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Wandertipp : Wo die Weihnachtsbäume wachsen

  • -Aktualisiert am

Weihnachtsbäume, wohin man blickt. Traditionell werden in Kempfenbrunn an jeder Ecke und selbst in Privatgärten Fichten und Tannen gezogen. Bild: Thomas Klein

Manch ein Tanne, die im Advent in ein Wohnzimmer wandert, stammt aus dem nördlichen Spessart. In abgelegenen Dörfern gibt es aber auch bemerkenswerte Ausmalungen der Kirchen.

          3 Min.

          Wenn in Flörsbachtal das „Grüne Fieber“ ausbricht, besteht selbst in diesen Zeiten kein Grund zu Besorgnis. Ganz im Gegenteil: So umschreiben die Einheimischen mit etwas Augenzwinkern den Ausnahmezustand, wenn alle Jahre wieder der Verkauf der Weihnachtsbäume willkommene Nebeneinkünfte verspricht. Geboren wurde die Geschäftsidee aus der Not der Nachkriegsjahre, als man in den abgeschiedenen Gemeinden des Nordspessart nur von einem zu viel besaß – von Nadelbäumen. Allerdings waren auch die eine Notlösung, seitdem man nach 1945 daranging, weniger ergiebige Äcker aufzuforsten. Namentlich durch die Bewohner von Kempfenbrunn gehörte schon eine Portion Wagemut dazu, Tannen und Fichten an prominentester Stelle, in Frankfurt am Eisernen Steg, anzubieten.

          Derart abseits, wie es scheint, liegt die Region allerdings nicht. Schon anno 980 als „Feredesfelt“ genannt, wurden die Dörfer nahe der wichtigsten Fernverbindung durch den Spessart, der Birkenhainer Straße, angelegt und zu Pfarreien erhoben. Lohrhaupten, der nordöstliche Außenposten des Erzbistums Mainz, gilt mit seiner für 1057 überlieferten Kirchweihe als früheste Sakralgründung im Spessartraum. Ganz so alt ist die Pfarrkirche nicht, besitzt aber noch einen massiven Chorturm aus dem 13. Jahrhundert samt bemerkenswerter Ausmalungen mit Christus als Weltenrichter, unter ihm – weitaus größer – der weit aufgerissene, die Sünder verschlingende Höllenschlund. Ähnlich das Bild in Kempfenbrunn. Nur sind dort die Brüstungsfelder mit Jesus und den Aposteln sowie Barnabas und Paulus – bemalt und im Chorturm Gott Vater und einige Heilige, vermutlich als Ersatz für einen Flügelaltar, gerahmt.

          Wegbeschreibung

          Flörsbachtal wird nur gelegentlich von Bussen angefahren, und selbst auf Besucher mit dem Auto ist man weniger eingestellt. Im Ortsteil Kempfenbrunn besteht an der Hauptdurchgangs-, der Würzburger Straße (B 276) keine Parkmöglichkeit; den meisten Platz bietet das Neubaugebiet. Für eine mehrhundertjährige Linde muss die Bundesstraße sogar einen kleinen Schlenker machen, wogegen die Pfarrkirche mit ihren archaisch anmutenden Ausmalungen ein Stück zurückgesetzt wurde.

          Gleich dahinter nehmen wir die in die Mühlgasse weisende Kombination F 6 auf; das zunächst mitlaufende F 7 bleibt unbeachtet, ebenso der Hinweis gen Lohrhaupten. Dieser Weg verläuft im Tal; schöner ist es, etwas erhöht bei großzügiger Linkskurve ins offene Lohrbachtal zu wechseln. Auch dort wachsen, wie bald zu sehen, Christbäume aller Größen und Arten.

          Vorherrschend sind jedoch Viehweiden bis nach Lohrhaupten. Gut einen Kilometer davor knickt die Markierung überraschend links aufwärts ab, um am Waldrand entlangzuführen. Hier können wir auf dem befestigten Weg geradeaus verbleiben. So oder so, beide Varianten finden in der Ortsmitte an der erhöht stehenden Pfarrkirche wieder zusammen. Beim Weitergehen orientiert man sich ab der Freifläche unterhalb am roten Diagonalstrich. Er weist von der Hauptstraße kurz in den Mühlweg und dann links zur Dünkelbachstraße, auf die mehrere Straßen bis zum Wechsel in den Wald übergangslos folgen.

