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Der Wandertipp : Wein unter Denkmalschutz

  • -Aktualisiert am

Aufwändige Bildstöcke von 1710 verweisen auf die Wallfahrtstradition. Bild: Thomas Klein

Beste Aussichten verspricht eine Tour am westlichen Spessartrand. Zum einen mit Blick auf die Qualität des Weins, zum anderen vom Hahnenkamm über das Rhein-Main-Gebiet.

          5 Min.

          Wald und Wein prägen Alzenau an der westlichen Spessartflanke. Gegen fast 3000 Hektar Forst nehmen sich die 85 mit Trauben zwar bescheiden aus. Zu übersehen sind die Rebzeilen rings um die Ortsteile Hörstein und Wasserlos aber nicht, und bei Michelbach ist es der weit vorspringende Apostelberg, dessen Glimmerschiefer den Trauben eine kräftig-spritzige Note verleiht. Vielfach ausgezeichnet, wurde ein Gewächs der Lage „Apostelgarten“ 2009 gar zum „besten Riesling der Welt“ gekürt. Neben der Bodengüte steigert eine tief aufgelockerte Humusschicht die Qualität, wie sie erst eine lange, hier bis ins 9. Jahrhundert reichende Anbautradition schafft. Doch nicht allein deshalb steht der Apostelgarten unter Denkmalschutz. Die kleinteiligen Parzellen, die Trockenmauern, Treppen oder Wingertshäuschen werden als Ausdruck der vorherrschenden Bewirtschaftung durch vieler Hände Arbeit seit Ende der einstigen Hauptbesitzer Kloster Seligenstadt und Hanau bewahrt.

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          Zuvor musste allerdings der Frankfurter Kaufmann David Domer ein weitsichtiges Werk vollbringen. Ursprünglich 1862 gekommen, das Michelbacher Schlösschen als Sommersitz zu erstehen, fand Domer bald seine Passion und erwarb die nach Schädlingsbefall darniederliegenden Weinberge, betrieb eine frühe Flurbereinigung und gründete 1902 die erste Winzergenossenschaft. Ihrem Absatz kam die gerade erbaute Kahlgrund-Eisenbahn zugute, die dem seit Übergang an Bayern 1816 ins Abseits geratenen Alzenau Anschluss an den Rhein-Main-Raum und damit Beschäftigung ermöglichte. Dass die Verhältnisse gleichwohl bescheiden waren – bis in die Dreißigerjahre offizielles „Notstandsgebiet“ –, erscheint angesichts der Entwicklung zu einem begehrten Wohn- und Gewerbeort kaum mehr vorstellbar.

          Für die Sanierung der Innenstadt musste auch nicht erst die Bayerische Landesgartenschau 2015 kommen. Schon zuvor wurde die heute Amtsgericht und Veranstaltungen dienende, als mainzischer Amtssitz im späten 14. Jahrhundert errichtete Burg ebenso restauriert wie die barocke Justinuskirche. Bemerkenswert ist ihr Chor mit einem Baldachin nach Vorbild von Berninis Papstaltar in Sankt Peter zu Rom.

          Fast wirkt es, als wollte man aufholen, was früher nicht zu leisten war, mochte auch 1840 Bayernkönig Ludwig I. seine neuen Landeskinder beehren und den damals noch unerschlossenen Hahnenkamm besteigen. Mit Errichtung eines nach Ludwig benannten Turms auf dem 435 Meter hohen Gipfel revanchierten sich die Alzenauer zum siebenhundertjährigen Regentschaftsjubiläum der Wittelsbacher 1880. Unterdessen von Bäumen überholt, kann dank der 2004 vorgenommenen Aufstockung wieder die kontrastreiche Fernsicht genossen werden: hier das pulsierende Rhein-Main-Gebiet, dort die stillen, kaum besiedelten Spessartwälder.

          Wegbeschreibung

          Der Gipfelsturm auf den Hahnenkamm über den Apostelberg beginnt an der Alzenauer Burg. Unmittelbar davor hält die Kahlgrundbahn. Man umgeht den Felssockel der hoch aufragenden Mauern und kreuzt den großen kostenfreien Parkplatz dahinter, überwechselnd in einen Rad-/Fußweg durch das Tal der Kahl. Als Begleiter fungieren die blaugelben Schildchen eines Spessart-Kulturweges.

          Aufwendig gestaltete Bildstöcke von 1710 – für die sieben Schmerzen der Mutter Gottes – verweisen auf die Wallfahrtstradition von Kälberau, dem wir rasch näherkommen. Das verehrte Gnadenbild aus dem späten 14. Jahrhundert steht am Altar des gotischen Kirchleins „Maria im Rauhen Wind“, seit der ursprüngliche Platz im nördlichen Seitenschiff 1957 für einen modernen Anbau weichen musste.

          Dort wechseln wir zum Fränkischen Marienweg (rotblau) und laufen auf dem Fußweg neben der Landstraße hinüber nach Michelbach. Die Kreuzung wird unterquert, vorbei am Schlösschen (aktuell geschlossen) in die Ortsmitte zum Richtungspfosten Laurentiusstraße. Ihr Namensgeber, die barocke Pfarrkirche, lässt sich links abweichend aufsuchen. Der eher nüchternen Ausstattung setzen 1932 am Chorraum angebrachte Ausmalungen einen farbenfrohen Kontrapunkt entgegen.

