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Hessische Landeshauptstadt : Entscheidung für Wiesbaden

Blick auf den Hesssischen Landtag: Wiesbaden ist schon vor dem Zweiten Weltkrieg Sitz des Regierungspräsidenten gewesen. Bild: dpa

Warum sitzt die Landesregierung nicht in Frankfurt, der größten Stadt Hessens? Am 12. Oktober wird gefeiert, dass die Entscheidung vor 75 Jahren auf Wiesbaden gefallen ist.

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          Wegen der Bekanntheit des Flughafens gilt im Ausland oft Frankfurt als hessische Landeshauptstadt. Dass es Wiesbaden wurde, ist James Newman zu verdanken, dem Chef der hessischen Militärregierung. Am 12. Oktober wird gefeiert, dass er vor 75 Jahren eine Direktive herausgab, die aus nur zwei Sätzen bestand. Es gebe nun eine hessische Landesregierung, und sie habe ihren Sitz in Wiesbaden.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Kassel und Darmstadt wären im Prinzip zwar auch in Frage gekommen, diese Orte aber lagen in Schutt und Asche. In Marburg hatte die dort eingesetzte Militäreinheit die Lage nicht richtig in den Griff bekommen. Außerdem verfügte die alte Universitätsstadt nicht über die nötigen Kapazitäten zur Unterbringung der Regierung. Frankfurt war zwar schon damals größer als Wiesbaden. Aber es war einerseits stärker zerstört und andererseits als Hauptstadt Deutschlands im Gespräch. Die Idee, hessische Landeshauptstadt zu werden, wurde daher nicht weiterverfolgt.

          Wiesbaden hingegen war vor dem Zweiten Weltkrieg Sitz des Regierungspräsidenten gewesen und verfügte über entsprechende Gebäude. Darüber hinaus gab es von Privatleuten errichtete Bauwerke wie die Söhnlein-Villa an der Paulinenstraße. Die Architektur war dem „Weißen Haus“ in Washington nachempfunden. So etwas gefiel den Amerikanern natürlich.

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          Die amerikanische Armee machte Wiesbaden zu einem der drei deutschen Sammelstellen, an denen Kunstschätze von unschätzbarem Wert aufbewahrt wurden. So gelangte auch die Büste der Nofretete vorübergehend nach Wiesbaden. Zehn Jahre lang war sie im Landesmuseum zu sehen.

          Im Juni 1948 rückte die Stadt in den Blickpunkt der Weltpolitik. Die Russen hatten die Zufahrtswege nach Berlin blockiert. Lucius D. Clay, der amerikanische Militärgouverneur, gab den Befehl, auf dem Militärflugplatz im Wiesbadener Stadtteil Erbenheim Bomber vom Typ B-17 in Richtung Berlin starten zu lassen.

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          In den siebziger Jahren zeigte das Land sich bei der Kommune für die Wahrnehmung der Aufgaben als Landeshauptstadt noch erkenntlich. Ein spezieller Vertrag regelte die jährliche Zahlung von 3,2 Millionen Mark. Inzwischen fließt kein Geld mehr. Frankfurt hingegen profitiert von einem „Metropolenzuschlag“. Dass diese Regelung nicht über jeden Zweifel erhaben ist, zeigte im vergangenen Jahr ein Verfahren vor dem Staatsgerichtshof, in dem der Kommunale Finanzausgleich in seinem gegenwärtigen Rahmen insgesamt als verfassungsgemäß beurteilt wurde.

          Osmotisches Verhältnis

          Das insbesondere gegenüber Wiesbaden von Ignoranz nicht ganz freie Selbstbewusstsein der einstigen Reichsstadt wird heute nicht mehr so gnadenlos demonstriert, wie es die frühere Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) gelegentlich vermochte – zum Beispiel, als ihr einmal im Gespräch mit der F.A.Z. nicht einfallen wollte, dass das berühmte Bauwerk an der Wiesbadener Wilhelmstraße das „Kurhaus“ ist. „Wie heißt das noch gleich, wo der Käfer sein Restaurant hat?“ Das Verhältnis zwischen der Landeshauptstadt und Hessen ist osmotisch. Der Stadtentwicklungsdezernent Jörg Jordan (SPD) stieg zum Minister für Landesentwicklung auf. Der umgekehrte Weg wurde häufiger beschritten. Helmut Müller leitete das Büro des früheren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch (beide CDU), bevor er 2002 Stadtkämmerer wurde. Fünf Jahre später wurde der gebürtige Heidelberger Oberbürgermeister.

          Oliver Franz gab im Herbst 2013 seine Stelle als stellvertretender Abteilungsleiter in der Staatskanzlei auf, um Wiesbadener Ordnungsdezernent zu werden. Heute ist er Wiesbadener Bürgermeister. Den Chefsessel im Rathaus besetzt Gert-Uwe Mende. Er war Geschäftsführer der SPD-Fraktion im Landtag, als er im vergangenen Jahr zum Oberbürgermeister gewählt wurde.

          In der Vergangenheit sah sich das Frankfurter Stadtoberhaupt gelegentlich als der zweitwichtigste hessische Politiker nach dem Ministerpräsidenten. Davon ist heute nicht mehr die Rede. Zwar ist angesichts von Korruptionsskandalen auch das Ansehen Wiesbadens nicht gestiegen. Aber Amerika bleibt wirkmächtig. Washington ist die Hauptstadt – nicht New York.

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