          Drastische Mahnung: Die spätmittelalterliche Ausmalung im Chorturm der Pfarrkirche von Lohrhaupten zeigt unter Christus als Weltenrichter den weit aufgerissenen, die Sünder verschlingenden Höllenschlund.
          Drastische Mahnung: Die spätmittelalterliche Ausmalung im Chorturm der Pfarrkirche von Lohrhaupten zeigt unter Christus als Weltenrichter den weit aufgerissenen, die Sünder verschlingenden Höllenschlund. : Bild: Thomas Klein

          Dem ansteigenden Forstweg ist kaum anzumerken, dass er einst eine wichtige Abkürzung vom Maintal zur Birkenhainer Straße bildete. Gewiss sah auch der Wald anders aus, falls überhaupt Bäume standen. Die stattlichen Fichten sind ein Erbe der vor rund 75 Jahren gepflanzten Setzlinge. Selbst als Schmuckbaum auf Weihnachtsmärkten wären sie längst zu groß. Gut würde sich das Torfmoos für Naturkrippen eignen, das flächig ausgerollt die Flanken überzieht.

          Der Nordspessart ist sehr wasserreich. Und so gelangt man bereits nach einer halben Stunde ins nächste Bachtal, nicht ohne zuvor an der vielarmigen Kreuzung am höchsten Punkt auf einen Zeichenwechsel zu achten. Unverändert geradeaus, schließen wir uns dort dem Fränkischen Marienweg (rotblau) an; außerdem läuft F 5 mit. Die beiden verlieren gleich an Höhe und biegen unten aus der Gabelung rechts in den Talgrund, ohne allerdings den Baumschirm zu verlassen. Er hat nur eine andere Bedeckung - die Fichten lösen prachtvolle Buchen ab.

          Auch der Weg verändert seine Konsistenz und ist nun holpriger, aber das nimmt man gerne in Kauf, zumal sich gegen Ende dieser rund drei Kilometer langen Passage das auenartige Sperkelbachtal öffnet. Ausgangs stehen weniger ansehnliche Gewerbebauten, deren Kern eine historische Ziegelhütte bildete. Das benachbarte Fachwerkgebäude, das bereits 1812 Schankerlaubnis besaß, nutzt jetzt ein griechisches Lokal.

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          Hier wechseln wir über die Straße, wobei F 5 zurückbleibt, und berühren in der Senke einige Biotope, vormals Lehmkauten der Ziegelei. Dahinter links, steigt der befestigte Weg erneut an und strebt zwischen Fahrbahn und Flörsbach dem mehrfach angezeigten Kempfenbrunn entgegen. Der Grundweg führt hinein.

          Daten

          Länge: 14 km, Höhenmeter: 330, Karte: Frammersbach (Blatt 3), Maßstab 1:25 000, Verlag Main Echo

          Anfahrt

          Über die A 66; Ausfahrt Gelnhausen-Ost; weiter mit der B 276 Richtung Bieber- und Flörsbachtal etwa 20 Kilometer bis Kempfenbrunn. - Mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Region am Wochenende nicht erreichbar.

          Sehenswert

          Im Raum Flörsbachtal im Nordspessart stießen schon von altersher Fernwege, Territorial- und Konfessionsgrenzen aneinander, fortwirkend in der nahen hessisch-bayerischen Landesgrenze.

          Das kurmainzische Lohrhaupten wurde schon 1057 im Rahmen der Kirchweihe genannt. Vom romanischen Gotteshaus steht noch der Chorturm. Er birgt drastische Ausmalungen mit einem die Sünder verschlingenden Ungeheuer. Der Saalbau wurde 1765 im protestantischen Liturgieverständnis angefügt: Der farbig ausgelegten Orgel und Empore steht eine schöne Altarkanzel gegenüber.

          Ähnlich in Kempfenbrunn. Dort sind es Gott Vater und Heilige, die am Chorturm angebracht wurden, während im barocken Langhaus die Brüstungsfelder der Empore die Apostel abbilden. Bekannt ist der Ort für den seit etwa 1950 gepflegten Anbau von Weihnachtsbäumen auf kleinsten Parzellen und selbst in Privatgärten.

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