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Der Wandertipp für Rhein-Main : Wie von grünem Eis bedeckt

  • -Aktualisiert am

Frei von Eingriffen konnte sich die Franzosenwiese im Westen zu einem einzigartigen Schwingrasenmoor entwickeln. Bild: Thomas Klein

Auf nach Münchhausen am Christenberg. Landes- und naturkundlich ist der Burgwald von besonderem Rang. Wo schon Kelten und Franken saßen, sind heute Wälder und Feuchtbiotope.

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          Er gehört zu den eher Unbekannten im Hessenland, der Burgwald nordöstlich von Marburg. Kaum besiedelt, ist dort eine stille, zum Wandern gut erschlossene Landschaft zu entdecken. WM für Wandermärchen steht über jedem der erneuerten Themenwege. Es könnte auch Mythos heißen. Misch- und Auenwälder, Moore, Heiden, Bäche, Felsen und brusthohes Farn – etwas vom mythischen Verständnis der Natur, wie er den Kelten nachgesagt wird, scheint der Burgwald noch und wieder zu besitzen.

          Auf die Kelten deuten Wallreste einer Festung aus dem 5. vorchristlichen Jahrhundert über der abfallenden Westflanke des knapp 400 Meter hohen Christenbergs. Augenfälliger sind die Hinterlassenschaften der Franken. Sie nutzten das trassierte Plateau seit dem frühen 8.Jahrhundert als stark gesicherte Operationsbasis (Castrum) und als Leuchtfeuer der Missionstätigkeit im Kampf gegen die heidnischen Sachsen. Den Stützpunkt umgaben sie mit einem tief gestaffelten, wohlerhaltenen System an Gräben und Erdmauern.

          Holzkirchlein aus dem im 10. Jahrhundert

          Ob dort allerdings Bonifatius den Heiden predigte, was ein steinerner Fußabdruck, genannt Trappe, beweisen soll? Gewiss ist, dass im Castrum ein Holzkirchlein stand, aus dem im 10. Jahrhundert ein Gotteshaus erwuchs. Später als Dekanatskirche erweitert, beherrschen ihre romanisch-gotischen Formelemente eindrücklich den Gipfel. Das Alte Küsterhaus gegenüber beherbergt eine kleine Dauerausstellung mit keltischen Funden und Modellen der Befestigungen.

          Der Burgwald entzog sich wegen seines zur Staunässe neigenden Sandsteinuntergrunds einer dauerhaften Besiedlung. Davon profitierten die Hugenotten, nachdem ihnen Landgraf Karl von Hessen-Kassel 1687 den Ort Schwabendorf angewiesen und ein größeres Areal (Franzosenwiese) überlassen hatte.

          Noch heute halten Bauern anderer Gemeinden an ihren Besitzrechten fest und verhindern damit, dass sich das gesamte Terrain in ein Feuchtbiotop wie im westlichen Teil verwandeln kann. Seine Besonderheit sind Übergangs- und Schwingrasenmoore, in denen die Pflanzendecke aus Torfmoosen und Gräsern frei auf der Wasserfläche schwimmt.

          Im Spätsommer entfaltet das einzigartige, 1987 über 115 Hektar unter Schutz gestellte Biotop einen eigenen, elegischen Reiz, wenn die gelösten Fruchtkörper von Wollgras, Seggen und Birken lange Schlieren auf dem dunkelbraunen Moorteich zeichnen.

          Wegbeschreibung

          Der Christenberg kann ab Münchhausen über ein Sträßchen direkt angefahren werden. Die Parkmöglichkeiten sind aber begrenzt, 500 Meter weiter liegt eine Ausweichfläche. Bei Anreise per Bahn kommt man dort heraus: Dann von der Station in Münchhausen mit der Markierung X9 (weiß) quer hindurch, weiter in einem alleengesäumten Tal und ab dem Spiegelteich bergan. Das X 9 ist auch relevant beim Start auf dem Christenberg.

          Vorbei an der Bonifatius-Trappe und den hohen Wällen, folgen wir ihm aus der Rechtskurve in den Wald; außerdem läuft X13 mit. Bald eröffnet der Weg eine Zweiteilung der Vegetation. Die schattige Seite durchziehen streifenartige Biotope aus sattgrünen Mooskissen, Seggen und Schilfrohr, wogegen sonnige Lagen durch Kiefern oder Heidelbeeren geprägt sind.

          Später, im Bereich des Sengerbergs, dürfen es vermehrt Buchen sein, die sich verdichten und erst an den Herrenbänken öffnen. Die Sitzgruppe wurde durch eine Sandsteinarbeit ersetzt, hat sie doch eine kulturgeschichtliche Bedeutung als Rastpunkt der Landgrafen bei ihren Jagdpartien und auf dem Weg zwischen den Jagdschlössern in Bracht und Bottendorf.

          Was auf die Franzosenwiese einstimmt

          Die Herrenweg genannten Straße gehen wir unter Zurücklassung der beiden X rechts nach. Wir halten die Richtung bei durch Windbruchzonen, deren Pionierpflanzen wie Birke oder Vogelbeere auf die Franzosenwiese einstimmen. Dorthin übernimmt nach einem weiteren Kilometer rechts ab das rote F des Franzosenwiesenweges sowie der für den Hugenottenpfad stehende blaue Punkt. Bevor es mit ihnen weitergeht, lohnt ein Abstecher links zu zwei Teichen, die unter einer geschlossenen Wasserlinsendecke nicht auszumachen sind. Fast glaubt man sie von grünem Eis überzogen. Noch einige hundert Meter weiter stehen außergewöhnlich hohe Ameisenhaufen am Wegesrand.

          Zurück, wird per Linksschwenk die Herrenbrücke über das Rote Wasser beschritten und damit entlang einer landwirtschaftlichen Grasfläche. Kurz darauf steigt das F in einen Nadelholzhang ein (vorbehaltlich der markierten Baumstümpfe). Man kann mit dem Hugenottenpfad auch unten verharren. Ziel der Extraschleife ist der Große Badenstein, ein Basaltbruch inmitten der Sandsteindecke.

          Das F findet wieder hinab und biegt dann links ein, um über grasweichen Pfad an der kuriosen Abfolge aus Heuwiesen, Fichten- und naturbelassenen Streifen vorbeizuführen. Erst nach dem Rechtsabzweig auf einen breiten Weg steht man an der einzigen Heckenöffnung, die Einblicke in das eigentliche Moor ermöglicht.

          Eine beiderseits fast undurchdringliche Vegetationsmauer schließt sich an, ehe der Weg mit leichter Linkskurve abermals tiefer in abwechslungsreichen Forst gelangt, linkerhand streckenweise von naturgeschütztem Offenland begleitet. Etwa einen Kilometer hinter einer Schutzhütte treten an der auffallenden Gabelung die Wanderlotsen auseinander. Jetzt wird links ab alleine der blaue Punkt maßgeblich. Nach kaum 500 Metern vereint er sich mit X1 und weiteren Zeichen. Rechts unverändert aufwärts stellen sie über einen zauberhaften Pfad zwischen Heidelbeer- und Farnteppichen die Verbindung zum Christenberg her. Durch das rekonstruierte Südosttor des fränkischen Castrums und den Friedhof erreichen wir das Plateau und genießen abschließend vom Terrassen-Gasthof die Aussicht über halb Oberhessen.

           

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