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Der Wandertipp : Freiheits- und Bewegungsdrang

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Dem größten Sohn Butzbachs, Friedrich Ludwig Weidig, ist dieser Findling gewidmet. Bild: Thomas Klein

Seit 700 Jahren macht Stadtluft frei, und auch der freiheitliche Geist eines Friedrich Ludwig Weidig durchweht die Wetterau-Stadt Butzbach, die eine Wanderung wert ist.

          4 Min.

          Zu den vielen Gedenk- und Jubiläumsveranstaltungen, die seit einem Jahr ausfallen müssen, zählen auch die Feierlichkeiten der Stadtrechtsverleihung Butzbachs vor 700 Jahren. Daran hätte der traditionsbewusste Ort im Nordwesten der Wetterau gerne erinnert, nachdem schon 2007 einer der am besten besuchten Hessentage symbolträchtig die jahrzehntelangen Restaurierungsarbeiten krönte. Über 100 Gebäude der geschlossenen Altstadt sind denkmalgeschützt. Doch Hoffnung naht. Für 2023 ist die 1250-Jahr-Feier fest eingeplant.

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          Ganz so weit reicht die Bausubstanz nicht zurück, sieht man von römischen Hinterlassenschaften ab. Dort stand ein Kastell und oberhalb der Gemeinde verlief der streckenweise noch gut sichtbare Limes. Den wichtigsten Schub gab das Stadtrechtsprivileg durch den König und späteren Kaiser Ludwig dem Bayern 1321. Besonders Philipp IV. von Falkenstein und seine Nachfolger förderten mit Befestigung die Entwicklung.

          In Fachwerk errichtete Wendelinskapelle

          Dank der durch Handel und Handwerk relativ wohlhabenden Bevölkerung konnte man es sich im Spätmittelalter erlauben, St. Markus in eine dreischiffige Hallenkirche umzuwandeln, während die von 1440 in Fachwerk errichtete Wendelinskapelle einen kostbaren Flügelaltar erhielt. Sie gilt als älteste und am besten bewahrte ihrer Art in Hessen. Auch das Alte Rathaus von 1560 am Markt und die farbenfrohen, reich gezierten Nachbarhäuser ringsum wurden in Fachwerk errichtet.

          Stets zählte Butzbach mehrere Besitzer, bis es unter einer Nebenlinie der Darmstädter Landgrafen zeitweilig gar zur Residenz aufrückte. Die wenigen Jahre zwischen 1609 und 1643 genügten Philipp III. von Hessen-Butzbach für den Ausbau eines Schlosses (heute Rathaus) samt Park. Er förderte Wissenschaft, Kunst und Bildung und berief die besten Kräfte an die Lateinschule, an der später Friedrich Ludwig Weidig als Konrektor wirkte.

          Ihm, dem Republikaner und Mitstreiter Georg Büchners, lässt Butzbach späte Gerechtigkeit widerfahren. Seit 2011, seinem 220. Geburtstag, nennt sich die Gemeinde offiziell nach dem Pfarrer und Pädagogen. Jetzt kann wieder daran erinnert werden, dass Weidig 1814 auf der Anhöhe „Schrenzer“ Turn- und Wehrübungen ausrichtete – was ein 1937 in ganz anderem Ungeist ausgerichtetes „Bergturnfest“ lange vergessen ließ.

          Wegbeschreibung

          So man eine Stadtbesichtigung voranstellt, erreicht man vom Butzbacher Bahnhof in wenigen Schritten die Wendelinskapelle und dann durch die Weiseler Straße das großzügige Rund des Markplatzes. Etwas versetzt dahinter stehen Markuskirche und Michaelskapelle und ein Stück der Wehrmauer. Weiter geht es über die Schlossstraße zum Solms-Braunfelser Hof mit dem Stadtmuseum (aktuell geschlossen) sowie dem Landgrafenschloss.

          Jenseits vom Bahnhof gelangen wir durch die Taunusstraße, begleitet von den Markierungen schwarzer Punkt und blauer Strich, auf den Schrenzer. Oben biegen sie im Wald rechts ein und verharren dann knapp unterhalb der aussichtsreichen Anhöhe. Verkürzend lässt sich auch dort in die Runde einsteigen. Auf dem Plateau gibt es viel Parkraum. Dann läuft man etwas zurück und nimmt an der Kurve die beiden Zeichen ins Visier.

          In ihrem Gefolge beginnt sogleich eine stimmungsvolle Partie zwischen ausnehmend hohen Buchen und Kiefern, dabei freilich stets auf einem Schlängelpfad neben dem Forstweg bleibend. Das wellige Terrain ist nicht allzu fordernd, aber eine Versuchung wert darf die nach gut einer halben Stunde auftauchende Einkehr „Forsthaus Butzbach“ sein (aktuell nur Getränke und kleine Speisen in Selbstbedienung zum aushäusigen Verzehr).

