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Der Wandertipp : Rätsel um Bilder und Bäume

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St. Katharina in Schöllkrippen: Im Chor ist die einzigartige Bildplatte aus dem Frühmittelalter angebracht, die germanische und christliche, sakrale und profane Zeichen vereint Bild: Thomas Klein

Im Kahlgrund stehen Abertausende Obstbäume. Kinder erraten deren Früchte auf einem Erlebnispfad, während eine mittelalterliche Bildplatte Fragen aufwirft.

          4 Min.

          Der Kahlgrund, dieses anmutige Tal im nordwestlichen Spessart, zeigt im Frühjahr und Herbst seine schönsten Seiten, wenn sich Abertausende Obstbäume entfalten, erst zur Blüte, dann zur Reife. Viele der rund 120 lokalen Fruchtsorten wurden eigens für die topographischen Gegebenheiten kultiviert. Sie sollten ergiebig und vor allem wegen der Hanglagen standfest sein. Im landwirtschaftlich besser geeigneten oberen Tal um Schöllkrippen mustern dagegen Apfel-, Birn- oder Kirschbäume optisch reizvoll Feldwege und Äcker. Selbst im Gelände eines „Streuobst-Erlebnispfades“ ist man fern jeden plantagenartigen Anbaus.

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          Zugunsten ihrer Bedeutung für die Artenvielfalt tritt bei älteren Beständen die gewerbliche Nutzung zurück. Lange vernachlässigt, schützt man nun aufwändig Wiesen und Bäume, damit Insekten bessere Bedingungen haben, von denen wiederum die in und auf den Stämmen nistenden Vögel leben. Einsichtig wird dies an einer der 14 kindgerecht gestalteten Stationen des gut zwei Kilometer langen Erlebnispfades. Statt zu tasten, zu lauschen oder zu rätseln soll hier zum Verständnis der Nahrungskette von Holzstange zu Holzstange gehangelt werden.

          Von achteckigem Turm gekrönt

          Früh schon war der Kahlgrund besiedelt und christianisiert. Das heißt, noch nicht ganz. Zumindest legt das eine Sandsteinplatte nahe, die 1958 bei Renovierungsarbeiten unter dem Altar der Pfarrkirche St. Katharina zum Vorschein kam. Auf dem gut einen Meter hohen Bildwerk fanden sich Runen, Radkreuze, Zierbänder, Dreiecke und selbst ein Mühlespiel. Nach jahrelanger Forschung nimmt man an, dass gleichrangig germanische und christliche, sakrale und profane Zeichen dargestellt sind. Doch Fragen bleiben, da nichts Verwandtes aus dem frühen Mittelalter bekannt ist.

          Zur Machtdemonstration geriet dann der Kirchenneubau um 1300. Wie bei einem romanischen Dom krönt ein achteckiger Turm die – nicht zur Ausführung gekommene – Vierung. Originalgetreu wurden die Querhäuser erst 1964 angefügt. Kaum minder wuchtig geriet die im 15. Jahrhundert erbaute Kirche St. Lukas. Ihr quadratischer Turm mit Auslug-Erkern und steinernem Dachaufsatz erinnert eher an den Bergfried einer Burg. Tatsächlich sollte er das damals von Kurmainz erbaute Schloss schützen.

          Von der Bedeutung des fruchtbaren Kahlgrundes zeugen auch die Kirchen, hier die gotische, später erweiterte St. Katharina bei Schöllkrippen
          Von der Bedeutung des fruchtbaren Kahlgrundes zeugen auch die Kirchen, hier die gotische, später erweiterte St. Katharina bei Schöllkrippen : Bild: Thomas Klein

          Ob das auch für den Ringwall am kegelartigen Reuschberg galt, musste trotz mehrerer Grabungen unbeantwortet bleiben. Die später Altenburg getaufte Feste gilt zwar als mittelalterlich, dürfte aber kaum zur Bewachung von Obstbäumen errichtet worden sein.

          Wegbeschreibung

          Schon nach wenigen Metern vom Bahnhof aus steht man im älterem, von der Lukaskirche dominierten Teil Schöllkrippens. Hier gibt es auch einen Parkplatz. Spätestens jetzt sichtet man die blaugelben Signets eines Spessart-Kulturweges. Hinter der Kirche führen sie in den Garten des Schlösschens (heute Rathaus), wobei sie eine Sammlung bis ins 17. Jahrhundert reichender Grenzsteine berühren.

          Soll die Schleife zur Katharinenkirche ausgelassen werden, geht man mit der Markierung S 2 noch davor auf die Lindenstraße und dann nach links (An der Hohle). Am Ortsausgang links, rechts und durch den Grünzug auf die Höhe. Die als Rundweg geführte Kombination gilt auch von St. Katharina an, nachdem es vom Schlossgarten weiterging: kurz in die Aschaffenburger Straße, dann nach links Am Gewann und rechts auf den Fußweg, überwechselnd zur Rosenstraße. Das Gotteshaus steht offen, der Bildstein ziert den zugänglichen Chor.

