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Der Wandertipp : Im Wald versteckte Wälle

  • -Aktualisiert am

Nurmehr längere Passagen des Werkgrabens erinnern an den einst größten Textilbetrieb im Rhein-Main-Gebiet. Bis zu 400 Beschäftigte zählte die 1860 gegründete „Aktiengesellschaft für Spinnerei und Weberei Hohe Mark" Bild: Thomas Klein

Heute wachsen Bäume, wo vor mehr als 100 Jahren eine große Spinnerei stand. Nur wenige Spuren wie ein Werkgraben erinnern im Taunus daran.

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          Fern und ernsthaft habe ihm stets „das Gebirge“ mit dem Feldberg vor Augen gestanden, hat Johann Wolfgang von Goethe in „Dichtung und Wahrheit“ geschrieben. Die Bezeichnung Taunus gab es damals noch nicht, und auch sonst war vieles anders. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein zeigten sich die Gipfel kahl und steinig, während tiefere Lagen der Beweidung dienten. Selbst die prähistorischen Ringwälle um den Altkönig oder am Hünerberg glänzten noch beeindruckend in der Sonne.

          Dies weckte den damaligen Forscherdrang. Das mystische Denken, wie es die althergebrachten Namen überlieferten, verlangte nach Aufklärung. Weder saß ein germanischer Herrscher auf dem knapp 800 Meter hohen Altkönig, noch hatten Hünen oder Riesen, woran das verballhornte „Hünerberg“ erinnerte, die Steinmassen eine Etage tiefer gefügt. Allerdings erwiesen sich bei letzterem die Grabungen um 1900 als weniger eindeutig.

          Funde aus der späten Bronzezeit

          Statt, wie am Altkönig, Spuren der Kelten entdeckte man an den knapp zwei Meter starken Trockenmauern Hinweise auf das Frühmittelalter. Vermutlich schützten die Mauern eine Fliehburg. Einzelfunde reichen gleichwohl bis in die späte Bronzezeit zurück, und auch die Römer wussten den grandiosen Ausblick über die Mainebene schon zu schätzen.

          Das offene Terrain bot sogar noch in jüngerer Zeit ungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten. Wo heute am zentralen Einstiegsportal zum Hochtaunus, der Hohemark, der Wald beginnt, erfüllte vor mehr als 100 Jahren der Lärm eines der größten Textilbetriebe im Rhein-Main-Gebiet das Urselbachtal. Bis zu 400 Beschäftigte zählte die 1860 gegründete „Aktiengesellschaft für Spinnerei und Weberei Hohe Mark“. Zahlreiche Produktionsstätten säumten den Bach, eine werkseigene Gasanlage versorgte Fabrik- und Verwaltungsbauten.

          Dank der technischen Pioniertat lief der Absatz glänzend. Insgesamt vier Kilometer lange Werkgräben speisten – bei nur zwei Meter Gefälle – eine 600 Meter messende Turbinenleitung, die wiederum auf die pfeilergestützte, 700 Meter lange Drahtseiltransmission wirkte. Am Ende stand eine 40 PS leistende Turbine, genug zum Antrieb von mehr als 10.000 Spindeln.

          Dennoch unterlag man auf Dauer der industriellen Konkurrenz; 1902 ging die Spinnerei in Konkurs, diente dann verschiedenen Herstellern, ehe 1919 ein Großfeuer die Anlage fast vollständig zerstörte. Lediglich das vormalige Direktions- und einige Wohngebäude, heute gegenüber der U-Bahn-Endstation, blieben verschont. Außerdem kann noch, jetzt versteckt im Wald, längeren Strecken des Werkgrabens gefolgt werden.

          Wegbeschreibung

          Für den Hünerberg und die Relikte der Spinnerei bildet die Hohemark den besten, weil nächstgelegenen Zugang. Abgesehen von der guten Erreichbarkeit via U-Bahn gibt es große Parkplätze (kostenfrei an der Endstation), und die Infrastruktur wurde in den vergangenen Jahren durch das touristische Informationszentrum (aktuell geschlossen) sowie ein Gasthaus („Waldtraut“) aufgewertet (derzeit Speisen und Getränke nur zum Mitnehmen).

          Der wallumgürtete Hünerberg bietet großartige Ausblicke ins Rhein-Main-Gebiet sowie zum Massiv des Altkönigs
          Der wallumgürtete Hünerberg bietet großartige Ausblicke ins Rhein-Main-Gebiet sowie zum Massiv des Altkönigs : Bild: Thomas Klein

          Fast alle Wanderzeichen zeigen ins Urselbachtal. Deshalb muss keines hervorgehoben werden, zumal der Hauptweg schon nach wenigen hundert Metern in Höhe des ursprünglichen Pump- und heutigen Wasserwerks nach links verlassen wird (es sei denn, man spart den Werkgraben aus und verbleibt geradeaus). Davor steht eine zeichnerische Rekonstruktion der Spinnerei und ihrer Betriebsabläufe.

