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Künstler und die Corona-Krise : Die Aussichten: grau bis düster

Offene Fragen für Künstler: „The Future Will Be Confusing“ heißt es in der Leuchtinstallation von Tim Etchells an der Fassade des Frankfurter Mousonturms. Bild: Carlos Bafile

Spendeninitiativen statt politischer Hilfe: Während Hessen Nachbesserungen des Bundes anmahnt, bangt der Kulturbetrieb – und der Protest wird lauter.

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          Künstlerinnen und Künstler werden „wegen der Absage von Veranstaltungen wie Konzerten, Lesungen oder anderen Aufführungen voraussichtlich länger als andere Branchen von den angeordneten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus betroffen sein“. Das hat der hessische Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) am Dienstag an Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) geschrieben.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es geht Al-Wazir um eine Nachbesserung der Richtlinien für die Soforthilfen des Bundes, die auch das Land Hessen aufgestockt hat. Solo-Selbständige, unter ihnen Künstler, Kulturveranstalter und Kreative, fallen durch die Raster der Hilfen, weil bei ihnen keine Betriebskosten anfallen und berufliche und private Ausgaben oft nicht zu trennen sind. Ihnen bleibt derzeit nur die Grundsicherung. Alles andere als unbürokratisch, so wie zu Beginn der Krise versprochen, ist das nach einhelliger Meinung hiesiger Künstler, die versucht haben, sich um Hilfe zu bewerben.

          „Und wir?“, lautete daher der erste hiesige Kommentar zur Mitteilung vom Wochenanfang, dass nach Berlin und Nordrhein-Westfalen sowie Baden-Württemberg, wo der gesamte Kultursektor eine monatliche Hilfe bekommen kann, auch Bayern seinen Künstlern helfen will. 1000 Euro monatlich sollen sie nach dem Willen von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) erhalten, allerdings nur, wenn sie in der Künstlersozialkasse angemeldet sind.

          „Wie sich in Nordrhein-Westfalen gezeigt hat, ist das bei etwa 50 Prozent aller Kulturschaffenden nicht der Fall“, sagt Mirjam Schmidt, kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Hessischen Landtag. Die Frage nach der Künstlersozialkasse betrifft auch viele in kunstnahen Berufen Tätige wie Bühnentechniker und Lichtgestalter, ohne die Theater nicht funktionieren, sollten sie wieder öffnen. „Wenn jetzt Einnahmen wegbrechen, sind die nie wieder hereinzuholen“, sagt Tom Pfeifer, der Leiter der Mainzer Kammerspiele. Die Lage sei düster. Das Haus hat für seine dreieinhalb Mitarbeiter Kurzarbeit beantragt, Pfeifer überlegt, Geld aus Gutscheinaktionen an die am Haus arbeitenden freien Schauspieler zu verteilen und eventuell in der nächsten Spielzeit zu verrechnen. Aber auch mit Vorausbuchungen sehe es mau aus.

          Solche Unwägbarkeiten haben erste freie Häuser wie das Frankfurter Papageno Theater zum vorzeitigen Ende der Spielzeit bewogen. Alle Hoffnungen liegen auf dem Herbst. Auch einige staatlich finanzierte Theater rechnen offenbar schon mit einem vorzeitigen Ende der Saison. Doch sei noch alles offen. Seit der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) über die verhältnismäßig niedrige Zahl von 100 Personen als Grenze zur Großveranstaltung nachgedacht hat, sehen zumal kleine Häuser und Kinos schwarz für ihre Existenz und warten auf klare Definitionen und Hilfen durch Land und Kommunen.

          „Viele haben absolut keine Ahnung, was bei uns passiert“

          Kaum ein kleines Theater könne unter Auflagen und mit Mindestabstand auch nur kostendeckend arbeiten, sagen hiesige Theaterleiter. Dass Außenstehende, auch Politiker, gar nicht wüssten, wie in der freien Szene und in der Kultur insgesamt gearbeitet werde, habe er jüngst bei einer Telefonkonferenz zur Kulturförderung in Land Rheinland-Pfalz gemerkt, so Pfeifer. „Viele haben absolut keine Ahnung, was bei uns eigentlich passiert.“ Auch sein Haus habe umgehend einen Antrag auf Soforthilfe gestellt, aber nur eine einzige Person aus der Kulturszene, die er kenne, so Pfeifer, habe bislang etwas bekommen.

          Die Stadt Mainz hat nun einen Hilfsfonds angekündigt, aufgelegt sind 150.000 Euro. 200.000 Euro hat die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) lockergemacht, aufgestockt durch zwei Stiftungen, man spreche über weitere Zustiftungen, so eine Sprecherin. Der Notfallfonds laufe gut, für konkrete Zahlen sei es aber noch zu früh: „Alle Anträge werden individuell und nach Rücksprache mit den Antragstellern entschieden.“ Die Mittel gebe es für Projekte, um Künstlern das Weiterarbeiten zu ermöglichen, wenn Bundes- und Landesmittel nicht griffen.

          Schwierig sei die Lage der freien Häuser. „Wir können zum jetzigen Zeitpunkt nur raten, dass sich die freie Szene an den großen Bühnen der Stadt orientiert“, so die Sprecherin. Das Kulturdezernat habe Fragen an das Land gerichtet, maßgeblich seien Kontaktsperre und die Definition von Großveranstaltungen. Museen sollen, vorbehaltlich anderer Verordnungen, am 4. Mai wieder öffnen können.

          Informationsfluss und Kommunikation verliefen in der Corona-Krise nur schleppend, kritisieren Künstler und Interessenvertreter. Während die Erklärungen von Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) zum Erhalt der deutschen Kulturlandschaft anfangs ein international positives Echo hervorriefen, mehrt sich nun Kritik. Zu denen, die ihr vorwarfen, nicht genug auf die Proteste aus der Szene zu reagieren, zählt der FDP-Politiker Gerhart Baum. Mittlerweile versprach Grütters, „gegebenenfalls nachzujustieren“.

          Der Ton in den sozialen Netzwerken wird zunehmend bitter

          Auch hiesige Künstler, Veranstalter und kulturnahe Selbständige haben Petitionen verfasst und teilen Informationen über Gagenvereinbarungen, Verbände geben Beratung und sammeln Daten zur Lage. Der Ton in den sozialen Netzwerken wird zunehmend bitter. Immerhin haben sich private Hilfsinitiativen gebildet. Schmidt etwa hat als Privatperson die hiesige Spendenplattform kulturzeiterin.de mitgegründet.

          Die Initiative hat innerhalb von zwei Wochen gut 52.000 Euro Spenden gesammelt, die unbürokratisch vergeben werden. Schmidt fordert ein stärkeres Engagement – notfalls auch einen eigenen hessischen Weg (siehe Interview). Al-Wazir hingegen plädiert in seinem Schreiben für eine bundesweit einheitliche Lösung, was ausgefallene Umsätze und Honorare betrifft, sowie für Unterstützung bei den Lebenshaltungskosten für diejenigen ohne Betriebsausgaben. Und: Nicht jedes Bundesland solle für bestimmte Gruppen eigene Regelungen erlassen.

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