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Der Wandertipp : Mit Bismarck in die Biosphäre

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Die legendäre Sesselwaage, auf der sich Bismarck öffentlich wiegen ließ. Bild: Thomas Klein

Auch jenseits von Wasserkuppe und Kreuzberg erstreckt sich inzwischen das UNESCO-Biosphärenreservat Rhön. Dazu gehören Bäder wie das Welterbe Kissingen mit Sehenswürdigkeiten wie dem Kaskadental und den spätbarocken Salinen.

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          Der Tag der Deutschen Einheit ist auch ein großer Tag für die Natur. Dank der Arbeit grenzübergreifender Initiativen entzog eines der letzten Volkskammer-Gesetze rund fünf Prozent des DDR-Territoriums der wirtschaftlichen Verwertung mit dem Nebeneffekt, dass auch der Westen bei zuvor undenkbaren Projekten in Zugzwang geriet – so beim UNESCO-Biosphärenreservat Rhön im Dreiländereck von Bayern, Hessen und Thüringen. In diesem Jahr feiert es sein dreißigjähriges Bestehen.

          Hiesige Befürchtungen, die Region könnte durch einen UNESCO-Status ihre Eigenständigkeit verlieren, haben sich ins Gegenteil verkehrt, nimmt man die Erweiterungen auf 2430 Quadratkilometer als Gradmesser für den Erfolg nachhaltiger Entwicklung unter Wahrung von Natur und Kulturlandschaft. Nur konnte man sich als Relikt der föderalen Anfänge nie zu gemeinsamer Verwaltung und Außendarstellung durchringen.

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          So wird weniger beachtet und auch beworben, dass jenseits der Neunhunderter-Kette zwischen Wasserkuppe und Kreuzberg vor sieben Jahren auf 580 Quadratkilometern gefälligere Landschaften hinzukamen, inklusive einer Reihe renommierter Bäder von Brückenau bis Neustadt. Damit wurde der UNESCO-Status gar verdoppelt, seit Bad Kissingen als eines der elf „Great Spas of Europe“ mit dem Titel einer Welterbestätte aufwarten kann.

          Schlank und rank, wie nach einer Kissinger Kur

          Für beide UNESCO-Teilhaben, Biosphäre und Bäderwesen, musste sich der traditionsreiche Kurort an der Saale nicht erst ins Zeug legen. Verkehrs- und Besucherlenkung sind geregelt, der Fluss ebenso teilrenaturiert wie die Wälder, und vor allem ist die historische Architektur erhalten und mustergültig gepflegt, abgesehen vom Abriss der kilometerlangen Gradierwerke nach Ende der Salzgewinnung 1968. Ein kürzeres Stück steht noch oder wieder als frei zugängliches Inhalatorium.

          Die Anlagen zur Aufbereitung der Sole, die barocken Komplexe von Unterer und Oberer Saline, blieben jedoch vollständig bewahrt, wobei sich für Letztere eine authentische Nutzung als Bismarck- und Salzmuseum ergab. Hier in den Räumlichkeiten der Würzburger Fürstbischöfe logierte der Reichskanzler aus Sicherheitsgründen nach dem (glimpflichen) Attentat 1874, wenn er zu mehrwöchigen Erholungsaufenthalten anreiste – ohne die politischen Geschäfte zu unterbrechen.

          Einschließlich Telegraphen- und Poststelle ist die Einrichtung bis ins Detail unverändert, und es fehlt auch nicht jene gepolsterte Sesselwaage, mit der sich Bismarck vor und nach jeder der 14 Kuren öffentlich wiegen ließ. Durchschnittlich nahm er unter dem strengen Regiment seines Leibarztes Schweninger 25 Pfund ab. Mochten am Ende alle Bemühungen ein Nullsummenspiel gewesen sein, der Konstitution tat es keinen Abbruch, ja Bismarck will die zweite Lebenshälfte „dem lieben Gott und Kissingen“ verdankt haben. Schlank und rank, wie nach einer Kissinger Kur, hob ihn die Gemeinde 1877 auf den Denkmalsockel im Salinental.

          Wegbeschreibung

          Im Bereich von Oberer und Unterer Saline bieten zwei Stellflächen viel freien Parkraum. Mit Blick auf die nachmittäglichen Öffnungszeiten empfiehlt sich, einen Museumsbesuch ans Ende der Wanderrunde zu stellen; im bepflanzten Innenhof logiert ein Café.

