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Der Wandertipp für Rhein-Main : Sonne, Mond und Steine

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Auf dem Hintergrund des Turmes im Goldsteinpark beginnt die Planetenfolge mit dem geflügelten Merkur. Bild: Thomas Klein

Zum Durchwandern von Raum und Zeit besitzt die Kurstadt mit dem Planetenweg und der Erdzeituhr im Geogarten zwei bemerkenswerte Einrichtungen.

          3 Min.

          In diesen Tagen richten sich die Blicke oft zum Himmel. Stehen die Sterne nach astrologischem Verständnis in ungünstiger Konstellation und lassen weiteres Unheil befürchten? Oder sind sie nicht viel eher Herausforderung zu ihrem Erobern? Dass beides zusammenspielt, das Mythische und der Wissensdrang, dafür fand der vor zehn Jahren zur Landesgartenschau angelegte Planetenweg quer durch Bad Nauheim außergewöhnliche gestalterische Mittel.

          Der Fuldaer Bildhauer Rainer Landgraf hatte die Vision, die Planetennamen in freie, vollplastische Darstellungen umzusetzen. Da beflügelt der Götterbote Merkur den innersten Planeten, Venus baumelt lässig in ihrem halb geöffneten Himmelskörper, Mars steckt in einem rostroten Kampfwagen, auf Jupiter reitet der blitzeschleudernde Zeus. Dagegen lässt Landgraf keinen Zweifel, wer sich als das Höchste der Erde versteht – aus der Weltkugel schaut ein übergroßer Menschenkopf. Die Planeten sollen nicht maßstabgerecht sein, aber die zwei Kilometer lange Strecke schon, entsprechend pro Schritt 2,8 Millionen Kilometern im All. Zur Erde ist es nur ein Hüpfer, während man zu den äußeren Planeten – der 2006 degradierte Pluto fehlt nicht – schon eine halbe Stunde benötigt. Verlängert man die Tour bis Nieder-Mörlen erhält man zur kosmischen auch eine fassbare irdisch-zeitliche Dimension.

          Dort, versteckt hinter der Frauenwaldhalle, veranschaulicht im Geologischen Garten ein in 24 Segmente unterteilter Kreis die 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte als einen Tag. In den ersten 20Stunden zeigt der fiktive Zeiger nichts an, nur die letzten vier sind analog dem sich entfaltenden Leben seit 600 Millionen Jahren und entsprechend alter, teils Fossilien tragender Steine aufgefächert.

          Betrachtet man die Entwicklung regional, entstand der Taunus von 21.30 Uhr an, das Lebenselixier Bad Nauheims, seine permischen Zechsteinsalze, nach 22Uhr, und erst vor wenigen Minuten endete der mit Basaltsäulen angedeutete Vulkanismus im Vogelsberg.

          Wegbeschreibung

          Der Planetenweg zwischen Goldsteinturm und Johannisberg ist nicht ausgeschildert. Selbst am Bahnhof fehlt ein Hinweis, dass für den Startpunkt an der „Sonne“ – unter den Gleisen hindurch – ein Abstecher zum jenseitigen Goldsteinpark zu unternehmen ist (dort ein Parkplatz, wie es auch sonst nicht an Stellflächen und Tiefgaragen im Stadtgebiet mangelt).

          Auf das Zentralgestirn am Goldsteinturm folgen die vier inneren Planeten rasch hintereinander, ehe der schon ein Stück draußen liegende, von der Sonne rund 780 Millionen Kilometer entfernte Jupiter auftaucht. Damit geht es wie gehabt zurück, um jetzt vor den Bahnhof zu treten, wo der weitere 700 Millionen Kilometer entfernte Saturn übersehen werden könnte, da er halb im Marmorboden steckt und seine Ringe auf dem Belag nachgezeichnet sind.

