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Der Wandertipp : Auf den Spuren Grimmelshausens

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Die Krone Gelnhausens, die romanisch-gotische Marienkirche, vom Halbmondturm aus betrachtet. Bild: Thomas Klein

Gewiss ist nur die Ungewissheit: Der größte Sohn Gelnhausen ist ein großer Unbekannter. Zum 400. Geburtstag von Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen eine Spurensuche zwischen Wald und Land.

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          Das dürfte die längste Geburtstagsfeier des Jahres werden. Erste Veranstaltungen fanden statt, der größere Festreigen steht noch aus, und das an mehreren Orten. Mangels Aufzeichnungen bleibt viel Spielraum, den 400. Geburtstag von Gelnhausens größtem Sohn, Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen, gebührend zu begehen. Nur die biographische Indizienkette erlaubt eine ungefähre Datierung zwischen 1621 und 1622. Vielleicht auch früher oder später. Wer wollte da kleinlich sein angesichts der Phantastik im Simplicius Simplicissimus?

          Anders als für die gut dokumentierten Wirkungsstätten am Oberrhein, Offenburg und Renchen, wo Grimmelshausen als Verwalter und Gastwirt bis zum Tod 1676 lebte, gilt für die ersten Jahrzehnte – gewiss ist nur die Ungewissheit. Ohnedies erst im 19. Jahrhundert hinter den zahlreichen Anagrammen als Autor der Simplicianischen Schriften identifiziert, liegen Herkunft und früher Werdegang weitgehend im Dunkel, nannte er auch zu seiner Hochzeit 1649 als Heimatort Gelnhausen.

          Grimmelshausens Geburtshaus

          Wahrscheinlich wuchs der Knabe nach der neuerlichen Heirat der Mutter beim Großvater, einem Bäcker und Gastwirt, auf. Das vermutete Geburtshaus in der Schmidtgasse steht noch, respektive wieder und blieb bis vor zwei Jahren als Hotel der gastronomischen Tradition verpflichtet. Möglicherweise hat der junge Hans Jacob die Schreie der Gemarterten gehört, die aus dem dahinter stehenden Hexenturm drangen, und ihr Schicksal in der grotesken „Hexenfahrt“ des Simplicius verarbeitet. An die Verfolgten erinnern im Turm Folterwerkzeuge und davor die moderne Plastik der „Rufenden“.

          Möglich ist außerdem, dass der zwölf- oder dreizehnjährige Trossbube, der im Roman in das von Toten übersäte, ausgeplünderte „Gelnhusanus“ kommt, seinem Alter ego entspricht, der nach der spanischen Besatzung das Wüten der Kaiserlichen im September 1634 und nochmals vier Monate später miterlebte. Wollte sich ihm auch nicht, dem „Einfältigen“, in der ironischen Verfremdung des „erschröcklich Spektakul“ erschließen, welch „Unglück den Ort in einen solchen Stand gesetzt haben mochte“.

          Nur unter größten Mühen konnte Gelnhausen über Jahrzehnte wieder aufgebaut werden, dabei ist es aus heutiger Sicht ein Glücksfall, dass die auch später eher bescheidenen Verhältnisse daran hinderten, das Überkommene dem allgemeinen Modernisierungsdenken zu opfern. Aber erst die letzten Jahrzehnte des Schützens und Restaurierens machten aus Gelnhausen zwischen Kaiserpfalz und Marienkirche ein begehbares Bilderbuch der Geschichte. Oder anders gewendet – noch nie war die Vergangenheit so schön wie heute.

          Wegbeschreibung

          Auch Autofahrern empfiehlt sich der Bahnhofsbereich als Einstieg, da hier, anders als in der Altstadt, viel Parkraum besteht, je nach Stellfläche kostenfrei oder -pflichtig oder auch sonntags vor den Einkaufszentren beiderseits der Gleise. Mit der Bahnhofstraße und Im Ziegelhaus gelangt man zur Kinzig und drüben an den Rand der Altstadt, gleichsam als Entree vom Ziegelturm aus dem 15. Jahrhundert markiert.

          Noch davor kann per Abstecher nach links neben der Kinzig der Jüdische Friedhof aufgesucht werden. Durch die Hanglage lässt er sich gut einsehen, selbst Inschriften der bis ins Spätmittelalter reichenden über 900 Grabsteine sind erkennbar. Der Friedhof lag damals als „unreiner“ Ort vor der Stadtmauer. Auch Straffällige und „Hexen“ wurden dort hingerichtet.

          Deren Folterturm steht etwas verdeckt wenige Schritte hinter dem Geburtshaus von Grimmelshausen in der Schmidtgasse 12, an dem wir jenseits der Berliner Straße vorbeikommen. Die ansteigende Gasse mündet in den Untermarkt mit seiner farbigen Fachwerkzeile und dem Romanischen Haus auf dem Hintergrund der Marienkirche. Ab der Westseite stellt die Petersiliengasse die Verbindung zu dem romanisch-gotischen Gotteshaus her, das nach langwieriger Restaurierung imponierender denn je erstrahlt.

          Dahinter wendet man sich links zum Obermarkt mit der halbromanischen Peterskirche und dem sehenswerten Stadtmuseum. Seit der Neugestaltung wird jetzt auch Wirken und Werk Grimmelshausen, einschließlich kostbarer Erstausgaben sowie zahlreicher Übersetzungen, gewürdigt. Hernach durchschreiten wir das Innere Holztor und biegen gleich rechts in den Stadtgarten, wo ein Findling „dem großen Sohne Gelnhausens“ gewidmet ist. Sicherlich turnte Hans Jacob hier über die Mauern und sah sich wie heutige Besucher vom Blick aus dem Halbmondturm auf Stadt und Kinzigtal tief beeindruckt.

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