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Wandertipp : Der sagenhafte Zug des Ritters

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Wie den Fels haben auch die Burgruine Rodenstein längst Bäume erobert. Bild: Thomas Klein

Das Geisterheer Hans von Rodensteins kündet von Krieg und Frieden. Unter seinem Luftkorridor geht es zur gleichnamigen Burgruine.

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          Was ist der sicherste Beleg, dass auch zukünftig Frieden herrscht? Hans bleibt aus. Jener legendäre Ritter Hans von Rodenstein, der seit Jahrhunderten mit einem Totenheer durch die Lüfte bei Fränkisch-Crumbach im Odenwald geistert, um von Krieg und Frieden zu künden. Demnach wäre erst ein fernes Grollen zu hören, dann steigerten sich die Geräusche orkanartig, dennoch seien deutlich Pferdetrappeln, Rufe, Flüche, Schreie, Hundebellen, Peitschengeknall, Waffen- und Sporenklirren zu vernehmen.

          Laut übereinstimmender Aussagen untadeliger Zeugen, die bis zur Untersuchung eines „sich in der Grafschaft Erbach befindlichen Landgeistes“ 1742 reichen, hetzt der apokalyptische Zug den immer gleichen Luftkorridor entlang. Bei Kriegsbeginn startet er vom Stammsitz der Rodensteiner – heute eine wie verwunschen unter Bäumen stehende Ruine –, fegt über das Gersprenztal und entschwindet in der Burg Schnellerts am gleichnamigen Berg. Erst beim Rückflug ist ein Waffenstillstand in Sicht. Leidlich pünktlich liegen entsprechende Beobachtungen selbst zu beiden Weltkriegen vor.

          Seither verstummte Ritter Hans. Spricht mithin die lange Friedensperiode nach 1945 nicht gerade für seine Existenz? Vielleicht wurde er auch von seinem Fluch befreit. Im Kern folgt die Fama dem bereits im Altertum verbreiteten Motiv des „Wilden Heeres“ verirrter, zu Unheil verdammter Seelen. Vom Rodensteiner weiß man, dass er 82 Jahre alt im „Ablassjubeljahr“ 1500 in der Hoffnung auf Sündenvergebung nach Rom pilgerte und dort, wahrscheinlich noch vor dem päpstlichen Dispens, unvermittelt starb. Vielerlei Missetaten von Straßenraub bis zum Verstoßen der schwangeren Gemahlin blieben ungesühnt.

          Seitdem zieht er als „Unbeendeter, Unerlöster, Verfluchter“, wie es Werner Bergengruen sah, mit einem Totenheer umher. Den Schriftsteller, der zahlreiche Rodensteiner-Legenden zusammentrug, woran ein „Dichterweg“ erinnert, faszinierte vor allem dessen Persönlichkeit eines knorrigen Hagestolzes. Die naturalistische, vermutlich nach der Totenmaske gearbeitete Physiognomie seines Grabmals in der Fränkisch-Crumbacher Pfarrkirche lässt auf ausgeprägte, von Leben und Leid gezeichnete Charakterzüge schließen.

          Doch Hans lebt, mag er auch schweigen. Gleich gegenüber der Kirche „reitet“ er mit wehendem Mantel in der Mitte eines 16 Quadratmeter großen Terrakotta-Reliefs szenischer Darstellungen früheren Brauchtums. Auf Grundlage der volkskundlichen Forschungen seines Bruders Heinrich setzte der Keramiker Adam Winter 1937 ins Bild, wie die bäuerlich geprägte Welt auf den ewigen Kreislauf von Werden und Vergehen, Geburt, Leben und Tod, Fruchtbarkeit und Ernte Einfluss zu nehmen suchte.

          Mancher Ritus, etwa der Dreikönigstag oder das Errichten von Maibäumen, blieb erhalten. Aber wer kennt noch Belznickel, Mehlweibchen oder Schimmelreiter? Besonders gefährlich waren die zwölf Rauhnächte zwischen dem 25. Dezember und 6. Januar, wenn durch die „fehlenden“ Tage vom Mond- zum Sonnenkalender das Geisterreich offenstand. Dagegen half nur allerlei Abwehrzauber, etwa Ausräuchern der Ställe, Versprengen von Weihwasser oder auch viel Lärm, wie er im Feuerwerk an Neujahr nachhallt.

          Wegbeschreibung

          Der Bus hält zentral vor der Kirche St. Laurentius in Fränkisch-Crumbach; Autonutzer finden eine größere Stellfläche etwas versteckt gegenüber in der Erbacher Straße. Oder der Wagen bleibt an der Ortseinfahrt zurück. Hier fällt die in warmen Ziegeltönen gehaltene Sarolta-Kapelle auf. Die Grablege der Familie Gemmingen-Hornberg in ihrem neoromanisch-byzantinischen Gewand ist nach grundlegender Restaurierung schöner denn je. In sehr gutem Zustand präsentiert sich auch das vor der Kirche frei zugängliche Rodenstein-Relief.

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