          Der ansteigende Pfad hält auf den Wald zu, wo man den Oberurseler Mühlenweg sichtet. Keine 300 Meter weiter weist sein Symbol, Bachflohkrebs vor Mühlrad, rechts zum Werkgraben. Auf etwas erhöhtem Weg begleitet man die noch gut erhaltene Rinne, flankiert von einem dichten Eichen- und Buchenspalier.

          Das Pfädchen stößt dann hinter dem roten Gebäude – früher eine Mühle – auf den am Urselbach verlaufenden Hauptwanderweg. Allerdings nur kurz: Schon nach gut 100 Metern lässt man ihn zurück und wendet sich nach scharf links in Richtung Falkenstein, später auch angezeigt als Kaiserin-Friedrich-Weg. Leicht hinan wandelt man quasi auf hochherrschaftlichen Spuren, nutzte doch die Witwe Kaiser Friedrichs III., Victoria, diese Passage bei Ausfahrten von ihrem Ruhesitz in Kronberg.

          Damals im späten 19. Jahrhundert war der Taunus längst erschlossen. Einem der Wegepioniere des Taunusclubs ist die Emminghaus-Hütte gewidmet, an der man nach einer Viertelstunde vorbeikommt. Hier stoßen mehrere Zeichen hinzu, wodurch sich an der Hauptrichtung – jetzt mit dem Zeichen blauer Strich – nichts ändert. Weiter geht es im Nadelwald für etwa 1200 Meter bis zur nächsten, etwas einfacheren Hütte neben einer fünfarmigen Kreuzung. Daraus wählt man den gegenüber liegenden, abwärts zielenden Weg.

          Einer Markierung bedarf es dort noch weniger. Gut 800 Meter geht es schnurgerade bis zum zweiten Querweg. Möchte man den Hünerberg auslassen, geht man unverändert hinab für den Anschluss an den schwarzen Punkt. Ansonsten wendet man sich nach rechts und 250 Meter bis zum Auftreten jenes Punktes: Mit ihm schwenkt man links auf einen unscheinbaren Pfad für den kurzen Gipfelsturm auf den Hünerberg.

          Das Zeichen quert das gesamte Plateau von der Hütte an der Südflanke mit ihrem großartigen Ausblick über den Untermain zur rückwärtigen Schneise, vor der sich das Massiv des Altkönigs aufbaut. Ein Schlängelpfad führt wieder hinunter und an der Kreuzung nach rechts zum nahen Haubergstein, einem wuchtigen Monolithen, der gleichsam als Zugangsturm den Hünerberg bewacht.

          300 Meter weiter geht man an der Kreuzung ohne Markierung nach links, am nächsten Querweg – vor einer Holzbank – nach rechts und bald darauf nach links mit weißem Strich und weiteren Zeichen über knapp zwei Kilometer zurück zur angezeigten Hohemark.

          Sehenswert

          Zwischen einer Schule und dem Taunus-Informationszentrum an der Hohemark steht ein stattliches Gebäude, eines der letzten der bedeutenden Spinnerei im Tal des Urselbachs. Dessen Wasserkraft nutzte man zum Antrieb von mehr als 10 000 Spindeln über ein komplexes System aus insgesamt vier Kilometer langen Werkgräben, Turbinenleitungen und einer 700 Meter messenden Drahtseiltransmission. Sie galt um 1860 als längste Europas. Nach dem Konkurs 1902 und einem Großfeuer 1919 erinnern nur noch abseits liegende Wohn- und Verwaltungsgebäude sowie längere Strecken des Werkgrabens an die Produktionsstätten.

          Einst unbewaldet, nutzten prähistorische Völker die markanten Erhebungen im Vorder- und Hochtaunus, so auch am 370 Meter hohen Hünerberg. Die dortigen Funde lassen eine bis in die späte Bronzezeit reichende Besitznahme vermuten, die Zeitstellung des um 1900 untersuchten Ringwalls ist aber jünger.

          Daten

          Länge: 9 km
          Höhenmeter: 240
          Karte: Vordertaunus, Maßstab 1:25 000, NaturNavi

          Anfahrt

          Über die A 661 und ihre Verlängerung B 455 bis zur Abfahrt Großer Feldberg; aus dem Kreisverkehr dann wahlweise auf den Parkplatz am Infozentrum oder neben der Endstation der U-Bahn 3. Die U3 verkehrt von der Frankfurter Innenstadt aus im 20-Minuten-Takt.

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