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Wandertipp : Die überirdische Totenwelt Oppenheims

  • -Aktualisiert am

Größtes Totenhaus nördlich der Alpen: Rund 20.000 Gebeine werden in der Michaelskapelle zu Oppenheim, offen einsehbar verwahrt. Bild: Thomas Klein

Das rheinhessische Oppenheim besitzt eine einzigartige Toten- und Unterwelt. Neben dem größten Beinhaus nördlich der Alpen gibt es in der Stadt am Rhein kilometerlange Gänge unter der gesamten Altstadt.

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          Sind es zwölf- oder gar zwanzigtausend Gebeine? Die Schätzungen über die Zahl der Skelette im größten Totenhaus nördlich der Alpen schwanken. Das rheinhessische Oppenheim macht nicht viel Aufhebens um dieses einzigartige Zeugnis früheren Bestattungswesens – vielleicht weil der frei einsehbare Knochenberg in der Michaelskapelle hinter der Katharinenkirche als zu schockierend empfunden werden könnte.

          Mit der Auslagerung des Todes auf dezentrale Friedhöfe geriet in Vergessenheit, dass früher die Gräber in geweihter Erde die Kirchen umgaben. Die ohne Sarg liegenden Leichen wurden später entfernt und in den zumeist dem „Seelengeleiter“ Erzengel Michael gewidmeten Ossarien gestapelt. In Oppenheim freilich nur Schädel und Extremitäten. Das musste für den Glauben an eine leibliche Wiederauferstehung genügen.

          Wunder der Katharinenkirche

          Warum man dort später das Beinhaus nicht ausräumte, konnte nie recht geklärt werden, wenn auch das Gräberfeld nach Wasserverunreinigungen spätestens um 1800 ausgedient hatte. Zweifellos ist Oppenheim eine selbstbewusste Gemeinde, die schwerste Zerstörungen überwand und sich schon mal als vormalige Reichsstadt den Anordnungen des Landesherrn, der Kurpfalz, widersetzte. Dem Bildersturm seit Einführung des Calvinismus 1565 war sie machtlos ausgeliefert. An der heiligen Katharina, eine der 14 Nothelfer, und Erzengel Michael hielt man fest.

          Es grenzt an ein Wunder, dass die Katharinenkirche noch steht. Dieses bedeutendste gotische Gotteshaus zwischen Köln und Straßburg wurde wie die Stadt mehrfach in Mitleidenschaft gezogen, und doch ist es nach Restaurierungen seit Mitte des 19. Jahrhunderts beeindruckender denn je anzusehen. Alles war auf Repräsentation und Überhöhung ausgelegt. Am stimmungsvollsten zeigt sich der Kirchenraum, wenn Sonnenstrahlen die aus sieben Jahrhunderten stammenden 44 Fenster mit biblisch-sakralen und weltlichen Motiven in Licht taucht.

          Dass auch mittelalterliche Verglasung überdauerte, ist einer weiteren Besonderheit zu verdanken. Die Stadt durchzieht über sieben Etagen ein gut 50 Kilometer messendes Netz unterirdischer, ungezählte Hohlräume berührende Gänge. Dorthin wurden die Kirchenfenster bei Gefahr gebracht. Ansonsten lagerte man dort Vorräte und Wein. Die Fläche für die Haupteinnahmequelle wird früher freilich weitaus größer gewesen sein als die heute angebauten 700 Hektar Reben.

          Wegbeschreibung

          Die Umgebung Oppenheims zeigt zwei Gesichter. Amphietheatrig ansteigende Weinberge, denen das dicht bewachsene, teils naturgeschützte Rheinufer gegenübersteht. So erreicht man vom Bahnhof in fünf Minuten auenartige Vegetation. Die von der B 9 abzweigende Fährstraße führt darauf zu; dort auch viel Parkraum. Aus der Rechtskurve dann geradeaus vorbei an Pappeln zum Fluss, der nach rechts die Richtung vorgibt. Nochmals treten Bäume und Buschwerk an einem Festcamper-Platz zurück, bevor sich der grüne Zaun schließt. Auf dem Deich dazwischen kommt man gut voran, hoch genug, um den Schiffsverkehr und das Naturschutzgebiet Knoblochsaue an der hessischen Rheinseite in den Blick zu nehmen.

          Über der Stadt thronend: Die Katharinenkirche ist einen Besuch wert.
          Über der Stadt thronend: Die Katharinenkirche ist einen Besuch wert. : Bild: Thomas Klein

          Fast verdeckt bleibt der Sportflugplatz von Dienheim. Der am Ende rechts abknickende Weg ist zu ignorieren, erst 700 Meter weiter, vor der gepflasterten Freifläche, biegen wir rechts in den Wirtschaftsweg, übersteigen einen Damm und streben auf den vom Kirchturm überragten Ort zu. Der Turm ist romanisch, man hat ihn beim spätbarocken Ausbau des Langhauses der Bonifatiuskirche ebenso belassen wie den gotischen Chor aus dem 15. Jahrhundert. Damit blieb auch die kostbare Ausmalung floraler Motive um eine Schutzmantelmadonna bewahrt.

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