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Wandern wieder trendy : Cappuccino auf der Hütte

  • -Aktualisiert am

An der Ausrüstung sollst du mich erkennen: Wandern ist heute eine Aktivität mit vielen Spielarten. Bild: dpa

Nach Jahrzehnten in der Spießerecke gilt Wandern heute als cool. Auf ausgebauten Wegen tummeln sich die Massen. Andernorts allerdings verwaisen die Pfade.

          Der Inbegriff des Wanderers war lange Zeit ein Mann mit eisgrauem Bart, Filzhut und Wadenstrümpfen, der ein Volkslied pfeifend durch die Berge stapft. Ein abwegiges Bild, zumindest heute. Denn sein angestaubtes Bundhosen-Image hat das Wandern längst abgelegt. Galt Bergsteigen früher noch als spießiges Hobby rüstiger Rentner, veraltet, langweilig, vom Aussterben bedroht, ist heute das Gegenteil der Fall. Irgendwann Mitte der 2000er Jahre wurde Wandern plötzlich jung, hip und cool. Den Wadenstrumpf-Wanderer verdrängten Mittzwanziger in atmungsaktiven Funktionsjacken. In die Berge zu gehen gilt heute als Trendsport, das Geschäft mit Outdoor-Ausrüstung brummt. Mancherorts beschweren sich gar schon die Bewohner der Dörfer, durch die beliebte Wanderwege führen, über vorbeiziehende Touristenmassen.

          Deutschland erlebe einen Wanderboom, berichteten in den vergangenen Jahren viele Medien. Der moderne Mensch strebe zurück zur Natur, zu sich selbst. Umfragen wurden zitiert, die angeblich beweisen, dass sich die neue Wanderlust der Deutschen auch in Statistiken niederschlägt. Oft fiel dann der Name von Rainer Brämer, bis vor einiger Zeit Vorsitzender des Deutschen Wanderinstituts, der als einer der Ersten auf die seit Ende der 90er Jahre steigende Zahl der Wanderer hingewiesen hatte.

          Wanderer werden seit Jahren weniger

          Heute ist Brämer Ehrenvorsitzender des Instituts im hessischen Marburg und sagt: „Die größte aller Wandernationen sind wir sicherlich nicht.“ Die Zahl der Deutschen, die sich in Umfragen als Wanderer bezeichneten, steige entgegen der vorherrschenden Meinung nicht, sie sinke. Seit zehn Jahren, um ungefähr ein Prozent jedes Jahr. Das Niveau sei zwar nach wie vor hoch, zwischen 35 und 40 Millionen Deutsche wanderten, aber es nehme eben ab, nicht zu.

          Stefan Zindler, Leiter des Tourismusmarketings der Hessen Agentur, sieht das anders. Wandern sei beliebt wie nie, viele Wege sehr gut besucht, Abschnitte des Rheinsteigs zum Beispiel oder der Wispertalsteig beim Rheingau.

          Für Brämer ist das kein Widerspruch. Das Gros der Wanderer balle sich auf wenigen, sehr gut ausgebauten Wegen, der Rheinsteig sei nur ein Beispiel dafür. „Die Besuchermasse hält die Menschen nicht ab.“ Der Wanderer von heute wolle etwas erleben, aber im Vorbeigehen bitte, möglichst ohne Mühe. Seen und Gipfel, Waldstücke und Ausblicke, Naturpfade und Berghütten: All das sollte ein Wanderweg schon haben, wenn er Besucher anlocken will.

          Die neuen Wanderer gehen kürzere Wege

          Am besten komprimiert auf wenigen Kilometern, denn wer sich am Wochenende ein paar Stunden seiner kostbaren Zeit abzweigt, hat keine Lust, erst noch stundenlang durch immergleiche Wälder zu marschieren, bis dann endlich ein Gipfel zu sehen ist. Die Ansprüche sind gestiegen, und die Tourismusbranche stellt sich darauf ein. Die Strecken werden beschildert, am besten so, dass von einem Wegweiser schon der nächste zu sehen ist, Wander-Apps entwickelt, die Touren „erlebnisoptimiert“ und Parkplätze an die Startpunkte betoniert.

          Die neuen Wanderer lassen es gemächlich angehen, machen kürzere Touren und kehren zwischendurch ein. Extremsportler sind sie nicht, eher Spazierwanderer. Spielarten wie Speedhiking, das schnelle Gehen mit Stöcken und leichter Ausrüstung in anspruchsvollem Gelände, seien allenfalls Randsparten des Wanderns, sagt Brämer.

          Viele Wege verwaisen

          Das kann auch Daniel Bienmüller bestätigen, Verkäufer in der Schuhabteilung einer Frankfurter Globetrotter-Filiale. Am besten verkauften sich nicht etwa Wanderstiefel, sondern leichte Mittelgebirgsschuhe, die seine Kunden für Tagestouren brauchten, sagt Bienmüller.

          Während sich auf manch zertifiziertem Premiumwanderweg an einem sonnigen Tag ganze Heerscharen tummeln, verwaisen andernorts die Pfade. Forststraßen wachsen zu, viele Waldwege sind schon gar nicht mehr als solche zu erkennen. Wo keine Schilder den Weg weisen, kein Wirt kühles Bier zapft, kein Gipfel Aussicht verspricht, da lässt sich auch kaum ein Wanderer blicken.

          Kürzlich war Brämer in Bad Wildbad, einer kleinen Stadt im Schwarzwald. Nett war es dort, ruhig, viele Bäume. Aber eben auch nicht viel mehr. Schon nach zehn Minuten wusste Brämer: Ein Siegel für die Wege hier würde er nicht vergeben können. Nichts für die Wanderleute. Zu wenig Erlebnis.

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