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Der Wandertipp : Im Geist der Romantik

  • -Aktualisiert am

Auf die große Passion des letzten regierenden Grafen der Herrschaft Erbach, Franz I. (1754 bis 1823), geht die Anlage des Englischen Parks Eulbach oberhalb von Michelstadt zurück. Bild: Thomas Klein, Rentkammer

Der Name von Graf Franz I. steht wie kein zweiter für die Herrschaft Erbach im Odenwald. Er führte die Elfenbeinschnitzerei ein und hinterließ mit dem Englischen Garten einen um Wildgehege erweiterten Park.

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          Dass mitten im Odenwald das „Deutsche Elfenbeinmuseum“ steht und früher bis zu einem Drittel der dortigen Bevölkerung vom Schnitzen der Elefantenzähne lebte, erscheint nur auf den ersten Blick als exotisches Missverständnis. Tatsächlich entsprang dessen Einführung der nüchternen Überlegung eines schöpferischen Geistes. Beides paarte sich vortrefflich in Gestalt des letzten Regenten der Herrschaft Erbach, Graf Franz I., dessen 200. Todestag man 2023 gedenkt.

          Ohne ihn wären die spätere Kreisstadt Erbach und ihr Nachbar Michelstadt nicht zum Mittelpunkt des Odenwaldes geworden. Die Elfenbeinschnitzerei, welche der antikenbegeisterte Franz auf Italienreisen schätzen lernte, siedelte er zur „Belebung heimischen Handwerks“ an, wobei er die Landeskinder höchstselbst unterwies. Diese Form der Wirtschaftsförderung, verbunden mit vielen Strukturmaßnahmen, war freilich nur eine Seite des Regenten.

          Die andere galt seiner musisch-kulturellen Neigung. Als Erster hat Franz den Odenwald-Limes vorbildlich erforscht und gesichert – dokumentiert in 18 großformatigen Folianten – und die in Italien erworbenen römischen Standbilder und Büsten zur Anschauung, ausdrücklich auch des Volkes, bestimmt. Noch heute stehen sie unverrückt im Erbacher Schloss, wohin nun selbst das 1966 eröffnete Elfenbeinmuseum seit der Übernahme (2005) durch das Land Hessen zog.

          Abgesehen von einer Etage der einstigen Residenz bewohnen die Nachfahren heute ein neugotisches Schlösschen in 500 Meter Höhe am Scheitelpunkt der B47. Auch dort hat Franz mit dem Ausbau einer einfachen Jagdunterkunft die Grundlage geschaffen. Das Gebäude steht in direkter (Sicht-)Verbindung zu seiner vielleicht größten Passion, der Anlage eines Englischen Gartens anstelle der Wüstung namens Eulbach. Geplant von Karl Ludwig Louis, entsprach der Park dem Geist der Romantik scheinbar urwüchsiger Natur, aufgelockert durch Gewässer, künstliche Ruinen und antike Elemente.

          Stolz führte der Fürst Gäste über verschlungene Pfade zum Teich mit Kapelle auf einem Inselchen und der pittoresk „verfallenen“ Eberhardsburg davor. Symbolträchtig ließ sie Franz aus Steinen verschiedener Burg-, Schloss- und Kapellenruinen der Umgebung errichten, so wie er einen Obelisken aus Resten des Kastells Würzberg fügte, nicht zuletzt mit dem Gedanken, das Mauerwerk vor fremden Zugriff zu schützen.

          Allerdings wird sich dem Grafen kaum das beeindruckende Bild der teilweise später gepflanzten Baumexoten und aktuell herrlich blühender Rhododendren und Azaleen geboten haben. Damals gab es auch keine Wildgehege, die erst in den Fünfzigerjahren hinzukamen und die Umwandlung zum Besucherpark nahelegten. Das Muffel-, Dam-, Rot- und Schwarzwild und die neunköpfige Wisentfamilie dürften heute die Hauptanziehung der ganzjährig geöffneten Anlage ausüben.

          Wegbeschreibung:

          Der Englische Park Eulbach liegt an der B47 und ist auch mit dem Bus erreichbar. Haltestelle und Parkplatz sind etwas versetzt vom Eingang zu finden. Dahinter ein Gasthaus sowie ein weiteres Dam- und Rotwildgehege. Der Parkbesuch dauert ein bis zwei Stunden.

          Auch die Wälder ringsum bilden noch immer ein ausgedehntes Wildrevier. Deshalb muss man zu Wanderbeginn mit der Markierung rotes X – nach dem kurzen Stück neben der Bundesstraße gegenüber vom Schloss – zunächst ein Gatter öffnen. Die gleich sichtbaren Wildschweine gehören allerdings zu Eulbach, dessen Umzäunung der Weg ein Stück begleitet, abgelöst von prachtvollen Kastanien, bevor es in lichtem Mischwald bei leichtem Gefälle gut vorangeht.

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