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Weiterstadts Filmfest : Boviste und Hallimasch passgenau im Forst

Bier trinken, Bands hören, auf den Abend und die Filme warten im Wald: Es geht ziemlich entspannt zu, wenn die Leinwand in Weiterstadt gehisst wird. Bild: Filmfest Weiterstadt

Kurzfilme umsonst und draußen, Experimentelles mit Witz im Kino, handgekurbelte Filme und ein Zeltplatz im Wald: Das Open-air-Filmfest Weiterstadt findet zum 41. Mal statt.

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          Eigentlich dürfte man das gar nicht sagen. Schließlich ist das Kommunale Kino Weiterstadt nicht eben riesig groß. Ist außerdem das traditionsreiche „Open-air-Filmfest“, wie schon der Name sagt, ein Ereignis unter möglichst wolkenlosem freiem Himmel, und außerdem lebt die Veranstaltung seit vier Jahrzehnten von der nicht nur in Hessen, sondern in ganz Deutschland einzigartigen Atmosphäre. Und doch, es muss nun einmal sein: Wer also am Samstagabend vor Beginn des Super-8-Wettbewerbs im Braunshardter Tännchen – dem einzigen wirklichen „Muss“ für jeden Filmfan bei dem fünf Tage dauernden Kurzfilmmarathon – nicht noch für ein, zwei Stündchen im Kino in der Stadtmitte vorbeischaut, der ist ganz einfach selbst dran schuld.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Sicher, auch bei der mittlerweile 41. Ausgabe des Festivals, das in diesem Jahr vom 10. bis 14. August stattfindet, mag man vor allem die Picknickstimmung genießen. Und bei freiem Eintritt – nur das „Best of“ am Montag kostet ein paar Euro – mit reichlich Würsten, Bier und Veggie-Burgern das noch immer komplett ehrenamtlich organisierte Kinovergnügen unterstützen. Manche wollen womöglich einfach einmal gucken, was die mal mehr, mal weniger bekannten Bands so taugen, die allabendlich das Programm im „Tännchen“ eröffnen. Entscheidend für die Jahr für Jahr rund 10 000 Besucher aber ist noch immer das Programm und mithin die Frage, was die langen, freilich im August mitunter auch schon mal empfindlich kühlen Weiterstädter Nächte an Filmen aus rund 40 Ländern wohl so bringen.

          Das Ziel: „Dass man alle Filme sehen kann“

          Schließlich finden sich unter den von der Sichtungsgruppe aus gut und gerne 2000 Einreichungen ausgewählten Arbeiten zahlreiche Dokumentationen ebenso wie oft von Filmhochschulen aus aller Welt eingesandte Kurzspielfilme. Es gibt wieder wunderbar gezeichnete Animationen wie „Big Bag“ geradeso wie Experimentelles etwa des Frankfurter Künstlers Gunter Deller oder des schon mehrfach bei den Kurzfilmtagen Oberhausen ausgezeichneten Michel Klöfkorn; Politisches, wie es in diesem Jahr etwa aus Griechenland kommt, und natürlich viel gute, gerne komische, mitunter hemmungslos kalauernde Unterhaltung. Und doch, den im vergangenen Jahr zum Jubiläum wiederbelebten Samstagabend im Kommunalen Kino Weiterstadt sollte man sich keinesfalls entgehen lassen.

          Und sei es bloß, weil Stefan Möckel, seit Jahrzehnten mit seinen minutenkurzen Super-8-Filmen in Weiterstadt zu Gast, das Buch seines Vaters, des Zeichners und Instrumentenbauers, Musikers und Sammlers Dieter Möckel vorstellen wird, dessen Gesicht man vielleicht aus des Sohnes „Vater Noah“ oder „Bedman“ kennt. Und Paul Dorns eine fette Stunde dauernden, von den Kasseler Klangkünstlern Stereo Attachés im Anschluss live im Kino vertonten Schmalfilm „Die Dadabraut“, sollte man sich ohnehin keinesfalls entgehen lassen. Nicht nur, weil Zufall, Unsinn und Humor, weil Witz und Ironie im Kino bislang nie geschadet haben. Einen solchen „neorealistischen Film zwischen Spagat und Znüni“, wie es in der Ankündigung vielversprechend heißt, „billig, einfach, klar und farbig“ hat man bislang vermutlich nie gesehen.

          Sonst aber hat man wie stets am „Tännchen“ auch in diesem Jahr die Qual der Wahl. Denn auch wenn es sich die Festivalmacher zum Ziel gesetzt haben, „dass man alle Filme sehen kann“, wie Sprecher Andreas Heidenreich sagt, ist das bei 197 Beiträgen aller Formate beim besten Willen nicht zu schaffen. Vor allem aber weiß man nur in den seltensten Fällen wirklich, was auf einen zukommt. Bei „Les Courgettes de la Résistance“ etwa, dem Abschlussfilm von fünf Studenten aus Valenciennes, oder der immerhin eine halbe Stunde langen „Freibadsinfonie“ der aus Darmstadt stammenden Sinje Köhler. Gerade einmal sechs Minuten brauchen derweil Markus Mischkowski und Kai Maria Steinköhler aus Köln für „Der Wechsel“, der das Open-air-Programm am Freitagabend eröffnet.

          Eröffnung mit dem „Waldstück“ von Stella und Wolfgang Raith

          Doch stilecht mit einer alten Kamera mit Handkurbelbetrieb und in Schwarzweiß gedreht, gehört der mit zahlreichen Anspielungen auf die Kinogeschichte, von Jacques Tatis „Monsieur Hulot“ bis Murnaus „Nosferatu“, gespickte Stummfilm fraglos zu den Höhepunkten aller einschlägigen Festivals der aktuellen Saison.

          Schon seit einigen Jahren etabliert hat sich am Rande des Freiluftgeländes das Filmzelt, wo das Programm von Freitag an schon am Nachmittag beginnt, bevor am Abend der beliebte Kurzfilm-Poetry-Slam ausgetragen wird. Und auch das Kinderprogramm am Samstagvormittag hat hier seit jeher seinen überdachten und bei Hitze angenehm kühlen Ort.

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          Eröffnet wird das 41. Filmfest am 10. August mit „Waldstück“ von Stella und Wolfgang Raith, einer hübschen computeranimierten Choreographie aus den Wäldern der Region, in der sich Fliegenpilze und Boviste, Baumpilze, Hallimasch und Krause Glucke zur Musik von Max di Carlo im Unterholz zusammenfinden. Mag sein, selbst im Braunshardter Tännchen erlebt man solch magische Sommernächte eher selten. „Waldstück“ aber lässt mit seinen zwei Minuten Film am Ende keinen Zweifel an derlei zauberhaften Weiterstädter Augenblicken. Und nur die Kamera hat es gesehen.

          Das 41. Open-air Filmfest Weiterstadt im Braunshardter Tännchen wird am 10. August um 20 Uhr mit Live-Musik von Gypsea Blue eröffnet. Das Filmprogramm beginnt um 21.35 Uhr. Weitere Informationen, das vollständige Programm, Busverbindungen sowie eine Anfahrtsskizze im Internet unter www.filmfest-weiterstadt.de. Es werden noch weitere ehrenamtliche Helfer gesucht.

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