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Weinregion : Starke Marke und abschreckendes Beispiel

  • -Aktualisiert am

Rhein oder Rheingau? Bei Rüdesheim ist man sich da noch nicht so sicher. Bild: Cornelia Sick

Viele Rheingauer rümpfen über den Tourismus in Rüdesheim die Nase. Schwarzwalduhren und bayerische Bierkrüge in den Souvenirläden, billige und schlechte Weine in manchen Lokalen, dazu altbackene Schunkelmusik osteuropäischer Musiker.

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          Viele Rheingauer rümpfen über den Tourismus in Rüdesheim die Nase. Schwarzwalduhren und bayerische Bierkrüge in den Souvenirläden, billige und schlechte Weine in manchen Lokalen, dazu altbackene Schunkelmusik osteuropäischer Musiker. Das alles gedacht für die schnelle Abzocke anspruchsloser Gäste, die in Rüdesheim meist im Rudel einfallen und nach einer langen Busfahrt vor allem eines wollen: einen Abend kräftig auf die Pauke hauen und den süßen Wein in Strömen fließen lassen.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Das ist das Bild, das nicht wenige Rheingauer von Rüdesheim und seinen Gästen haben. Es ist zwar weniger als die halbe Wahrheit über den modernen Tourismus in Rüdesheim, aber dennoch zieht es ein Rheingauer kaum in Betracht, am Abend in Rüdesheim auszugehen. Die Drosselgasse gilt vielmehr als Inbegriff des lauten Massentourismus. Ein Verweis auf diese 144 Meter lange Vergnügungsgasse galt beispielsweise in Eltville erst kürzlich als abschreckendes Beispiel in der Diskussion um die Neugestaltung und Vermarktung des Rheinufers. Eltville will seinen Gästen vieles bieten, aber keinesfalls eine Anmutung von Drosselgasse.

          Die Marke „Rüdesheim“ sei ein Vielfaches stärker als die Marke „Rheingau“

          In Rüdesheim ist das Selbstbild indes ein völlig anderes, wie erst jetzt wieder auf der Jahresversammlung des Vereins für Wirtschafts- und Tourismusförderung deutlich wurde. Die Rüdesheimer Touristiker und Gastronomen sehen ihre Stadt hinter dem Kölner Dom und noch vor dem Brandenburger Tor als „Hot Spot“ des deutschen Tourismus und die Drosselgasse auf einer Stufe deutscher Premiumziele mit dem Münchner Hofbräuhaus, Schloss Neuschwanstein und der Altstadt von Rothenburg ob der Tauber.

          Die Marke „Rüdesheim“ sei ein Vielfaches stärker als die Marke „Rheingau“, selbst wenn diese mit dem Begriff „Riesling“ verknüpft werde, heißt es. Und schon mehr als 100 Kilometer von Wiesbaden entfernt sei der Rheingau nur noch eine völlig unbekannte Größe, sagte ein Rüdesheimer Gastronom. Der Aufsichtsrat der Rüdesheim Tourist AG, Werner Eigler, ereiferte sich sogar: Rüdesheim könne sich nicht mit dem „Kulturland Rheingau“ identifizieren, sagte er.

          Geteiltes Echo

          Genau das aber ist der neue Slogan und damit Teil der gerade erst vorgestellten Dachmarke Rheingau, unter dem künftig auch Rüdesheim segeln will, ohne deshalb freilich die eigene Markenstrategie aufzugeben. Um Rüdesheim nicht im Rheingau zu isolieren und auch um den wichtigen Markt der Tagesausflügler aus der Rhein-Main-Region nicht aufzugeben, will Rüdesheim die Dachmarke durchaus unterstützen, ohne aber sich allein darauf zu konzentrieren. Das zumindest ist die Strategie des Tourismusvereins-Vorsitzenden Ralf Nägler, dessen Entgegenkommen aber Kritikern wie Eigler schon viel zu weit geht. Rüdesheim stehe für „eine andere Art des Tourismus“, sagte Eigler, und Rüdesheim sei zudem auch tatsächlich „die einzige Marke im Rheingau: Alles andere ist Wunschdenken“. Eine Dachmarke „Kulturland Rheingau“ werde für Rüdesheim nicht erfolgreich sein, weil sie nicht der Wahrheit entspreche. Sie sei deshalb auch „ökonomisch falsch“.

          Eigler ließ sich in seinem Widerstand auch nicht vom Rheingauer Regionalmanager Dieter Popp überzeugen, der die Gastronomen und Hoteliers auf die starken kulturellen Seiten Rüdesheims hinwies: den Ostein’schen Landschaftspark auf dem Niederwald, die Germania, die vielen Spuren der Hildegard von Bingen im Ortsteil Eibingen und die vielen renommierten Weingüter mit Weltruf. Dass der Begriff „Kulturland“ deshalb auch Rüdesheim einschließe, stieß in der Versammlung aber auf geteiltes Echo. Dieses ambivalente Verhältnis ist nicht neu. Als die Rheingauer Kommunen vor Jahren erwogen, allen ihren Ortsnamen den Zusatz „im Rheingau“ zu geben, ging allein Rüdesheim sofort auf Abstand. Die „kleine Stadt mit dem großen Namen“, so wurde der Rest des Rheingaus beschieden, liege weiterhin „am Rhein“.

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