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Der Wandertipp : Ein deutsches Streichquartett

  • -Aktualisiert am

Von Tucholsky gefeiert als Landschaft, „die Musik macht“ – das Hafenlohrtal im Spessart. Heute steht es auf vier Kilometern unter Schutz und kann über einen Bohlensteg gequert werden. Bild: Thomas Klein

Der Biber hat gefehlt, um das Naturparadies im Hafenlohrtal perfekt zu machen. Was schon Kurt Tucholsky schätzte, ist anziehender denn je.

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          Jetzt ist auch der Biber da. Wenn es einer letzten Beglaubigung für die Natürlichkeit eines Gewässers wie der Hafenlohr bedurft hätte, dann wurde sie durch die Anwesenheit des Nagers erbracht. Nach ersten Anläufen fand er dauerhaft in das teilgeschützte, gering besiedelte Spessarttal. Zu Gesicht wird man Castor fiber zwar kaum bekommen, seine untrüglichen Spuren sind aber nicht zu übersehen. Wie angespitzte Bleistifte liegen gefällte Bäume an der Mündung des Steinbachs in die Hafenlohr und stauen das Wasser bis zum Waldrand.

          Man könnte annehmen, der Biber habe mit dem Einzug gewartet, bis die Gefahr eines sehr viel größeren Staudamms gebannt ist. 40 Jahre lang schwebten Planungen für ein gigantisches Rückhaltebecken über dem gut 25 Kilometer messenden Tal, dem nicht zuletzt Kurt Tucholsky mit seiner legendären Spessartwanderung 1927 ein literarisches Denkmal setzte.

          Nach langem Kampf einer 1978 gegründeten Bürgerinitiative konnte dieses „deutsche Streichquartett“, wie Tucholsky die „musikmachende Landschaft“ empfand, vor dem Versinken bewahrt werden. So bekamen Wasserbüffel am Unterlauf der Hafenlohr einen knapp 1000 Meter langen Streifen aufbereitet. Die Lichtenau, wo Tucholsky nächtigte, fehlt jetzt in keinem Kanon literarischer Stätten und das Wichtigste, ein dicht gewirktes Netz an Wander- und Lehrpfaden, darunter ein Bohlenweg durch den Oberlauf, ermöglicht die Sicht- und Erlebbarkeit der vielfältigen Auenvegetation.

          Auch der Biber hat unterdessen in das Hafenlohrtal gefunden, wie seine (Nage-)Spuren untrüglich anzeigen.
          Auch der Biber hat unterdessen in das Hafenlohrtal gefunden, wie seine (Nage-)Spuren untrüglich anzeigen. : Bild: Thomas Klein

          Mehr als 1600 Tier- und Pflanzenarten werden gezählt, davon 70 auf der Roten Liste wie der insektenfressende Sonnentau. Es fehlt nicht an Naturwaldreservaten, und wo einst Bomig-, Eich- oder Breitsee zum Wässern und Triften von Stämmen angelegt wurden, dominieren nun Röhricht- und Brackwasserzonen.

          Als bester Schutz erweist sich das jahrhundertelange Siedlungs- und Rodungsverbot der Mainzer Erzbischöfe für ihr ausgedehntes Jagdrevier im Mainviereck. Das an Wasserburgen angelehnte Kurmainzer Schloss diente als Verwaltungssitz. Später Hotel, wird das Kleinod heute als Tagungszentrum genutzt.

          Wegbeschreibung:

          Als Startpunkt wurde der am südlichen Ortsrand von Rothenbuch liegende Parkplatz gewählt – dort stoppt der Bus –, an dem die Markierung ,roter Diagonalstrich‘ vorbeiläuft. Jenseits der Ausfallstraße fädelt sie halblinks in einen schmalen Weg ein. Der entpuppt sich rasch als Begleiter der tief unten glucksenden Hafenlohr. Soweit sie überhaupt auszumachen ist. Schon hier säumt das am Schloss entspringende Flüsschen dichter Bewuchs, hinter dem kaum vereinzelte Gebäude wie die Untere Mühle von 1845 erkennbar sind. Später tritt das Pflanzendickicht zugunsten hügeliger Viehweiden zurück, auf denen genügsame Galloway-Rinder grasen. Sie gehören zu einem Hof, den man beim Wechsel der Bachseite sichtet. Wald verdeckt ihn dann, und mit der Rechtskurve in ein Nebental enden die Nutzflächen. Etwa 400 Meter danach können wir dessen Bächlein abkürzend queren, so der Breitsee ausgelassen werden soll. Auch dorthin führt der Diagonalstrich, kreuzt den Damm, kommt auf der anderen Talseite retour und verbleibt länger knapp unter Bäumen, die mehrfach den Blick in das bald wieder erreichte Hafenlohrtal freigeben.

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