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Der Wandertipp für Rhein-Main : Zu schön, um wahr zu sein

  • -Aktualisiert am

Das reich gezierte Killingerhaus in Idstein; im Hintergrund die Unionskirche Bild: Thomas Klein

Wem Fachwerk mehr als Balken sind, findet in Idstein eines der schönsten Quartiere Hessens. Schon die Römer wussten um die gute Lage und führten den Limes hindurch.

          3 Min.

          Diese Geschichte konnte nicht wahr sein, jene Legende um ein Fachwerkgebäude, genannt Killingerhaus, das 1650 in Straßburg ab- und in Idstein wieder aufgebaut wurde. Mag die Erzählung von der Ehefrau eines Amtmannes, die sich nicht vom schmucken Dienstsitz trennen wollte, als er in den Taunus versetzt wurde, längst widerlegt sein, enthält sie doch eine allgemeingültige Erkenntnis: Schönheit regt die Phantasie, aber auch Neid und Ehrgeiz an.

          Als Urheber der Mär vom verpflanzten Haus gilt ein cleverer Lokalpatriot in den zwanziger Jahren, der darauf setzte, das von außen Kommendes als nachahmenswert empfunden wird. Damals wirkte Idstein keineswegs so ansehnlich wie heute. Das Renaissance-Schloss (Gymnasium) und die Burgreste um den mittelalterlichen Hexenturm waren heruntergekommen und die meisten der rund 200 Fachwerkhäuser verputzt. Nur eben das Killingerhaus nicht. Seither hat eine bemerkenswerte Gesamterneuerung das nassauische Residenzstädtchen erfasst. Nicht alle Gebäude zeigen die Schmuckfreude des Killingerhauses, doch in summa kann Idstein heute vorbildgebend auf eines der schönsten Fachwerkquartiere Hessens blicken.

          Die Singularität von Idstein

          Bemerkenswerterweise findet die Pracht im sakralen Raum ihre Fortsetzung, seit man ab 1665 die mittelalterliche St. Martinskirche zur Hofkirche aufwertete und vollständig mit neutestamentlichen Szenen ausmalte. Die 38 gerahmten Bilder geben dem hohen Kirchenschiff eine Gliederung, die eher an eine barocke Kunstkammer als ein Gotteshaus erinnert und schon gar nicht an ein evangelisches. Vielleicht wählte man wegen dieser Singularität Idstein aus, die Spaltung des Protestantismus in Lutheraner und Reformierte zu überwinden. Die 1817 im Herzogtum Nassau erstmals in deutschen Landen vereinte Kirche gab zum hundertjährigen Jubiläum Anlass für das Umbenennen der Martins- in Unionskirche und zum zweihundertjährigen für die umfassende Sanierung der einzigartigen Bildergalerie sowie bröckelnder Bauteile.

          Die zu besonderen Gelegenheiten geweckten Kräfte schenkten Idstein 2002 auf Privatinitiative zur 900-Jahr-Feier nicht zuletzt die authentische Nachbildung eines zwölf Meter hohen, weithin sichtbaren Wachturms am römischen Limes. Anders als bei früheren Rekonstruktionen ist er nach neueren Erkenntnissen weiß gestrichen und die rote Quaderung nur aufgemalt. Mit dem schönen Schein wussten bereits die Römer zu blenden.

          Wegbeschreibung

          Der Bahnhof von Idstein liegt etwas oberhalb der Altstadt. Ringsum wie auch in der Altstadt gibt es viel (kostenpflichtigen) Parkraum; frei ist die Fläche hinter dem Schloss. Über die Stationszufahrt kommt man zum vorgelagerten Verkehrskreisel, wo die Markierungen schwarzes Dreieck, grüner und roter Strich bereitstehen, um links von dem Soldaten-Denkmal mit der Bahnhofstraße ins Zentrum zu leiten.

          Am König-Adolf-Platz zwischen Killingerhaus und Hexenturm verlieren sich etwas die Zeichen, bevor es rechts in der fachwerkgeprägten Straße Weiherwiese weitergeht; vorne links und dann aus dem Kreisel rechts zur Schützenhausstraße, endend am offenen Wolfsbachtal.

          Jetzt haben wir die Wahl: Etwas verkürzend mit dem roten Strich zwischen Bäumen und Bächlein bis zu seiner Quelle im Wald; dorthin hatten die Römer Mitte des 2. nachchristlichen Jahrhunderts den Limes etwas vorgeschoben. Oder man folgt schwarzem Dreieck und grünem Strich für einen ausholenden Bogen durch abwechslungsreichen Mischwald unter Einschluss der römischen Grenze.

