https://www.faz.net/-gzg-9ypi2

Wanderweg „Rhein-Wisper-Glück“ : Wo es an jeder Ecke knallt

Imposanter Blick auf den Rhein: Der Wanderweg „Rhein-Wisper-Glück“ ist für die Wahl zu „Deutschlands schönstem Wanderweg 2020“ nominiert. Bild: Robert Carrera

Champions League schauen geht derzeit nicht, Champions League wandern aber schon. Ein Gang auf dem „Rhein-Wisper-Glück“ – der abwechslungsreichsten Route im westlichsten Eck Hessens.

          3 Min.

          Nichts wie hinaus aus dem Zug. Aussteigen am Bahnhof Lorchhausen im westlichsten Eck Hessens, den Rucksack übergeworfen – und gleich einen Kilometer zügig und stetig bergauf. Da wird selbst dem geübten Wanderer warm unter der Funktionsjacke. Doch schon auf den ersten Metern entschädigt das Naturerlebnis für den Schweißausbruch. Die Kulisse des Mittelrheintals nimmt den Ausflügler schon auf den ersten Metern gefangen. Und die Geologie nicht minder, denn der Boden ist gut sichtbar von Rheinschiefer durchsetzt. Dieser Berg zeigt an vielen Stellen, warum der Riesling aus der Region ganz eigene Geschmacksnoten besitzt.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Der erste Anstieg, der nur ein Zuweg ist, belohnt mit einem imposanten Blick auf den Rhein, auf dem die langsam vorbeiziehenden Gütermotorschiffe fast wie Spielzeuge wirken. Dann biegt der Wanderer ein auf einen Wanderweg, der es in sich hat. „Rhein-Wisper-Glück“ heißt die neue Tour, die mit einer Länge von 9,3 Kilometern und einem mittleren Schwierigkeitsgrad problemlos an einem Vormittag zu bewältigen ist.

          Eine Wanderung, die Lust auf mehr macht, und dieses Verlangen kann gestillt werden. Denn diese Runde ist ein „Wisper Trail“. Sie gehört zu einem Verbund von 14 zertifizierten Wandertouren mit einer Gesamtlänge von 208 Kilometern, die auf eine Initiative des Lorcher Wanderenthusiasten Robert Carrera zurückgeht. Zusammen ergänzen sie den 44 Kilometer langen Weitwanderweg „Wispertaunussteig“, der die beiden Unesco-Welterbestätten Limes und Mittelrheintal miteinander verbindet.

          Mit der vorbildlichen Beschilderung aller Wege und der Herausgabe der Broschüre „Wisper Trails“ ist das Projekt „Premiumwandern im Wispertaunus“, das von EU-Regionalförderung bezuschusst worden, war, abgeschlossen. Das Deutsche Wanderinstitut hat die Routen in dem dünn besiedelten, waldreichen und naturbelassenen Gebiet zertifiziert. Und das „Rhein-Wisper-Glück“ hat 94 Erlebnispunkte bekommen. „Das ist Champions League“, schwärmt der Rheingauer „Wanderpapst“ Wolfgang Blum, der regelmäßig geführte Wanderungen durch die Region organisiert.

          Die Kulisse des Mittelrheintals nimmt den Ausflügler schon auf den ersten Metern gefangen.
          Die Kulisse des Mittelrheintals nimmt den Ausflügler schon auf den ersten Metern gefangen. : Bild: Robert Carrera

          Die 94 Punkte auf einer theoretisch nach oben offenen Skala hat Klaus Erber vom Deutschen Wanderinstitut vergeben. Das sei keine subjektive Einschätzung, beteuert der Wanderfachmann, sondern sei Ausfluss eines ausgeklügelten Bewertungssytems aus 34 Kriterien und 200 Einzelmerkmalen. „Da wird jeder Felsbrocken und jede Aussicht bewertet“, sagt Erber. Mehr als 50 Punkte muss ein Premiumweg mindestens aufweisen. Von 80 Punkten an wird die Luft dünn, mehr als 90 erreichen nur ganz wenige Wege. Abwechslungsreicher als das „Rhein-Wisper-Glück“ mit 94 Punkten ist in Hessen laut Wanderinstitut kein anderer Weg. Wer unbedingt auf noch mehr Punkte setzt, muss schon nach Südtirol reisen, um „Rund um das Rittner Horn“ bei Bozen die 100-Punkte-Marke zu überspringen.

