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Wandertipp : „Jerusalem auf dem Berge“

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Weithin sichtbar beherrscht die Ronneburg mit ihrer markanten Turmhaube das Land zwischen Langenselbold und Büdingen. Bild: Thomas Klein

Als „Freistatt des Glaubens“ besaß die Grafschaft Büdingen einen Ruf. Viele religiös Verfolgte fanden auf der Ronneburg und dem Herrnhaag Aufnahme.

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          Sie gehören zur Weihnachtskultur wie Baumschmuck und Stollen, jene farbenfroh leuchtenden Sterne mit zahlreichen Spitzen. Deren Kirchen und öffentliche Orte bereichernde Ästhetik lässt leicht vergessen, dass sie ursprünglich Symbol einer verfolgten protestantischen Sekte waren. Ein ungewöhnlich großer Stern hängt deshalb im Brunnenhaus der beiden Barockgebäude, die südlich von Büdingen exponiert am Herrnhaag stehen.

          Das Gebilde, das schon mal mehr als 30 „Strahlen“ haben kann, verweist über die Symbolik als Stern von Bethlehem hinaus auf seine Urheber, die vor 300 Jahren im sächsischen Herrnhut durch Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf begründete (mährische) Brüdergemeinde. Sie erkoren den Stern als Sinnbild für das Licht und Jesu Geburt, nahm er auch erst viel später – patentiert – plastische Formen an.

          Bald vertrieben, fand die Glaubensgemeinschaft beim Büdinger Grafen Ernst Casimir Aufnahme, der sie im Gut Marienborn und auf der Ronneburg ansiedelte, ehe er 1738 die Erlaubnis zum Bau einer eigenen Niederlassung gab. Nach der biblischen Vision eines „Jerusalem auf dem Berge“ angelegt, erwuchsen 17 stattliche Häuser im sächsischen Barock hoher Mansarddächer, darunter Werkstätten wie die des Möbeltischlers Abraham Roentgen. 1000 Gläubige lebten in den nach Familienstand getrennten Gebäuden. Bis zu 4000 hätten Platz gefunden, allein das Grafenhaus bot Raum für 800 Gläubige. Dort wurden Versammlungen und Gottesdienste gehalten. Eine Kirche erübrigte sich, da die Lebensführung auf die Vereinigung mit Jesus ausgerichtet war.

          Die „urchristliche Gemeinschaft“

          Das nahm teils ekstatische Frömmigkeitsformen an, die selbst den nur unregelmäßig anwesenden Zinzendorf auf den Plan riefen. Es half nicht, allerlei Gerede bot dem neuen Büdinger Grafen Gustav Friedrich willkommene Gelegenheit, die weitere Duldung davon abhängig zu machen, sich vom charismatischen Übervater zu lösen. Da dies erwartungsgemäß abgelehnt wurde, verwies er 1750 die „urchristliche Gemeinschaft“ außer Landes. Hernach verfiel die Anlage rasch, nur zwei Gebäude blieben erhalten und werden seit Jahren von zurückgekehrten Nachfahren in mühevoller Arbeit saniert. Das „Schwesternhaus“ ist vollendet, das „Grafenhaus“ wird noch Jahre in Anspruch nehmen.

          Vom Herrnhaag erkennt man gut die Silhouette der Ronneburg. Dort erinnert allerdings nichts an die Herrnhuter, abgesehen von einigen vergilbten Dokumenten im (später so benannten) Zinzendorfsaal. Als „Freistatt des Glaubens“ harrt die Burg noch der angemessenen Würdigung, zumal sie als eines der besten Beispiele für den Übergang vom Spätmittelalter zur Renaissance überregionalen Ruf genießt.

          Seit dem Ausbau zu einem repräsentativen Wohn- und Verwaltungssitz im 16. Jahrhundert hat sich wenig verändert oder konnte dank langwieriger Sanierung wieder in den vormaligen Zustand versetzt werden – von der rußgeschwärzten Küche bis zu ornamentalen und biblischen Ausmalungen in den über vier Stockwerke zu besichtigenden Räumlichkeiten. Sie wie der 32 Meter hohe Bergfried stehen auch offen, wenn zum mittelalterlichen Weihnachtsmarkt am zweiten und dritten Adventswochenende geladen wird.

          Wegbeschreibung

          Für eine verbindende Schleife von Herrnhaag und Ronneburg eignet sich gut Altwiedermus, Ortsteil der Kunstgemeinde Ronneburg. Bei Busanreise entsteigt man an der Station Ronneburger Straße; Autofahrer nutzen am besten den gegenüberliegenden Parkplatz vor der Auffahrt zur Burg. Von der Haltestelle an hält man sich rechts und gleich nochmals rechts in die Straße Herrnwiese bis an ihr Ende, links, rechts und die dort mündende Landstraße gequert. Drüben fädeln wir uns in den Rad-/Fußweg neben der Straße in Richtung Diebach ein. Statt des Asphaltbandes ist es attraktiver, auf Waldwegen über die Höhe zu laufen. Hierfür biegt man an dem Parkstreifen nach 500 Metern links in den Feldweg dem Wald entgegen, um ihn hinter einem kleinen (privaten) Weiher mit Rechts-links-Knicken zu betreten.

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