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Der Wandertipp : Herberge des Hochadels

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Fast versteckt liegt Schloss Heiligenberg in einem Landschaftspark oberhalb von Jugenheim. Bild: Thomas Klein

Das bei Seeheim-Jugenheim gelegene Schloss Heiligenberg und sein blühender Landschaftspark ist ein Kleinod an der Bergstraße, mit dem sich große Namen verbinden.

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          Im Reigen der Schlösser und Burgen an der Bergstraße nimmt das klassizistische Schlösschen auf dem Heiligenberg bei Jugenheim eine Sonderstellung ein. Man übte sich dort stets in demonstrativer Bescheidenheit, obwohl das Schloss die höchsten Adelskreise Europas sah und noch heute in alter Verbundenheit von Mitgliedern des englischen Königshauses aufgesucht wird.

          Fast versteckt liegt die Vierflügelanlage oberhalb eines Landschaftsparks mit dichtem Bestand an Kastanien, Linden oder Blutbuchen, und selbst Mammutbaum, Libanonzeder sowie weiß und rosa blühende Magnolien fehlen nicht. Ursprünglich ein landwirtschaftliches Gut, wurde es nach dem Ankauf 1827 zu einem Sommersitz des Hauses Hessen-Darmstadt. Auf Wunsch von Großherzogin Wilhelmine lag es an Hofbaumeister Georg Moller, bei der Neu- und Umgestaltung zurückhaltend zu agieren.

          Beide konnten kaum erahnen, dass der Heiligenberg einmal bedeutende Gäste beherbergen würde. Denn durch ihren frühen Tod erlebte Wilhelmine nicht mehr, wie ihre Kinder im Hochadel reüssierten. Tochter Marie heiratete 1841 den späteren Zaren Alexander II. von Russland – worauf sie mit großem Gefolge öfters für längere Aufenthalte an die Bergstraße kam –, und Sohn Alexander wurde nach einem wildbewegten Leben zum Stammvater mehrerer bis heute fortlebender Dynastien.

          Ruhesitz auf dem Heiligenberg

          Im zuletzt zu einem kleinen Museum umgewidmeten „Russenhaus“, der Unterkunft von Bediensteten des Zaren, hängt eine wandhohe Stammtafel zur Entwirrung der genealogischen Linien, deren Enden in den Königshäusern von Spanien, Schweden, Griechenland und natürlich England münden. Bei den Windsor-Mountbattens klingt anglisiert jenes (ausgestorbene) Geschlecht Battenberg nach, das Alexanders Frau Julia Haucke für die standesgemäße Aufwertung der morganatischen Ehe von ihrem Schwager, Großherzog Ludwig III., verliehen bekam.

          Das Paar nahm seinen Ruhesitz auf dem Heiligenberg, wo es auch bestattet liegt. Allerdings nicht in der neugotischen Grabkapelle, sondern im Mausoleum vor dem weithin sichtbaren „Goldenen Kreuz“ gegenüber, das Alexander und Marie 1866 ihrer Mutter gestiftet hatten. Erinnert werden sollte nicht zuletzt an weitere Verdienste von Wilhelmine: Über den Fundamenten eines Nonnenklosters ließ sie eine künstliche Kirchenruine mit andernorts geretteten gotischen Fenster errichten, und sie bewahrte die rund 800 Jahre alte Centgerichtslinde daneben.

          Auf das Haus Hessen-Darmstadt gehen auch frühe Sicherungsarbeiten für den Erhalt der Burgruine Alsbach zurück, um diese dann im romantischen Überschwang zum „Schloss“ zu erheben. Aber erst das ehrenamtliche Wirken eines Bürgervereins seit den neunziger Jahren erlaubt das gefahrlose Betreten und ein Besteigen des wiedererrichteten Turms, von dem sich großartige Ausblicke über die Rheinebene bis Donnersberg und Taunus bieten.

          Wegbeschreibung:

          Beginn ist in Jugenheim an der Straßenbahn-Haltestelle Ludwigstraße. Diese wechselt am Kreisel in die Hauptstraße. Beiderseits davon sind Stellflächen ausgewiesen (werktags zeitlich limitiert); kostenpflichtig kann auch der Parkplatz am zentralen Supermarkt genutzt werden.

          Am Ende der Hauptstraße wendet man sich nach rechts auf den Pauerweg und damit einem ganzen Zeichenbündel zu, darunter rotes A und das blaue Tor des Burgensteigs. Die Zeichen geleiten durch die blühenden Gärten eines gehobenen Wohnviertels aus Jugenheim hinaus und bei leichtem Anstieg in den Wald hinein. Der kurvenreiche Weg unter hohen Buchen erlaubt noch genügend Durchsicht auf wild wachsende Kirschbäume davor.

          Erst nach Queren der Rast- und Wassertretanlage am Sperbergrund entfernt man sich etwas, um dann in tiefen Hohlwegen dem Alsbacher Schloss zuzustreben. Zum Tor läuft man um die hohe Außenmauer herum. Innenhof und gedrungener Turm sind frei zugänglich, von dessen Ausguck der offenen Rheinebene kontrastreich der steile Abhang des Melibocus gegenübersteht.

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