          Davor geht es mit besagtem S 2 etwas bergan und dann halblinks in offene Flur. Nach 700 Metern heißt es zweimal links, anschließend rechts zu der Landstraße voraus. Vereint mit den Abkürzenden wird gegenüber – ohne Zeichen – auf dem breiten Feldweg zum etwas unterhalb liegenden Startpunkt des Streuobstpfades gelaufen.

          Einige Meter dahinter biegt der Weg rechts ein und führt, flankiert von Apfelbäumen, geradeaus etwa 300 Meter bis zu einer Gabelung. Wahlweise kann man nun im Gefolge der Chronologie die Richtung beibehalten – oder entgegen laufen. Dann geht es nach links und gleich rechts auf den vergrasten Pfad. Dieser Teil bietet mehr Mitmachstationen und ist botanisch vielfältiger.

          Bald nach dem Rechtsknick über ein Bächlein finden die Partien wieder zusammen und halten – wieder auf einem Kulturweg – neben ausladenden Apfel- und Birnbäumen auf das Gebäude am Waldrand zu; der jüngst geschlossenen Einkehr „Schabernack“. Deshalb schwenkt der Kulturweg ein Stück vorher nach links ab und führt durch Wiesen zum Wald, in dem er nach einer Weile die Markierungen roter Punkt und schwarzes D hinzunimmt.

          Gemeinsam streben sie der rondellartigen Rodberghütte entgegen. Sie ist nicht bewirtschaftet, wie die Sitzgruppen nahelegen könnten. Die Bänke bieten freilich Gelegenheit zum Kräftesammeln vor dem Anstieg auf den 415 Meter hohen Reuschberg. Hierfür gilt alleine das Zeichen D (hinter der Hütte links). Unter Fichten gewinnt frt Weg mit Serpentinen an Höhe, ehe er sich geradeaus auf dem Gipfelgrat einpendelt und schließlich über den Ringwall die Bergfestung „erobert“.

          Viel schwieriger ist die Topographie der Westspitze, wo der Wall an der steil abfallenden Flanke sitzt. Das D weist hindurch und biegt unterhalb scharf rechts ein. Wie zum Ausgleich für die kleine Klettertour darf man sich nun lange auf vorwiegend ebenen Wegen an abwechslungsreichen Waldbildern erfreuen, dabei mehrfach die Richtung wechselnd.

          So auch mit Erreichen des Kahlgrundes nach gut dreieinhalb Kilometern. Dort geht es nochmal rechts und erst am Richtungspfosten Stutz 500 Meter weiter links gen Groß- und Kleinkahl. Unterwegs wird das Zeichen roter Diagonalstrich relevant. Es begleitet in den Doppelort, rechts (Kirchstraße) und links über die Kahl zur Großkahlerstraße. An ihr geht es kurz nach links zum rechts ansteigenden Jakobsbergweg.

          Abertausende Obstbäume prägen das Bild im Kahlgrund. Bei Schöllkrippen führt ein kindgerechter „Streuobst-Erlebnispfad“ durch die blühende Pracht
          Abertausende Obstbäume prägen das Bild im Kahlgrund. Bei Schöllkrippen führt ein kindgerechter „Streuobst-Erlebnispfad“ durch die blühende Pracht : Bild: Thomas Klein

          Nach dem Rechtsabzweig bleiben einige Neubauten zurück, und es geht in Linksbogen unverändert hinan, dann geradeaus, durch Wiesen einer hohen Hecke entgegen. Dahinter rechts gen nahem Richtungspfosten Jakobsberg. Kruzifix und Bank laden zum Verweilen, bevor es mit dem finalen Zeichen rotes X über den großartige Ausblicke bietenden Höhenrücken nach Schöllkrippen zurückgeht. Gegen Ende steht man wieder zwischen Neubauten; unten geht es nach rechts in den älteren Teil mit dem vorgelagerten Bahnhof.

          Sehenwert

          Am südlichen Ortsrand von Schöllkrippen entstand um 1300 über älteren Fundamenten St. Katharina mit „Vierung“: Die Querarme wurden erst 1964 angefügt. Beachtenswert sind die Kapitelle am Triumphbogen sowie eine nach ihrer Entdeckung 1958 im Chor aufgestellte Bildplatte aus der Zeit um 800. Sie zeigt christliche und profane Motive: Runen, Radkreuze, Dreiecke und Mühlespiel.

          Dem Schutz des kurmainzischen Schlosses aus dem 15. Jahrhundert (heute Rathaus) diente St. Lukas. Das gedrungene Turmquadrat besitzt zwei Meter starke Wände und einen pylonenförmigen Steinaufsatz. Ob der Ringwall Altenburg am Reuschenberg eine Wehrfunktion hatte, ist unklar. Das 50 Meter lange Oval könnte auch eine mittelalterliche Fliehburg gewesen sein. Wall und Graben sind gut sichtbar.

          Anfahrt

          Mit dem Auto: Schöllkrippen liegt fast am Ende des Kahlgrunds; Zufahrt über A 3 und Hösbach oder A 45, Alzenau/Nord und Mömbris.

          Öffentliche Verkehrsmittel: Stündliche Bahnverbindung über Kahl.

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