          Zurück geht es, ergänzt um einen Kulturweg, in der Spessartstraße weiter und vor der Winzergenossenschaft links ansteigend zwischen den Eigenheimen der Schießmauerstraße ins Freie. Wenn die Zeichen auseinandergehen, verbleiben wir beim Kulturweg, da es ihm ab dem baldigen Rechtsschwenk vorbehalten ist, durch die Großlage Apostelgarten zu begleiten. Sortennamen wie Spätburgunder oder Schwarzriesling bestätigen den Augenschein, dass auch Rotweine vom außergewöhnlichen Untergrund profitieren, dessen Zusammensetzung der Anschnitt einer sogenannten Bodenstation zeigt.

          Vor kalten Fallwinden schützender Wald trägt seinen Teil zur Traubengüte bei. Die übergangslos anschließenden Bäume stehen licht genug, um von oben die nächste Station Dörsthöfe im Kahlgrund zu erkennen. Nach Rechtsknick am Waldausgang steht man zwischen den beiden Einkehrmöglichkeiten mit Freisitz: links leicht zurückgesetzt „Simons Weingasthof“ (gute Karte) und rechts vorn der „Dörsthof“.

          Weiter heißt es jenseits der Landstraße 300 Meter links auf dem Rad-/Fußweg zum Kahlübergang; vor den nahen Gewerbebauten links und nach Links-rechts-Wendungen noch 400 Meter bis Mömbris-Brücken. Gleich hinter den ersten Häusern – Straße Hohe Mark – vertrauen wir uns rechts der Markierung roter Doppelstrich an. Ihr obliegt es, sich in langem, aber mäßigem Bergauf dem Hahnenkamm gewissermaßen von hinten zu nähern, erst durch einen Streuobsthang, dann in den Wald, wobei zweimal an, jedoch nicht auf das Sträßchen nach Großhemsbach geführt wird.

          Das tief ins Tal eingesenkte Dörfchen lassen wir unten liegen. Denn mit Erreichen eines Parkplatzes ist für die Schlussetappe auf den Hahnenkamm scharf rechts zum Marienweg (rotblau) zu wechseln. Bereits nach 200 Metern steigt er links in den Hangpfad ein. Oben berührt das Zeichen kurz die Zufahrt, bevor es links in den unterhalb des Gipfels verlaufenden Weg zeigt. Etwa 200 Meter weiter eröffnet ab dem Richtungspfosten eine Stichstrecke die letzten Meter hinauf. Ist das herrliche Panorama vom Ludwigsturm genossen, lädt der zünftige Berggasthof mit großem Freisitz zur verdienten Stärkung. Schließlich will auch der steile Abgang gen Alzenau bewältigt sein.

          Zunächst kehren wir zum Hauptweg zurück, dann rechts mit einem Spessartkulturweg, der nach 300 Metern links in die Vertikale wechselt. Ohne Pause fällt er in den als Bannwald ausgewiesenen Forst. Ausgangs hält man über offene Flur, vorbei an den eiszeitlichen Tongruben eines großen Ziegelwerks, auf Alzenau zu. Durch die Straße Zum Oberwald und die Märkerstraße gelangt man hinein und kurz darauf rechts per Steg über die Kahl zur beeindruckend aufragenden Burg.

          Sehenswert

          Konfessionell wie baulich ist Alzenau von Kurmainz geprägt. Zwar meist nur Mitbesitzer, unterstrichen die Erzbischöfe ihren Anspruch durch den Bau einer Burg Ende des 14. Jahrhunderts. Nach umfassender Renovierung ist der Kernbereich weitgehend authentisch: ein hoher Palas mit repräsentativen, für Veranstaltungen nutzbaren Räumlichkeiten. Ein mit Staffelgiebeln versehener Vorbau dient als Amtsgericht.

          Der alleinige Besitz Alzenaus durch Mainz ab etwa 1740 forcierte den Bau der Justinuskirche (Weihe 1758). Die Hallenkirche mit eingezogenem Portalturm ist reich ausgestattet, insbesondere durch die baldachinartige Fassung des Hochaltars nach Vorbild von Berninis Papstaltar im Petersdom zu Rom.

          Im Ortsteil Kälberau erinnert die gotische Kirche „Maria zum Rauhen Wind“ an die bis heute fortgeführte Wallfahrtstradition. Das verehrte Gnadenbild aus dem späten 14. Jahrhundert wurde auf den Altar versetzt, nachdem 1957 ein moderner Anbau entstand. Erweitert wurde auch die barocke Laurentiuskirche in Michelbach. Zuletzt wurde die Kirche ebenso renoviert wie das barocke „Schlösschen“ (jetzt Museum). Von 1880 stammt der steinerne Aussichtsturm auf dem Hahnenkamm.

          Einkehren

          Gasthaus Dörsthof (Montag und Dienstag Ruhetage); Simons Weingasthof (Mittwoch und Donnerstag Ruhetage); Berggasthof Hahnenkamm (Montag Ruhetag; dann ist der Turm versperrt)

          Anfahrt

          Über die A45, Ausfahrt Alzenau-Mitte. Der Parkplatz an der Burg ist als „P 1“ mit dem Parkleitsystem ansteuerbar. Stündliche Bahnverbindung via Hanau bis Alzenau, Station Burg.

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