          Eine Stele für den King

          Dann kommt erstmal länger nichts. Das heißt, am Ende der Bahnhofstraße begegnet man in Gestalt des einzigartigen Jugendstil-Sprudelhofs gleichsam Architektur von einem anderen Stern, jetzt, nach umfassender Sanierung beeindruckender denn je.

          Kurz danach überschreiten wir die Usa und gelangen geradeaus zum Kurpark, in dem Uranus zwischen mächtigen Eichen und Blutbuchen fast etwas verloren wirkt. Diese dürften schon zur Zeit Heinrich Siesmayers gepflanzt worden sein, dem geistigen Vater des Parks um 1857, an den wenige Schritte weiter ein Gedenkstein erinnert. Noch einen Prominenten trifft man nach dem Linksknick am Jugendstil-Theater gen Parkausgang, wo dem während seiner Friedberger Militärzeit in Bad Nauheim wohnenden Elvis Presley eine Stele gewidmet wurde.

          Vorne biegt man rechts zur Parkstraße ab und hält auf den großen Soldatenhain am Hang zu. Linksseitig davon schaukelt Neptun über einer steinernen Welle, nun schon 4,5 Milliarden Kilometer vom Zentralgestirn entfernt. Fehlt noch Pluto. Dafür geht es nach Neptun den Fußweg einige Schritte bis zu der steilen Treppe, dort empor und nach links in Serpentinen durch einen noch recht jungen Weinberg, über den der Unterweltsherrscher in seiner Planetengrotte wacht.

          Einen Balkon für den himmlischen Gesamtblick auf das Sonnensystem betritt man dann gleich darauf, die frei zugängliche Terrasse des Café-Restaurants am Johannisberg. Wenige Meter rechts davon erlaubt die auf einem früheren Kirch- und Aussichtsturm stehende Sternwarte den realen Blick auf Sonne, Mond und Sterne. Zu normalen Zeiten darf jeder dienstags durch das Vier-Meter-Teleskop schauen. Auch die Römer wussten die exponierte Erhebung zu nutzen; vermutlich für eine Signalstation, wie das freigelegte Fundament daneben nahelegt. Wir setzen den Weg parallel zu dem Zufahrtssträßchen in westliche Richtung bis knapp vor den Waldausgang fort, damit rechts und stets über hell gekiesten Forstweg in immer neuen Kurven durch luftigen Laubmischwald erst eben, dann abwärts (vor der Kirchner-Hütte links). Fast schon im Tal der Usa wird an dem rot geklinkerten Wasserwerk scharf links abgebogen und zwischen Sport- und Golfplatz der breite Talgrund gequert. Drüben erreicht man mit kurzem Abstecher den Geogarten hinter der Frauenwaldhalle.

          Retour, laufen wir rechts der Usa am Zaun des Golfplatzes entlang, bis er nahtlos in den Kurpark mit dem Großen Teich überleitet.Er sollte ausreichend Wasser für die Pumpen der Gradierwerke vorhalten. Auf mehreren hundert Metern stehen sie noch oder wieder, wie zu sehen, wird abschließend ein Gang durch das Kurviertel am südlichen Stadtrand angehängt. Ansonsten vor dem Großen Teich leicht links haltend gen Sprudelhof und wie gekommen zum Bahnhof.

          Besonderheiten

          In Nieder-Mörlen zeigt im Geogarten eine fiktive Uhr die erdgeschichtliche Entwicklung an. Demnach wären die 250 Millionen Jahre alten Zechsteinsalze Nauheims um 22Uhr entstanden. Ihre Nutzung seit den Kelten prägt den Ort bis heute, woran hunderte Meter Gradierwände aus dem 18. Jahrhundert erinnern.

          Anfahrt

          Bad Nauheim liegt verkehrsgünstig zwischen A 5 (Ausfahrt Ober-Mörlen) und B 3 aus Richtung Friedberg.

          Öffentliche Verkehrsmittel: Halbstündliche Verbindung, einige mit Umsteigen in Friedberg.

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