          Die Richtung gibt in jedem Fall der Uferweg an der Fränkischen Saale vor. Die überrascht durch dichte Grünzonen, auch bei Hausen, wo der kurze Abstecher zur Barockkirche eines früheren Klosters lohnt. Hernach wechseln wir zur anderen Flussseite und am Sportplatz rechts gen Kleinbrach. Der mit Hausmadonnen und Bauerngärten dekorierte Ort wird vollständig durchschritten, vorbei am neugotischen Kirchlein und auf dem Fußweg neben der Landstraße leicht abwärts.

          Noch vor der Saale biegt man links in die Kläranlagenzufahrt sowie eines Wanderparkplatzes gleich vorne, an dem die Ziffer 2 bereitsteht. Der Asphalt verliert sich, und zwischen luftigen Buchen führt sie über gut zwei Kilometer hinan bis zum Zusammentreffen mit mehreren Markierungen, darunter ein Zubringer des Fernweges Hochrhöner (grünes Ö). Ihnen schließen wir uns nach links an.

          Zeichen setzen das Bergauf fort, dann verflachend ab deren Wechsel an der folgenden Kreuzung rechts etwas versetzt auf ein Pfädchen, das bald tiefer in den Wald weist. Gut 500 Metern weiter, wenn sie einen Forstweg queren, linkerhand eine Gabelung, schwenkt man rechts auf diesen ein und läuft ohne Markierung über 600 Meter schnurgerade ansteigend zur nächsten Kreuzung. Hier links.

          Hilfsdienste leisten jetzt grüne Radweg-Schilder gen Klaushof. Für das letzte Stück zum Wildpark folgen wir nach 1500 Metern von einer Kreuzung mit Schutzhütte an geradeaus abermals einem Zeichenbündel; darunter der eigentliche Hochrhöner (gelb). Nicht weit, und er lotst links in dicht gewirkte Vegetation, aus der mächtige Bäume ragen, wo aber auch viel Totholz auf dem Boden liegt. Beides gehört zusammen: Das als Naturwaldreservat ausgewiesene ehemalige Jagdrevier birgt prachtvolle Buchen und Eichen und selbst Douglasien und Linden. Als ausgeschilderter „Pfad der Baumgiganten“ können diese über knapp zwei Kilometer gesondert abgegangen werden.

          Ausgangs trifft man auf den Klaushof, ein früheres, heute gastronomisch genutztes Forsthaus mit Terrasse unter hohen Kastanien. Nahebei liegt der gleichnamige, 1971 eröffnete Wildpark für heimische Tierarten, einschließlich Biber, Luchs und weißes Damwild. Leicht sind in dem 30 Hektar großen Gehege ein bis zwei Stunden verbracht.

          Danach setzen wir den Weg mit dem Ö ins Kaskadental fort, ein anmutiges Gewässer, das über mehrere, im 18. Jahrhundert künstlich angelegte Geländestufen plätschert. Später verfallen und wieder hergestellt, überlässt man Bach und Natur sich selbst, ohne dass der Spazierweg beeinträchtigt wäre.

          Erst wenn das Zeichen weiter unten die Seite wechselt, kommt das Talende an einem Sträßchen näher. Ihm folgt man auf dem parallel verlaufenden Pfad bis zum Linksabzweig kurz vor dem Flugplatz in das breite Saaletal zum Überbrücken von Wiese und Fluss. Drüben lässt sich gleich links, vorbei am Gradierwerk, zu den Parkplätzen gehen oder rechts eine kleine Schleife anhängen für das Bismarck-Denkmal und die gusseiserne Freipumpe samt Wärterhäuschen.

          Sehenswert

          Der Aufstieg Bad Kissingens zum bedeutenden Kurort und zuletzt zum UNESCO-Welterbestätte reicht im Heilwesen ins 16. und bei der Salzgewinnung bis ins frühe 9. Jahrhundert zurück. Zum Höhepunkt unter den Würzburger Fürstbischöfen entstand um 1780 eine große spätbarocke Anlage (Obere und Untere Saline) zur Salzproduktion der durch kilometerlange Gradierwerke angereicherten Sole.

          Der gesamte Komplex ist einschließlich späterer Dampfmaschinen erhalten, ebenso ein gusseisernes Pumpwerk im Freien von 1848. Der Reichskanzler logierte 14-mal bis 1893 in den fürstbischöflichen Räumlichkeiten der Oberen Saline. Original bewahrt, bilden sie den Mittelpunkt eines auch Salzgewinnung und Kurwesen thematisierenden Museums.

          Anfahrt

          Über A7, Ausfahrt Bad Kissingen, weiter B286 bis Abzweig Hausen/Wildpark und etwa 4 km zu den Parkplätzen jenseits der Saale an Oberer und Unterer Saline. Am Wochenende keine Bahnverbindung in zumutbaren Zeiten.

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