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Der Wandertipp : Kanonen zu Biotopen

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Drei hohe Kreuze überragen den Sternberg bei Aschaffenburg. Ursprünglich 1948 als Mahnmal für den Frieden aufgestellt, sind sie bis heute Ziel von Wallfahrten und Prozessionen. Die Aussicht reicht weit ins Rhein-Main-Gebiet. Bild: Thomas Klein

Wo Golgathakreuze und eine Kapelle zum Frieden mahnen, wurden aus einem Militärgelände große Naturschutzgebiete.

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          Weithin erkennbar überragen südlich des Aschaffenburger Stadtteils Schweinheim drei hohe Kreuze den hohen Sternberg. Ihre Sichtachse ist auf das mächtige Renaissance-Schloss der Mainzer Erzbischöfe ausgerichtet, wobei das Naheliegende nicht der Ursache Wirkung sein muss. Die Golgathagruppe hat historisch nichts mit dem Kurfürstentum zu tun, wohl aber mit dem Geist seiner fast tausendjährigen Glaubensprägung. Das 1948 erfolgte Aufstellen der neun und sieben Meter hohen Kreuze durch den „Gesellschaftsklub Fidelio“ galt einem Mahnmal für den Frieden, zugleich verwiesen sie auf den Neubeginn der bis zum Verbot in den dreißiger Jahren aufgeführten „Schweinheimer Passionsspiele“, die freilich schon 1957 wieder eingestellt wurden.

          Die Kreuze blieben und avancierten wie die nahe Kapelle Maria Frieden zum Ziel von Wallfahrten und Prozessionen. Ursprünglich als Sühneopfer für einen Totschlag um 1712 errichtet, erhielt die eine viel ältere Pieta bergende Kapelle 1922 ihre heutige Gestalt. Beide, Kapelle und Kreuze, bilden gewissermaßen die Konstante in einer sich rasch wandelnden Welt, wie schon der Vergleich mit alten Fotografien auf dem Sternberg zeigt. Weit wuchs die Bebauung seither ins Umland, gleichwohl wird im Sinne biologischer Vielfalt auch Fläche gewonnen. Wo noch vor wenigen Jahrzehnten ausgeräumte Felder vorherrschten, gedeihen jetzt Bäume und Hecken im Wechsel mit Magerrasen und Streuobstwiesen. Und wo Panzer ratterten und scharf geschossen wurde, auf einem seit 1912 bestehenden militärischen Übungsgelände, grasen nun alte Tierrassen.

          Der Rückzug amerikanischer Streitkräfte 2007 erlaubte die Ausweisung als „Nationales Naturerbe“. Die größere Hälfte des rund 300 Hektar großen Naturschutzgebietes umschließt ausgedehnte Wälder und Biotope, die andere das nördlich angrenzende Offenland „Wilde Weide“ der einstigen Schießbahnen. Dort finden zwei kleinere Herden rückgezüchteter Heckrinder sowie der fast ausgestorbenen Przewalski-Pferde jetzt ein Quartier.

          Wegbeschreibung

          Als Zugang in die Aschaffenburger Sakral- und wiedergewonnene Naturlandschaft eignet sich der Stadtteil Schweinheim. Die zentrale Bushaltestelle Hensbachstraße wird regelmäßig vom Hauptbahnhof bedient; benachbart ein Parkplatz. Für die knapp drei Kilometer lange Runde nur um die Wilde Weide lässt sich über die Ebersbacher Straße auch direkt vorfahren. An dem Parkplatz hält man Ausschau nach der Markierung roter Punkt. Sie begleitet durch eine Grün- und Kleingartenanlage, bis sie rechts in die Weinberg- und dann links zur Aumühlstraße schwenkt. Auf ihr verbleiben wir auch außerhalb geradeaus, wenn der Punkt bald links wegknickt, ebenso nach Kreuzen einer Kreisstraße 500 Meter weiter; drüben kurz hinauf zu der leicht an den Hang gelehnten Wilden Weide.