          Nominiert für „Deutschlands schönster Wanderweg 2020“

          Erber legt Wert darauf, dass auch Wege mit 60 oder 70 Punkten Reize haben. Und nicht jeder Wanderer wolle sich ständig auf Touren bewegen, „wo es an jeder Ecke knallt“ und entsprechend viele Wanderer unterwegs sind. Am „Rhein-Wisper-Glück“ aber knallt es visuell an jeder Ecke, weshalb er für die Wahl zu „Deutschlands schönstem Wanderweg 2020“ nominiert ist. Die Route lässt sich in Corona-Zeiten gut allein oder zu zweit erkunden. Carrera rät dazu, den Weg an einem Wochentag unter die Schuhe zu nehmen, denn manche Passagen sind so eng, wie es sich für einen „Steig“ gehört.

          Vom ersten Aussichtspunkt hoch über dem Rhein führt der Weg am Naturschutzgebiet Engweger Kopf vorbei, der mit 356 Metern höchsten Erhebung. Vor der Freifläche führt ein schmaler Pfad in den Peterwald, und von dort geht es weiter zur Burgruine Nollig über Lorch, die in Privatbesitz ist. Dort hat das Deutsche Weininstitut erst kürzlich den Ausblick zur „Schönsten Weinsicht 2020“ im Rheingau gekürt. Zu den Lorcher Winzern wäre es jetzt nur ein kurzer, aber steiler Abstieg, aber ihre beliebten Schänken sind während der Corona-Krise geschlossen.

          Rebfläche ging von 50 auf neun Hektar zurück

          Der Wanderweg führt an der Burg Nollig zurück gen Lorchhausen bis zur 1909 errichteten Clemenskapelle. Von ihr aus lässt sich das Elend des Weinbaus im Mittelrheintal erahnen, denn trotz Flurbereinigung ging die Rebfläche zwischen 1963 und 2004 von 50 auf neun Hektar zurück. Übrig blieb eine einzige Weinbergslage, der „Lorchhäuser Seligmacher“, doch selig sind die Winzer dort nicht. Der Anblick aufgegebener Lagen stimmt nachdenklich. Schon im Jahr 1211 war Lorchhausen in einem Güterverzeichnis von Kloster Eberbach erstmals urkundlich erwähnt worden. Bis 1773 bildeten Lorch und Lorchhausen eine politische Einheit. Dann wurde der heutige Grenzort zu Rheinland-Pfalz selbständig, ehe es 1971 wieder freiwillig zum Zusammenschluss mit Lorch kam.

          Inzwischen haben einige Rheingauer Winzer wie beispielsweise Sohns in Geisenheim die Güte der Lorchhäuser Lagen neu entdeckt und dort Weinberge übernommen. Das Eltviller Weingut Eva Fricke erzeugt in dieser westlichsten Ecke Hessens ebenfalls ganz formidable Weine. Und das Assmannshäuser Weingut August Kesseler ringt dem „Seligmacher“ sogar ein „Großes Gewächs“ ab.

          Die Broschüre „Wisper Trails“ kann telefonisch unter 08 00 / 94 77 377 oder per Mail bei wandern@wisper-trails.de bestellt werden.

          Weitere Themen

          Ein Bischof schämt sich

          Heute in Rhein-Main : Ein Bischof schämt sich

          Das neue Gutachten zu sexuellem Missbrauch erschüttert auch die hessischen Katholiken. CDU und SPD stehen vor schwierigen Personalentscheidungen. Die Hauptwache blickt auf die Themen des Tages.

          Topmeldungen

          Machtdemonstration: Ein Konvoi russischer gepanzerter Fahrzeuge fährt auf einer Autobahn auf der Krim. .

          Russischer Aufmarsch : Die Ukraine ist von drei Seiten umstellt

          Westliche Dienste sehen mit Unruhe, wie Moskau immer mehr Truppen an die Grenze zur Ukraine verlegt – auch über Belarus und das Schwarze Meer. Mit ihren Waffen sind die Russen schon jetzt überlegen.