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Jugendstil in Darmstadt : Hommage an die Lebensreform

Ein mit Glasperlen beklebter Bronzeengel im Darmstädter Vortex-Garten. Bild: Michael Kretzer

Ein Privatgarten am Fuß der Mathildenhöhe in Darmstadt knüpft an den Jugendstil an. Der alte „Geist der Utopie“ soll neu belebt werden – und eine Internationalisierung erfahren.

          Der Jugendstil als Ausdruck der Lebensreformbewegung um 1900 wird in Darmstadt gepflegt und fortgeführt. Das will die Stadt auch der Unesco nachweisen, in der Hoffnung, dass die Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe in die Liste der Weltkulturerbestätten aufgenommen wird. Allerdings war der lebensreformerische Aufbruch eine europäische Bewegung unterschiedlicher Ausprägung. Während das Siedlerprojekt Monte Verità im schweizerischen Tessin eher an eine alternative Graswurzelbewegung mit anarchistischen Formen und esoterischen Tendenzen erinnert, geht die Künstlerkolonie in Darmstadt auf einen hochherrschaftlichen Akt zurück. Hier suchte Großherzog Ernst Ludwig die Mitglieder seiner Kolonie aus, wies ihnen Grundstücke auf der Mathildenhöhe zu und verhandelte über die Ausstellungen. Das alles verband er mit der Hoffnung, durch neue Bauweisen und Produkte die Wirtschaft anzukurbeln.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Zwischen Monte Verità und Darmstadt lagen Welten. Aber die bunte Gesellschaft des Schweizer Aussteigerdorfs und die halbstaatliche Darmstädter Architektur-Versuchsanstalt verbindet eine Brücke. Die liegt versteckt am Fuße der Mathildenhöhe, umfasst 1600 Quadratmeter und hat die Gestalt eines verwunschenen Gartens. Wer den „Vortex-Garten“ am Prinz-Christians-Weg betritt, befindet sich im Privatgarten von Henry Nold, Erbe eines Darmstädter Großaktionärs. Seit 20 Jahren arbeitet er dort daran, dem alten „Geist der Utopie“ neuen Ausdruck zu verleihen, indem er an die Kreativität der Bohème und Freidenker von einst anzuknüpfen versucht.

          Ein Ort zum Ausruhen

          Sein grünes Reich ist ein öffentlicher Privatgarten rund um das frühere „Haus Hubertus“, ein denkmalgeschütztes Gebäude, das 1921 von dem Architekten Jan Hubert Pinard erbaut wurde. Nold hat das Haus erworben, grundsaniert und einen Künstlergarten angelegt, der tagsüber ohne Eintritt besucht werden kann. Es ist ein Idyll mit lauschigen Ecken, Wasserspielen, Teichen und vielen Kunstwerken, das die Darmstädter für stille Momente gerne aufsuchen.

          Lektüre im Grünen: Besucher genießen das schattige Plätzchen  im Vortex- Garten. Bilderstrecke

          Die Wildnis ist zwar nicht undurchdringlich, aber prägend. Über einer Kuppel, die an den Rosendom auf der Rosenhöhe erinnert und eine Anspielung an Goethes Gartenlaube darstellt, wuchert wild der Wein. Daneben finden sich Reisighaufen, Insektenhotels, große und kleine Amphoren, ein halbzerfallener Holzstuhl, verwitternde Baumscheiben, die als Gartenmauer dienen, eine Wasserklang-Schale. Schmale Pfade führen gewunden über das Grundstück, vorbei an einem mit Seerosen bedeckten Teich, einem moosbewachsenen Buddha, entlang der Hausterrasse.

          Eine schmale, wie ein Leuchtturm gestaltete Glasskulptur ragt spitz in die Höhe, ihr gegenüber steht verloren ein vergoldeter Stuhl, nicht weit davon entfernt ein Friedhofsengel, der mit lauter bunten Glitzersteinen besetzt ist. Für Kinder gibt es ein Trampolin. Orientierung durch diesen grünen Dschungel geben helle Schrittsteine in Eiform und viele Lichtstelen.

