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Wandertipp : Die Kulturlandschaft und das Segelfliegen

  • -Aktualisiert am

Gehört zur Wasserkuppe: Das Segelfliegen. Bild: Thomas Klein

Hoch hinaus geht es auf der Wasserkuppe seit 100 Jahren. Mit dem Segelflug wurde auch die gewachsene Kultur- und Naturlandschaft rund um Hessens höchstem Berg entdeckt.

          5 Min.

          Im langen Erinnerungskorso zu den Jahrestagen von Erstem Weltkrieg und Versailler Vertrag ging ein die Rhön prägendes Element fast unter – ohne die Bestimmungen des Friedensschlusses wäre die 950Meter hohe Wasserkuppe kaum zum Segelflugmekka geworden. Sie erst schufen indirekt die heute auf Hessens höchsten Berg vorherrschende Infrastruktur, allem voran das vor 50 Jahren eröffnete und später mehrfach erweiterte Deutsche Segelflugmuseum.

          Dabei mutet es wie ein Treppenwitz der Geschichte an, dass ausgerechnet der Versailler Vertrag dem lautlosen Schweben erst den rechten Auftrieb gab. Das Paragraphenwerk untersagte – gewiss unbeabsichtigt – nur den Motorflug. Dieses weidlich ausgenutzte Versehen bescherte der Wasserkuppe eine kleine Fliegerstadt mit Zufahrtsstraßen, Unterkünften, Hangars, Startkatapulten und später eine Startbahn, in deren Gefolge das mächtige Plateau auch für Erkundungen zu Fuß entdeckt wurde.

          Der nun auf das optimale Gleiten ausgerichtete Fachverstand von Piloten und Luftfahrtingenieuren ließ die Segler zusehends Gestalt und Eigenschaften von Motormaschinen annehmen. Ein Weitenrekord jagte den nächsten, und die gesamte Nation nahm lebhaften Anteil, wenn ihre Flughelden bei den seit 1920 jährlich ausgetragenen Rhönwettbewerben mit Zehntausenden Zuschauern ihre Besten ermittelten.

          Frühe Weltrekorde

          Kein Vergleich zum Beginn nur wenige Jahre zuvor, als die thermischen Bedingungen der Wasserkuppe erstmals einige Studenten für Flugversuche mit selbstgebauten Apparaten anzog. Die Epigonen Otto Lilienthals mussten ihre abenteuerlichen Gebilde aus Leisten, Lack und Leinen mühsam über ungebahnte Wege von Gersfeld heraufziehen, ehe sie sich mutig die unbewaldeten Hänge hinabstürzen konnten. Im Juli 1911 flog man schon 450 Meter weit, und der früheste „Weltrekord“ fand bei 838 Meter Anerkennung. Manche Bruchlandung war unvermeidlich, und so verraten die Fluggeräte schon qua Namen viel vom Galgenhumor der tollkühnen Pioniere: Vampyr, Blaue Maus oder Besenstiel. Neben einer Replik des Lilienthal-Gleiters hängen sie an prominenter Stelle in der großen Rotunde des Segelflugmuseums. Das vorläufige Ende der anhand 60 originaler oder nachgebildeter Flieger dokumentierten Entwicklung - dazu zahlreiche Modellbauten - bilden ultraleichte aus Kunststoff, mit denen Hunderte Kilometer Überlandreisen möglich sind.

          Der Flugbetrieb stand übrigens nie zur Disposition, auch nicht seit Ausweisung der Rhön als Unesco-Biosphärenreservat 1991. Das verbietet sich nicht allein aus historischen Gründen. Vor allem wird in der Totalen ihr einzigartiger Charakter organisch verbundener Kultur- und Naturlandschaften erkennbar und damit die Einsicht in ihren Erhalt gesteigert. Nur gut, dass eine der beeindruckendsten Formationen, die dreieinhalb Hektar große Basaltblockhalde am Schafstein, auch vom obersten Rand zu überblicken ist.

          Wegbeschreibung

          Zum Wandern gilt die Wasserkuppe als idealer, entsprechend frequentierter Ausgangsort. Bei Bedarf finden sich weitere Parkplätze in Richtung Abtsroda oder an der Zufahrt von Gersfeld (alle mit moderater Tagesgebühr). Beginn ist vor der Touriststelle, so man nicht erst die regen Flugbewegungen auf der nahen Startbahn verfolgt (und als zahlender Gast mitaufsteigt).

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          Ein Laden direkt vermarkteter Rhönprodukte liegt etwas versteckt im Groenhoff-Haus zwischen Hangars und Unterkünften auf halbem Wege zum vorgelagerten Radom (es lässt sich auch außen herum gehen). Zur Aussichtskanzel an der früheren Radarkuppel läuft man weiter bergwärts; oder gleich den von Paraglidern bevölkerten Hang hinab zum berühmten Bronzeadler auf einem Basaltkegel.

          Das 1923 für die gefallenen Flieger des Rhönklubs errichtete Ehrenmal nehmen wir als Wendepunkt nach links: Entweder verkürzend ohne den steilen Ab- und Wiederaufstieg zu Beginn mit blauem X und weiteren Zeichen – oder über steinigen Pfad die offene Flanke hinunter gen Guckaisee und Pferdskopf. Entsprechende Holzwegweiser zeigen dann links an einem windgezausten Wäldchen vorbei zur Zwischenstation „Lerchenküppel“, ein von der Erosion herauspräparierter Vulkanschlot. Dort trifft man neben anderen die Markierung rotes G der „Extratour Guckaisee“. Sie wird uns über längere Passagen begleiten.

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