          Die beiden Zeichen schlüpfen links in den unscheinbaren Pfad und gewinnen an Höhe für den Übergang zu einem Forstweg. Der zielt über gut einen Kilometer auf eine Landstraße, der man rechts gut 200 Meter nachgeht, ehe sie rechts hinaus - nun allein mit dem grünen Strich - über den Heidekopf zurückbleibt. Und das bedeutet unverändert zwischen luftig stehenden Laubbäumen geradeaus. Ging es seit einer leichten Linkskurve wieder bergab, stellen wir uns knapp vor dem Waldende auf den Wechsel rechts zum schwarzen Türmchen des Limeswanderwegs ein. Zunächst gibt sich der einstige Grenzverlauf flachwellig, bevor er mit jedem Schritt hinan stärker als wallartige Erhebung zwischen dem Wurzelgeäder mächtiger Buchen erkennbar wird.

          Später ist der Limes nach links zu überschreiten; an jenem Triangel genannten Punkt, wo die beiden Strecken seit der Vorverlegung auseinandertraten. Die ältere oder hintere Linie kreuzt man gleich darauf in Richtung Waldsaum, dort 400 Meter rechts entlang, kurz retour unter die Bäume und dann links über Felder auf Dasbach zu, noch davor rechts und schließlich hinein.

          Hinter dem Pfarrkirchlein mit Dachreiter knicken wir rechts ab durch Neubauten und an ihrem Ende links zu einem kleinen Friedhof. Hier heißt es erneut links in freies Terrain und bald aufwärts dem Limesturm neben einer vielbefahrenen Landstraße entgegen, kaum anders wie vor fast 2000 Jahren, als seine Besatzung den regen Grenzverkehr zur fruchtbaren Idsteiner Senke kontrollierte.

          Diagonal quert man die Straße zu dem Wiesenweg auf der anderen Seite. Der Abgang über rutschiges Geläuf ins Wörsbachtal lässt erahnen, wie rigoros der Limes ins Gelände gefräst wurde. Dessen Wiederanstieg aus der Senke – und die Markierung – verfolgen wir nicht länger; vielmehr wenden wir uns unten rechts durch den Talgrund. Begleitet von wetterfesten Galloway-Rindern erreicht man in einer Viertelstunde die Unterführung der Südtangente vor Idstein.

          Drüben, in der Straße Taubenberg, läuft der Wörsbach linksseitig noch mit, ehe ihn die nahtlos anschließende Straße Im Rauental überbrückt. Wenige Schritte dahinter biegt man rechts in den Kirmsseweg bis zu einer Kreuzung: Rechts gelangt man durch die Grunerstraße ins Zentrum oder geradeaus hinauf – In der Ritzbach – zum Bahnhof.

          Anfahrt, Sehenswertes

          Anfahrt: Über die Autobahn 3 bis Anschlussstelle Idstein. Zahlreiche, größtenteils kostenpflichtige Parkmöglichkeiten; frei am Schloss oder in der Schützenhausstraße. Gute Bahnverbindung, teilweise mit Umsteigen in Niedernhausen.

          Sehenswert: Idstein besitzt eine geschlossene Altstadt mit rund 200 restaurierten Fachwerkgebäuden; herausragend das reich gezierte Killingerhaus von 1615, benachbart das blau angelegte „Schiefe Haus“ sowie der Höerhof. Sehenswert außerdem der besteigbare Hexenturm der mittelalterlichen Burg (Schlüssel in der Tourist-Information) sowie der ins 17.Jahrhundert reichende Schlossgarten gegenüber und das stadtbeherrschende Renaissance-Schloss (heute Gymnasium).

          Durch die Idsteiner Gemarkung führt der teilweise noch gut sichtbare römische Limes mit der Besonderheit von zwei Strecken, nachdem er Mitte des 2. nachchristlichen Jahrhunderts etwas nach vorne verlegt worden war.

          Der einst exponiert zwischen Wolfs- und Wörsbachtal stehende Limes-Wachturm wurde 2002 anlässlich von 900-Jahr-Feier und Hessentag rekonstruiert. Authentisch ist sein weißer Anstrich mit roter Scheinquaderung. Zur Anschauung wurde an einer Ecke das Bruchstein-Mauerwerk freigehalten; im Inneren ein kleines Museum (geöffnet ab Ostern jeden 2. und 4 Sonntag im Monat 14.30 bis 17 Uhr).

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