          Sollten die Heckrinder nicht in dieser Ecke grasen, sieht man sie spätestens nach einigen hundert Meter rechts am Zaun entlang. Etwas verkürzend – vorbei an der Umweltstation – lässt sich der Weg auch hier fortsetzen. Ringsum verläuft das Zeichen roter Schmetterling. Wieder zurück oder gleich links, folgt man ihm, um nach etwa 300 Metern rechts in einen unscheinbaren Pfad eingewiesen zu werden. Ansonsten ist der Weg breit ausgebaut, teilweise sind es noch die Betonpisten der Militärzeit. Bewusst erhielt man sie neben einem Munitionsbunker und dem kegelartigen Befehlsstand mitten im Gelände, der jetzt als Aussichtspunkt dient. Von oben sind die Przewalski-Pferde am besten in dem hügeligen Terrain zu beobachten. Lieber halten sie sich freilich linksseitig in Zaunnähe auf. An den dortigen Unterständen gibt es eine Extraportion Heu und liegen mehrere Wasserlöcher.

          Etwas abschüssig endet das 60 Hektar große Gehege vor einem Parkplatz, über den man links zur Markierung roter Vogel (Bekassine) wechselt. Sie leitet gen „Fidelio“ gleich in den Wald gut 600 Meter zu dem Kultur- und Sportzentrum. Wir verharren etwas oberhalb und ändern erneut die Vorzeichen - rechts zum roten Hasen sowie dem Fränkischen Marienweg (rotblau). Kaum 800 Meter leichten Anstiegs, und man steht vor der Kapelle Maria Frieden (auch Obernau genannt). Sie steht jederzeit offen und erfreut sich mit Blick auf die vielen brennenden Kerzen großen Zuspruchs.

          Von allen Seiten ist die Kapelle gut erreichbar. Wir wählen – aus ihrer Sicht – jetzt den halblinken, zunächst schnurgeraden Weg unter Führung der blaugelben Schildchen eines Spessart-Kulturwegs. Nach 500 Metern zwischen Kiefern biegt dieser vor dem steilen Wiesenhang links ab und kurz darauf rechts zurück in den Wald, nun über einen Pfad zum Baumrand. Am dortigen Richtungspfosten „Judenfriedhof“ heißt es abermals umorientieren - nach rechts mit A 3 zu der etwa 300 Meter entfernten Begräbnisstätte hinter einer hohen Mauer. Durch das Torgitter sind die bis ins frühe 18. Jahrhundert reichenden Grabsteine aber einsehbar.

          Davor wird links über die Felder auf den nahen Waldsaum zugehalten, wo mit Kulturweg und rotem Schmetterling zwei alte Bekannte ins Spiel kommen (das M ist zu vernachlässigen). Bei Sicht bis zu den Frankfurter Hochhaustürmen schlüpfen die beiden nach 500 Metern rechts in den dichten Kiefernforst für einen Linksbogen zur Spitze des Sternbergs mit der Kreuzigungsgruppe.

          Dichtes Strauchwerk

          Weiter geht es ein Stück vor den Bäumen entlang, ehe der nun allein maßgebliche Kulturweg rechts hinunter bald durch dichtes Strauchwerk wedelt. An der Kreuzung Ruhstock - früher stellten hier Bauern schwere Lasten ab – knicken wir rechts ohne Markierung in den befestigten Wirtschaftsweg, im Neubaugebiet zur Bischbergstraße werdend. Sie mündet in die Bachgartenstraße und aus ihr rechts – Bachstraße – zum Ausgangspunkt.

          Anfahrt: Aschaffenburg liegt an der A 3; mit B 8 und B 26 ins Zentrum, über den Main und der Ausschilderung Schweinheim folgen (aktuell Umleitung mit „U 3“). Halb- bis einstündliche Verbindungen per ICE und RB (teils über Hanau); weiter mit Buslinien 4 oder 10 viertelstündlich bis Schweinheim, Hensbachstraße.

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