          Skulpturen internationaler Künstler

          Nold, der Kunstsammler ist, lebt zeitweise in dem Haus, ist aber auch viel unterwegs. Insgesamt betreibt er 14 Gästehäuser in ganz Europa, die man für Urlaube und Übernachtungen buchen kann. Das gilt auch für die Villa in Darmstadt, deren Kontrast zwischen Innen und Außen enorm ist. Dem organischen Kulturgarten in seiner scheinbaren Ungezähmtheit entspricht eine architektonisch durchkomponierte Innengestaltung, die an die Sorgfalt eines Joseph Maria Olbrich erinnert: Jeder Raum hat seinen eigenen Ausdruck und seine eigene Licht- und Farbkomposition, die Einrichtungsgegenstände sind von internationalen Künstlern handgefertigt oder Repliken.

          Auch für die Villa gilt die ungewöhnliche Synthese von Öffentlich und Privat: Am jeweils letzten Donnerstag dient der zentrale Raum als Konzertsaal für Aufführung von Schülern der Musikakademie, zu der Nolds Art-Direktor Jürgen Lannert nach der Führung freundlich einlädt. Nold hat seine Villa „Haus Martinus“ genannt. Martinus, 1890 in Dänemark geboren, war ein Schriftsteller, der beanspruchte, durch eine „kosmische Feuertaufe“ gegangen und dadurch in das „göttliche Schöpfungsprinzip“ eingeweiht worden zu sein.

          Mit Blick auf die Rationalität der Darmstädter Jugendstilbewegung darf man das als esoterisch bezeichnen, ebenso wie die „heilige Geometrie“, die „kosmologischen Zahlenverhältnisse“ und die wiederkehrende Kornkreis-Symbolik im Vortex-Garten. Selbst der kaskadenförmige Metallbrunnen mit seiner spiralartigen Wasserbewegung (der englische Name „Vortex“ lautet übersetzt Spirale) spielt an auf die helixförmige DNA als Baustein des Lebens. Und die 108 eiförmigen Gehwegsteine, die um das Haus führen, verstehen sich als „luminare Reminiszenz“: Der Mondradius beträgt 1080 Meilen.

          „Notizen eines Naturmenschen“

          Was hat diese erdgebunden-kosmologische Symbolik mit der Lebensreform um 1900 zu tun? Nun, mit Blick auf Monte Verità einiges. Tanzdramen entstanden in der Kommune, neue psychoanalytische Theorien, Vorformen des „New Age“, die ersten abstrakten Filme, eine Körperkultur jenseits der bürgerlich-konservativen Normen der Zeit – die „Suchenden der sehr verschiedenen Art“, von denen Hermann Hesse in seinen „Notizen eines Naturmenschen“ sprach, verwirklichten ihre Aufbrüche in einer kreativen Entfesselung auf den verschiedensten Feldern.

          Diesen Freiheitswillen will Nold ansprechen. Besucher seines Gartens sollen „Anstöße bekommen und nachempfinden, wie Lebensimpulse entstehen, wachsen und sich entwickeln können.“ Ein Angebot, das sich auch an die Stadt richtet. Nold hat der Verwaltung den Entwurf einer Brunnenkonstruktion für eine öffentliche Grünfläche gegenüber seinem Haus vorgestellt: Eine eiförmige Anlage mit Sitzgelegenheit, die symbolisch den Wirbel des Lebens wie die Ruhe verkörpern soll. Dafür wäre er bereit, fast eine halbe Million Euro aufzubringen. Die Frage ist, ob eine solche „Hommage an die Lebensreform-Bewegung“ in Darmstadt gewünscht und mit der hiesigen Jugendstil-Tradition verträglich ist.

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