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Wandertipp : Sakrale Landschaft

  • -Aktualisiert am

Stilistische Kopie: Die katholische Marienkirche mit neogotischen Anklängen von 1894. Bild: Thomas Klein

Sie wirken wie aus ferner Vergangenheit hinübergerettet, und doch sind sie Ausdruck des Zeitgeistes, die neugotischen und neoromanischen Kirchen der Kurstadt Bad Homburg.

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          Von oben, dem Kirdorfer Feld betrachtet, wirkt das Ensemble wie aus einer Zeit, als Kirchen den Menschen in jeder Hinsicht Orientierung gaben. Rückwärtig erheben sich über Bad Homburg die vier romanischen Türme der Erlöserkirche sowie benachbart der gotische von St. Marien, während vorne die Doppelturmfassade der Kirdorfer Kirche St. Johannes und die erhöht angelegte Gedächtniskirche wahrhaft herausragen.

          Das bewegende Bild der Homburger Sakrallandschaft ist freilich ein nachgeholtes, idealisierendes. Keines der Gotteshäuser entstammt den Epochen, der ihre Architektur entlehnt wurde. Alle entstanden um 1900, als man auf dem Hintergrund gewachsenen nationalen, aber auch lokalen Selbstbewusstseins in einen mehr oder weniger bewussten Wettstreit um die prächtigste und größte Kirche trat. Letztmals spiegelte er die Rivalität der zwei großen Konfessionen wider, zugleich steht er für ihre beiderseits gewachsene Duldung, was durchaus Anleihen an Stilmittel und Ausstattung einschloss.

          Der Zuzug Andersgläubiger erforderte im katholischen, einst mainzischen Kirdorf 1913 den Bau der evangelischen Gedächtniskirche; umkehrt erlaubte Preußen mit der Marien-Kirche 1894 eine katholische Andachtsstätte im protestantischen Homburg. Zuvor mussten Katholiken nach Kirdorf ausweichen. Raum genug gab es. Der 1500-Seelen-Ort schuf bis 1862 mit St. Johannes ein mächtiges Gotteshaus von über 500 Plätzen, bald „Taunusdom“ getauft. Das ringsum verlaufende Bildprogramm der sieben Sakramente in einer meisterhaften Mischung aus Beuroner Schule und Jugendstil wurde erst Mitte der zwanziger Jahre abgeschlossen.

          Mit ihren romanisch-byzantinischen Zitaten nahm die Johanneskirche vorweg, was auf dem Höhepunkt dieser Entwicklung in Gestalt der Erlöserkirche 1908 nach Plänen von Max Spitta und Franz Schlechten seine Vollendung finden sollte. Dürfte sie auch ohne den historisierenden Zeitgeist und die Vorstellungen Kaiser Wilhelm II. so kaum entstanden sein, bilden Zentralbau, Lettner und die goldglänzenden Mosaike gleichwohl eine originäre Lösung.

          Für die Akzeptanz eines solch „exotischen“ Gotteshauses war nicht unerheblich, dass es dem Wunsch der evangelischen Gemeinde nach einem angemessenen Neubau des aufstrebenden Homburgs entgegenkam. Jahrelang wurde geplant und gesammelt, doch erst seit Wilhelm den Kurort zu seiner favorisierten Nebenresidenz erkoren hatte, beschleunigten sich die Dinge, wobei er gut daran tat, die Bauleitung dem allseits geschätzten Louis Jacobi zu übertragen.

          Wegbeschreibung

          Die laufenden Bauarbeiten rund um den Bahnhof von Bad Homburg haben den Vorplatz geweitet, allerdings ist das Parken jetzt stark eingeschränkt. Hierfür wird auf kostenpflichtige Standstreifen oder die umliegenden Parkhäuser verwiesen, so am Rathaus.

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          Dort trifft man auch zu Fuß ein, wenn es jenseits der Baseler Straße und dem per Steg zu kreuzenden Hessenring, vorbei an großen Bürogebäuden, gen Rathausplatz geht. Wir queren ihn nach links und geradeaus weiter durch die Straße Schöne Aussicht, nahtlos in die Dorotheenstraße mit ihren wohlerhaltenen Barockhäusern wechselnd. Doch selbst dieses architektonische Umfeld überging man beim favorisierten Rückgriff auf das Mittelalter für die Kirchenneubauten, wurden auch beide, Marien- und Erlöserkirche, etwas hinter die Fluchtlinie der Mansardgebäude zurückgenommen.

          Zu deren orientalischen Zitaten fügt sich schon eher die ausladende Libanonzeder am nahen Schlosseingang. Wir umgehen den (geschlossenen) Flügel mit dem Museum linksseitig in den Park; wahlweise können wir zum Teich abwärtslaufen oder oberhalb verweilen und dann hinunter, um am Heuchelbach dem Ausgang vor der Kreuzung Ritter-von-Marx-Brücke/Saalburgstraße entgegenzustreben; dort rechts in die Dietigheimer Straße.

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