          Fürs Weiterlaufen halten wir uns nahe dem Forsthaus rechts über einen Holzsteg unverändert in Wald, wonach wir schon mal das hinzugetretene schwarze Dreieck im Auge behalten. Ihm ist sich anzuschließen, wenn die drei Markierungen bald auseinanderstreben. Das ändert nichts am fast ebenen Weg durch luftigen Forst. Erst einsetzendes Bergab deutet auf einen Szenenwechsel.

          Allenthalben Fachwerkgehöfte

          Unvermittelt steht man vor dem fruchtbaren Übergangsgebiet von Wetterau und Hüttenberger Land, hinter dem sich wie ein Vulkankegel der Dünsberg erhebt. Im Vordergrund zieht uns Ebersgöns an, ein Ort, der mit abgeschlossenen Fachwerkgehöften kaum typischer für die Region sein könnte. Auch freistehende Gebäude sind in Holz gehalten, und selbst dem Pfarrkirchlein wurde eine hölzerne Außentreppe angesetzt.

          Gerade haben wir es in der Straße Zum Weißen Stein passiert, heißt es sich auf einen Farbwechsel einstellen - das rote Dreieck löst das schwarze ab. Mit ihm verlassen wir rechts hinaus (Zur Pfingstweide) zwischen großzügigen Eigenheimen den Ort; zunächst durch Felder, dann erneut unter stattlichen Bäumen.

          Verbund mit dem Limeswanderweg

          Eine Weile ändert sich am Geradeaus wenig, ehe nahe einer Streuobstwiese rechts abgebogen wird. Das bedeutet noch etwas Hinan, ehe ab dem Linksknick 500 Meter weiter Gefälle bis zu den Neubauten am Rande Butzbachs einsetzt. Davor schwenkt das Dreieck im Verbund mit dem Limeswanderweg rechts ein und führt zwischen Wald- und Grundstücksrand entlang, um schließlich nach 700 Metern den gut sichtbaren Limes zu queren.

          Die Zeichen umgehen ihn oberhalb; man kann und darf auch über die Wallkrone auf den Schrenzer steigen, endend vor einem bereits 1957 nachgebildeten Wachturm samt Palisade. Größe und Lehm-Reisig-Gefache entsprechen kaum mehr heutigem Erkenntnisstand, dennoch bleibt er unverändert, da als „wichtiges Zeugnis aus der Frühzeit archäologischer Rekonstruktion“ geltend, wie es auf einer Erläuterungstafel heißt.

          An der großartigen Aussicht ändert diese Einschätzung ohnehin nichts. Quasi mit dem strategischen Blick der Römer über Wetterau und Vogelsberg laufen wir abwärts zum Gedenkstein für Friedrich Ludwig Weidig und rechts zu den Parkplätzen oder weiter die Kleebergstraße hinunter und rechts (Nussallee) gen Bahnhof. Es lässt sich natürlich auch wie gekommen in der Taunusstraße zurückkehren.

          Sehenswert

          Der Dreiklang aus Kirchen, Schloss und denkmalgeschützten Fachwerkbauten zeichnet Butzbach aus. Vom großzügigen Markplatz mit dem Alten Rathaus von 1560 und weiteren, teils reich gezierten Häusern erreicht man die Bauwerke ringsum. Etwas versetzt dahinter stehen die spätgotische Michaelskapelle, das einstige Beinhaus, und die im 15. Jahrhundert zur Hallenkirche geweitete St. Markus.

          Ungewöhnlich sind die Schaugiebel und der Dreifachchor für den Orden der „Kugelherren“ sowie im Inneren Gruft und Grabmal des ersten und einzigen Landgrafen Hessen-Butzbachs, Philipp III. (1581 bis 1643).

          Ferner stehen noch 150 Meter der Wehrmauer, die nach der Stadtrechtsverleihung 1321 errichtet wurde, und die ab 1440 erbaute, mit spätgotischem Altar ausgestattete Wendelinskapelle; eine der bedeutendsten Fachwerkkirchen Hessens. Oberhalb der Stadt, am Schrenzer, verlief der dort gut erhaltene römische Limes.

          Daten

          Länge: 13 km, ab Schrenzer 10 km (jeweils ohne Stadtrundgang)
          Höhenmeter: 220
          Karte: Hintertaunus Ost, Maßstab 1:25.000, Verlag NaturNavi

          Anfahrt

          Über die A 5 bis Ausfahrt Butzbach und zum zentrumsnahen Kreisel, ab dem Schrenzer und das dortige „Bad“ ausgeschildert sind. – Aus Richtung Frankfurt bestehen einstündig Bahnverbindungen, weitere bei Umsteigen in Friedberg.

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