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Todestag Walter Lübcke : „Ein Mann der klaren Worte“

Zum ersten Todestag von Walter Lübcke hat Ministerpräsident Volker Bouffier am Grab einen Kranz niedergelegt. Bild: Staatskanzlei/Lohnes

In der Nacht zum 2. Juni 2019 wurde Kassels Regierungspräsident Walter Lübcke getötet. Was als sein Vermächtnis bleibt.

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          An diesem Pfingstmontag sind sie wieder gegenwärtig geworden, die Worte, die am 13. Juni vergangenen Jahres in der Martinskirche in Kassel gesprochen worden sind. An jenem Tag kamen rund 2000 Menschen zusammen, um Walter Lübckes zu gedenken. 1200 Gäste in der Kirche, weitere 800 Menschen versammelten sich vor dem Gotteshaus. Schon vorher hatten sich viele gefragt: Wie kann es gelingen, diese unfassbare Tat in Worte zu fassen, eine Tat, die vor allem in der Familie des Politikers tiefe Trauer hinterlassen hat?

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schon zu diesem Zeitpunkt hatte der gewaltsame Tod von Walter Lübcke weit über Hessen hinaus die Öffentlichkeit erschüttert. Umso mehr, als bekannt wurde, dass er offenbar Opfer einer rechtsextremistischen Gewalttat geworden war. Mutmaßlich getötet von Stephan E., einem Anhänger der nordhessischen Neonazi-Szene.

          An diesem Pfingstmontag wurde wieder des CDU-Politikers gedacht. Diesmal im engsten Kreis der Familie und von Vertretern der Landesregierung. Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) legte einen Kranz nieder, als Zeichen der Trauer und der Wertschätzung.

          „Walter Lübcke“, sagte Bouffier, „stand für ein freies Land und einen demokratischen Rechtsstaat, in dem jeder seine Meinung äußern darf“. Er habe deutlich gemacht, „was unser Land ausmacht: Respekt und sich an Regeln halten und nicht Hass und Hetze. Unsere Stimme für Demokratie, Menschenrechte und die Freiheit muss noch lauter werden. Sein Mord ist eine Verpflichtung für uns alle, sich tagtäglich für die demokratischen Werte einzusetzen und gegen Ausgrenzung, Stigmatisierung, Gewalt, Hass und Hetze vorzugehen. Und genau deshalb wollen wir in seinem Geist nicht nur heute, sondern auch künftig arbeiten“.

          Abermals wurde an diesem Jahrestag bewusst, dass dieses Verbrechen ein Wendepunkt war. Eines jener Ereignisse, von denen man später sagen wird, sie haben das Land verändert. Weil es vor Augen führte, wie bedrohlich präsent der Rechtsextremismus, vielleicht sogar der Rechtsterrorismus, in Deutschland ist.

          Anders als in den Wochen nach der Tat und auch in den vergangenen Monaten vor Erhebung der Anklage ging es diesmal nicht um den mutmaßlichen Täter. Nicht darüber, was ihn getrieben hat, den Kasseler Regierungspräsidenten in der Nacht zum 2. Juni in seinem Haus in Wolfhagen-Istha aufzusuchen und ihn auf seiner Terrasse zu erschießen. Es ging um den Menschen Walter Lübcke. Um das Opfer.

          Ein Politiker mit Werten und Idealen

          Bei jener Trauerfeier in der Martinskirche ergriff der ältere Sohn, Christoph Lübcke, das Wort. Seine Rede war in dem sonst so strengen Protokoll nicht angekündigt. Christoph Lübcke ging nach vorn, wo ein großes Porträt seines Vaters aufgestellt war: Walter Lübcke, der lächelte. Dann sagte sein Sohn, die Familie habe noch so viele Pläne mit ihm gehabt. Nun aber werde er seine Enkel nicht mehr zur Schule fahren können. Und er werde auch nicht mehr für sie kochen können, wie er es für ihn und seinen Bruder so oft getan habe. Er dankte seinem Vater für seine „große Liebe und Fürsorge“, für die Werte und Ideale, die er vermittelt habe.

          Diese Werte und Ideale waren es offenbar auch, die den 65 Jahre alten Politiker, der sich vom Bankkaufmann hocharbeitete und sich früh in politischen Ämtern engagierte, zur Reizfigur gemacht haben. Vor allem aber haben sie nach seinem Tod eine Diskussion darüber ausgelöst, wie offen sich lokale Politiker noch geben können. Wie sehr sie sich trauen, für andere Menschen einzustehen, auch gegen Widerstände. Sich klar zu äußern, auch, wenn es unbequem wird.

          Deutliches Zeichen: Ein großes Banner erinnert an der Fassade des Regierungspräsidiums in Kassel an den Mord an Walter Lübcke.

          Walter Lübcke hat sich getraut. Nicht umsonst gilt als Schlüsselszene des mutmaßlichen Mordmotivs die Bürgerversammlung in Lohfelden am 14. Oktober 2015, während der sich Lübcke für die Aufnahme von Flüchtlingen einsetzte. Zu einer Zeit, als der Flüchtlingspolitik der Bundesregierung massive Kritik entgegenschlug. Lübcke sagte damals: „Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten, und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen.“

          Der ehemaige Bischof von Kurhessen-Waldeck, Martin Hein, bezeichnete den CDU-Politiker damals als überzeugten Christen, als „Mann des klaren Wortes und der klaren Tat“, einen pragmatischen und unkonventionellen Politiker, der während der Flüchtlingskrise vermittelt habe, „was zu schaffen war, wenn man wollte“.

          Gedenken wird nachwirken

          Das Gedenken an Walter Lübcke wird noch lange nachwirken. Es hat nicht mit der Kranzniederlegung an diesem Pfingstmontag geendet, und wird es auch nicht mit dem Prozess gegen den mutmaßlichen Täter, der demnächst vor dem Oberlandesgericht in Frankfurt beginnt. Seine Familie hat vor einigen Wochen bewusst gemacht, wie stark das Vermächtnis ist, das der CDU-Politiker hinterlässt.

          An dem Tag, als die Bundesanwaltschaft Anklage erhob, erklärte sie sich erstmals öffentlich. Sie teile das christliche und demokratische Werteverständnis, das ihr Ehemann und Vater stets vorgelebt habe. Er habe es sich zur Aufgabe gemacht, den demokratischen Rechtsstaat zu verteidigen: „Mit Rückgrat und engagierter Leidenschaft hat er sich für eine demokratische Gesellschaft eingesetzt.“ Die Familie sei „geeint im festen Glauben daran, dass Hass und Gewalt keinen Platz in unserer Gesellschaft haben dürfen“. Man wünsche, dass das Engagement Walter Lübckes „auf lange Zeit Spuren hinterlässt“.

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