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Der Wandertipp für Rhein-Main : Höfisches Halali

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Ein malerischer Anblick, der zum Lustwandeln einlädt. Bild: Thomas Klein

Wo einst die Darmstädter Landgrafen ihrer waidmännischen Passion frönten, sind noch viele Jagdspuren in den Laubwäldern zu entdecken. Das betrifft den Forst ebenso wie Bauten und Namen.

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          Lange hatte man widerstanden, doch unterdessen trägt auch das Fußballstadion von Darmstadt einen Firmennamen, ohne freilich das bisherige „Böllenfalltor“ zu streichen. Mit einem lokalisierenden „am“ blieb die Benennung aus Traditionsgründen bestehen. „Böllen“, wie Pappeln im örtlichen Idiom heißen, flankieren nicht zufällig die Arena im Südosten der einstigen Residenzstadt. Das Jagdwesen als eines der prägenden Elemente aus den Tagen der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt soll schließlich nicht in Vergessenheit geraten.

          Die riesigen, nach waidmännischen Kriterien zugerichteten Waldreviere waren eingezäunt und besaßen Falltore, die nicht vom Wild aufgestoßen werden konnten. Geblieben sind nur die als Zollstätten dienenden Falltorhäuser. Tore gibt es nicht an den Böllen, nicht in Bessungen oder Messel und auch nicht das mit dem ausgefallenen Namen Kuhfalltor bei Ober-Ramstadt. Es verwies auf die äußere Schutzfunktion der Gatter: Wild sollte nicht nur drinnen, Vieh musste auch draußen bleiben. Für Waldweide und Streunutzung war der Forst zum Leidwesen der Landbevölkerung tabu.

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          Auch sonst hatte diese unter der Jagdleidenschaft der Landgrafen Ernst Ludwig und Ludwig VIII. im 18. Jahrhundert stark zu leiden. Zwangsverpflichtete Bauern wirkten an der mehrwöchigen Vorbereitung mit, wenn es die hohen Herrschaften nach dem höfischen Halali, dem Eingestellten Jagen verlangte. Dabei war mittels langer Leinwandbahnen das Wild von Schneise zu Schneise zu „stellen“, bis es am Festtag vor die Schießstände der illustren Adelsgesellschaft getrieben werden musste. Auch daran erinnern zahlreiche Namen in den Wäldern wie Stellweg oder der Stellkopf, neben Benennungen nach Ludwig VIII. wie der Ludwigsturm.

          Mögen die Gründe für das Zurichten der Wälder heute befremden, aus kulturhistorischer und ökologischer Sicht sind sie ein Segen und werden entsprechend von der Forstwirtschaft respektiert. Auf Jagdhäuser oder Falltore zuführende Wege bewahrt man ebenso wie die Durchmischung aus Laubbäumen und Lichtungen. Was einst dem Päppeln der Wildbestände diente – die großen Wiesen erleichterten das Äsen –, kommt heute dem Artenreichtum zugute. In dem wasserreichen Gelände bildeten sich Feuchtbiotope wie die Darmbachaue mit seltenen Amphibien und Grasgesellschaften.

          Wegbeschreibung

          Bahnfahrer müssen von der Station Ober-Ramstadt einen längeren Anlauf nehmen. Die Markierung rotes Quadrat leitet sie sicher hinaus: 200 Meter rechts vom Stationsgebäude wird das Gleis zur Bahnhofstraße gequert. Sie mündet in die Roßdörfer Straße, dort geht es nach links bis Gräfenberg- und weiter rechts auf den Steinbruchweg. Dieser stellt nach zwei scharfen Kurven die Verbindung zum Parkplatz Kuhfalltor am Waldrand her.

          Das Sträßchen nutzen auch die Autofahrer. Von der Parkfläche an werden die Zeichen grünes X und weißes O 1 maßgeblich. Sie führen geradeaus in prachtvollem Laubwald zunächst zur Zwischenstation Gut Dippelshof, das heute als Clubhaus eines Golfplatzes links etwas unterhalb des Weges dient, und unmittelbar rechts davon zum ehemaligen Forsthaus Eiserne Hand. Dem Rechtsschwenk der Markierungen kurz dahinter folgt man nicht, vielmehr hält man mit gelbem V Richtung Buchenparade bei. An der nahen Gabelung geht es nach rechts.

          Erst zwei Kilometer später ändert sich beides. Vor der Eisenbahnbrücke schwenkt man nach rechts zur gelben 2, nach 250 Metern nochmals halbrechts. Mächtige Fichten säumen den Hang und werden abgelöst von teils solitär stehenden Eichen gegenüber vom Naturschutzgebiet Darmbachaue. Den schmalen, sumpfigen Streifen prägen Riedgräser und mächtige Seggenbündel.

          Bevor sich das Areal weitet, biegt man an den Fischteichen nach rechts ab. Die 2 führt zwischen zwei Teichen zum linken Ufer; man kann aber auch geradeaus verbleiben oder über die Deiche hin und her wechseln und den Gänsen und Enten bei der Aufzucht ihres Nachwuchses zusehen. So oder so, am Ende der mit Karpfen, Barsch und Zander besetzten Weiher bietet die Gaststätte „Fischerhütte“ eine zünftige Einkehr.

          Für den weiteren Weg ist die rechte die richtige Seite. In Obhut des grünen X geht es ein Stück weiter gen angezeigter Darmbachquelle. Nach gut 500 Metern ist ihre Fassung oberhalb des schilfgesäumten Teichs erreicht. Wenige Meter dahinter verlässt man das X zugunsten der Kombination Da 2 nach links auf einen unscheinbaren Pfad. Kaum merklich passiert er den von Vegetation verhüllten, 230 Meter hohen Stellkopf, und mündet auf einen Querweg. Hier geht es nach rechts. Damit tritt wieder das bekannte O1 in Aktion. Es ist maßgeblich, wenn Da 2 bald nach links wegführt.

          Unterwegs im Naturschutzgebiet

          Jetzt überrascht ein dichtgewirkter Filz knorriger Birken und Lärchen die Wanderer. Er konnte nur dank des forstwirtschaftlichen Umdenkens entstehen, größere Windbruchzonen der natürlichen Entwicklung zu überlassen. Diese Sukzessionsfläche reicht fast einen Kilometer bis zu einigen Einrichtungen für Jugendliche und Umweltbildung. Dort geht es nach rechts und kurz darauf nach links in den Durchschlupf zum Ludwigsteich.

          Das Gewässer umgeht man linksseitig, um mit dem Großen Bruch in das nächste Naturschutzgebiet zu gelangen. Das offene Tal blühender Gräser verlässt O 1 nach etwa 700 Metern nach links und führt zurück in den Wald. An der nahen Kreuzung geht es nach rechts, wo das rote Quadrat auftritt. Für 500 Meter begleitet es O 1, führt aber am Naturschutzgebiet Kleiner Bruch nach links ab auf einen bergan weisenden Pfad. Hier kann man gleich einsteigen oder noch mit O 1 der Wiese folgen und dann nach links 250 Meter hinauf zum Wegzeichen Quadrat laufen.

          Auch weiter oben, nach dem Rechtsabzweig, geht es durch dichten Baumbestand voran. Zum Finale zwischen Ludwigsturm und Ludwigseiche tritt der Wald respektvoll zurück. Nicht mehr weit weg endet der Weg am Parkplatz Kuhfalltor, wo man freie Sicht auf Ober-Ramstadt und den Vorderen Odenwald hat. Bahnfahrer laufen das bekannte Stück retour.

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