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Suchthilfe : „Kein Joint vom Arzt“

Immer mehr Jugendliche halten nach Ansicht von Suchthelfern Cannabis angesichts der Debatten für ein Heil- statt ein Suchtmittel. Bild: dpa

Cannabis hat Alkohol von der Spitze der Suchtmittel verdrängt. Mehr als jeder Dritte der ratsuchenden Jugendliche hat laut einem Zentrum im Rheingau-Taunus-Kreis den Konsum mit dem Rauschmittel nicht unter Kontrolle.

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          Die immer wieder aufflammende Debatte um die Legalisierung von Cannabis hinterlässt ihre Spuren im Jahresbericht der Suchthilfe für den Rheingau-Taunus-Kreis. Das vom Frankfurter Verein Jugendberatung und Jugendhilfe getragene Zentrum berichtet zum ersten Mal, dass Cannabis an der Spitze der Suchtmittel stehe. Mehr als jeder Dritte der fast 500 Ratsuchenden des vergangenen Jahres hatte demnach den Konsum mit dem auch Gras, Haschisch oder Marihuana genannten Suchtmittel nicht unter Kontrolle.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Gründe für die Zunahme des Cannabis-Konsums sind vielfältig und sowohl statistischer als auch tatsächlicher Natur. Mehr Jugendliche als früher trauen sich, einen der beiden Standorte der Hilfestelle in Taunusstein und Oestrich-Winkel aufzusuchen. Parallel dazu gibt es vor allem unter Jugendlichen eine Verschiebung der Suchtmittel weg vom Alkohol hin zu Cannabis.

          Suchtberaterin Alexandra Dornuf erkennt in dieser Tendenz auch eine Verunsicherung vieler Jugendlicher durch die Legalisierungsdebatte in Deutschland. Wenn immer wieder über eine begrenzte Freigabe gesprochen werde, dann setzte sich bei manchen Jugendlichen im Kopf die Botschaft fest, dass der Stoff ohnehin bald legal sei und der Konsum „auch nicht so schlimm sein kann“. Dabei vergäßen die Jugendlichen, dass es den „Joint auf Rezept“ für sie mit Sicherheit nicht geben werde.

          Folgen: Psychosen und Depressionen

          Erschwerend kommt aus Sicht der Beratungsstelle hinzu, dass der in allen weiterführenden Schulen im Rheingau-Taunus-Kreis erhältliche Stoff rund 20 Prozent billiger geworden sei und deutlich höhere Konzentrationen an Tetrahydrocannabinol aufweise als in früheren Jahren. Cannabis sei „nicht mehr die leichte Droge, die man einfach so nebenher kiffen kann“, sagt der Leiter des Zentrums, Cetin Upcin. Die höhere Reinheit des Suchtmittels habe häufiger zu gesundheitliche Folgen wie das Auftreten von Psychosen und Depressionen. Immer häufiger gehe bei den Konsumenten die „Tagesstruktur“ verloren.

          Ebenfalls zum erhöhten Konsum trägt laut Upcin bei, dass es offenbar vermehrt Versuche der Selbstmedikation mit Cannabis gebe, beispielsweise zur Behandlung von ADHS, einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Allerdings rät auch der Selbsthilfeverband wegen Risiken und der bislang dürftigen Nachweise einer therapeutischen Wirkung vom Drogeneinsatz ab.

          Upcin gibt zu, dass auch innerhalb der organisierten Suchthilfe kontrovers über eine mögliche Legalisierung von Cannabis diskutiert werde. Er selbst sei aber ein entschiedener Gegner der Freigabe. Und selbst wenn, werde es Cannabis legal allenfalls als Tablette geben. Damit bestätigt er die Einschätzung seiner Kollegin Dornuf: „Ein Arzt verschreibt keinen Joint zum Rauchen.“

          Cannabis eher Heil- als Suchtmittel?

          Der zunehmende Konsum ist wohl auch die Folge einer Entscheidung des Gesetzgebers, der vor drei Jahren im Sozialgesetzbuch verankert hat, dass „Versicherte mit einer schwerwiegenden Erkrankung Anspruch auf Versorgung mit Cannabis in Form von getrockneten Blüten oder Extrakten in standardisierter Qualität“ haben. Auch das mag dazu beigetragen haben, dass mancher in Cannabis heute eher ein Heil- als ein Suchtmittel sieht.

          Obwohl die Bedeutung des Alkohols als Suchtmittel auf hohem Niveau leicht rückläufig ist, beschäftigt dessen Konsum die Drogenhilfe unverändert stark. Im Rheingau-Taunus-Kreis beobachten die Suchthilfeexperten, dass die Abhängigkeit vor allem in kleineren Kommunen groß ist, weil es dort keine Angebote für Jugendliche und keine gute Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln an die größeren Zentren gebe. Auch deshalb zieht es viele Jugendliche nach Wiesbaden oder Mainz.

          Upcin rechnet damit, dass es rund um den Fastnachtsumzug am Sonntag in der hessischen Landeshauptstadt wieder viel für Suchthelfer zu tun gibt. Die dortige Beratungsstelle, die Upcin in der Hälfte seiner Arbeitszeit betreut, wird wieder ein Zelt einrichten, um jene Jugendliche in Empfang zu nehmen, die dem Alkohol zu stark zugesprochen haben, aber noch nicht in eine Klinik gebracht werden müssen. Die meisten dieser Jugendlichen kämen aus dem Rheingau-Taunus-Kreis, berichtet Upcin aus seiner langjährigen Erfahrung.

          Wer bleibt süchtig?

          Die Beratungsstelle legt deshalb großen Wert auf Prävention. Mehr als 1200 Schüler und Jugendliche hat sie im vergangenen Jahr trotz begrenzter personeller Mittel auf die eine oder andere Weise erreicht. Vor allem das sogenannte Frühinterventionsprogramm gilt als Instrument, einer möglichen Abhängigkeit vorzubeugen.

          Auch der Schulsozialarbeit kommt in dieser Hinsicht große Bedeutung zu. Denn wer erst einmal abhängig ist, der kann zwar mit professioneller Hilfe zu einem abstinenten Leben zurückfinden. Heilen lässt sich laut Upcin die Krankheit aber nicht: „Süchtig bleiben sie immer.“ Für ihn ist es ein Erfolg, wenn ehemals Abhängige sich ihrer Krankheit bewusst sind und ihren Alltag unauffällig und ohne Schwierigkeiten bewältigen.

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