes. Er war in den Jahren zwischen 110 und 155 nach Christus die Außengrenze des Römischen Reichs. Laut Egon Schallmayer, Landesarchäologe und Direktor der Saalburg, könnte der Beginn des Limes in einer ersten Bauphase noch in Obernburg gewesen sein, wohingegen er später vom bayerischen Wörth aus nach Seckmauern führte. In Hessen verlief der Limes dann über Würzberg und Hesselbach, bevor er an Oberscheidental und Neckarburken vorbei in Bad Wimpfen endete. Um etwa 155 nach Christus wurde die römische Grenze schließlich vorverlegt auf den obergermanisch-raetischen Limes, der sich heute Unesco-Weltkulturerbe nennen darf.

          Das Verdienst des Heimatforschers

          „Unsere Tafeln sehen genauso aus, bloß fehlt das Unesco-Logo“, sagt Weidmann, als er vor den Überresten des Römerbades steht, und kann seinen Unmut darüber kaum verbergen. Dass die Ruine des Römerbades und die Spuren des einstigen Kastells in Würzberg heute überhaupt zugänglich sind, ist das Verdienst des Heimatforschers. In den neunziger Jahren hatte sich der Beamte im gehobenen Dienst dafür eingesetzt, dass die kostbaren Römerspuren von Hecken befreit wurden. Heute bietet nicht nur die freigelegte Fläche eine Vorstellung von der Größe des Römerlagers, auch die erwähnten Informationstafeln klären auf Deutsch, Englisch und Französisch über die römische Vergangenheit der Gegend auf.

          „Das Römerbad lag außerhalb des Kastells im Vicus“, berichtet Weidmann. „Vicus“ ist die römische Bezeichnung für ein Lagerdorf. Weidmann steht vor der alten Badanlage. Etwa drei Schichten der Steine sind auf den noch erhaltenen Grundrissen rekonstruiert worden. „Hier wurde das Feuer geschürt, die heiße Luft ging durch den Tunnel dann unter die Räume, so hat das Hypokaustum funktioniert“, erklärt Weidmann, während er sich leicht über eine der niedrigen Wände lehnt und mit dem Finger auf einen Durchlass in der Mauer zeigt. Das „Hypokaustum“ würde man heute Fußbodenheizung nennen.

          „Wahrscheinlich lag dort die Via praetoria“

          Weidmann weiß unendlich viele Details, ob über die Bodenbeschaffenheit, römische Bauweise oder geophysikalische Untersuchungen. Und er gibt seine Informationen preis, während er auf die Stelle auf der Lichtung zuläuft, wo einst ein Kastell gestanden hat. Heute zeugt davon noch ein runder, etwa 2,20 Meter hoher Graswall. Er umgibt eine Fläche von 80 mal 80 Metern. Einbuchtungen deuten die Stellen an, an denen ein Tor den Zugang zum Kastell gewährte. „Wahrscheinlich lag dort die Via praetoria“, sagt Weidmann und deutet mit seiner Hand eine Linie an. Sie war eine der beiden sich kreuzenden Straßen, die es in den meisten Kastellen gab.

          Durch geophysikalische Untersuchungen wurden im Boden im Inneren des Walls vor vier Jahren Hinweise entdeckt, die nicht nur auf jene „Via praetoria“, sondern auch auf Gebäude wie beispielsweise das sogenannte Horreum, einen Getreidespeicher, hindeuten könnten. Weidmann erläutert bis auf Pixel pro Inch, wie solche Untersuchungen funktionieren. In einem Graumuster zeigten weiße Stellen, wo sich im Boden dichtes Material wie beispielsweise Stein befinde, sagt der Würzberger. So könnten später die Bauten aufgezeichnet werden, ohne dass man sie ausgraben müsse. Auf diese Weise blieben sie unbeschädigt und konserviert.

          Einst Platz für 160 Soldaten

          Entlang des etwa 80 Kilometer langen Limes gab es vier größere sogenannte Kohortenkastelle sowie mehrere Numerus- und Kleinkastelle. In einem Numeruskastell, wie es in Würzberg stand, lebten etwa 160 Soldaten. Je nach Begebenheit des Geländes gab es außerdem alle 500 bis 700 Meter einen Wachposten, so dass am gesamten Odenwaldlimes an etwa 88 Plätzen zwei bis drei Wachtürme gestanden haben dürften. An vielen Orten, unter anderem in Würzberg, sind noch heute die Grundrisse mancher Wachtürme durch Rekonstruktionen nachvollziehbar.

          „Es gab verschiedene Entwicklungsphasen am Limes“, sagt Schallmayer. Nach und nach wurde die Grenzanlage ausgebaut: Während es anfangs nur einen Patrouillenweg gab, wurde er später durch Wachtürme und Palisaden verstärkt. In einer dritten Phase wurden die hölzernen Wachtürme durch Steinbauten ersetzt und zuletzt zusätzlich mit Wall und Graben abgesichert. Der Odenwaldlimes habe nur die ersten drei Phasen durchlaufen, da zum Zeitpunkt der vierten und letzten Ausbauphase die Grenze bereits auf den obergermanisch-raetischen Limes vorverlegt worden sei, erklärt Schallmayer. Weil es Wall und Graben entlang der Grenze im Odenwald nicht gegeben habe, seien auch keine Wallaufschüttungen vorhanden, die die einstige Grenze sichtbar machen könnten.

          Finanzspritze von der Denkmalschutz-Stiftung

          Trotzdem erinnern viele Spuren an den ehemaligen Grenzverlauf des Römischen Reiches: In Lützelbach zum Beispiel ist der Wehrgraben des Kastells erkennbar, an der Turmstelle „in den Vogelbaumhecken“ in der Nähe von Würzberg wurden die Sockel eines Holz- sowie eines Steinturms restauriert und Holzpalisaden errichtet, im Englischen Garten in Eulbach sammelte schon Graf Franz I. zu Erbach-Erbach römische Denkmäler und ließ das Tor des Würzberger Kastells – wenn nach heutigen Erkenntnissen auch falsch – mit Originalsteinen aufbauen.

          Weidmann arbeitet momentan an einem sogenannten Limesentwicklungsplan mit, der Voraussetzung zur Bewerbung auf Anerkennung als Weltkulturerbe ist. Am Freitag überreicht die Deutsche Stiftung Denkmalschutz 40.000 Euro für die Sanierung verschiedener Wachtturmstellen am Odenwaldlimes.

          Schallmayer selbst ist wenig optimistisch. Er weiß, dass es ein mühsames Prozedere bis dahin ist. Denn es sei nicht möglich, einfach den Odenwald-Abschnitt des Limes zum Anhängsel des Unesco-Weltkulturerbes zu deklarieren. Vielmehr müsste in einem Managementplan unter anderem der gesamte Limes genau vermessen werden. Außerdem wären touristische Konzepte auszuarbeiten. In England hingegen habe man zwei Grenzlinien des Römischen Reiches von Anfang an gemeinsam für die Unesco-Welterbeliste vorbereitet. Am Limes sei das in Deutschland nicht geschehen. Zudem gebe es lange Wartelisten. Der Odenwaldlimes als Unesco-Weltkulturerbe müsse deshalb wohl vorerst Utopie bleiben.

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