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Vor der OB-Wahl in Mainz : Rädercheck und Rechenspiele

Getrennt wahlkämpfen, vereint trinken: der parteilose Nino Haase (links) und Martin Malcherek (Die Linke) Bild: Michael Kretzer

Die Spannung steigt: Eine Woche vor der Abstimmung sind die Kandidaten, die Mainzer Oberbürgermeister werden wollen, noch einmal nah dran am Bürger. Hier ein Apfel, dort ein Kugelschreiber.

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          Am Sonntag will Tabea Rößner, die Journalistin und Bundestagsabgeordnete zur „ersten grünen Oberbürgermeisterin Deutschlands“ gewählt werden und die 70 Jahre währende Ära der SPD-Rathauschefs beenden. Kein Wunder, dass die auf der anderen Seite der Ludwigsstraße stehenden Unterstützer des sozialdemokratischen Amtsinhabers, Michael Ebling, das völlig anders sehen. Ihr Favorit, der das Parteilogo auf seinen Plakaten durch ein mit seinen Initialen spielendes persönliches „me“ ersetzt hat, bittet gleichfalls um das Vertrauen der Bürger – sprich: um eine achtjährige Dienstzeitverlängerung.

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Am Stand liegen neben Informationen zur Person und zum Programm zahlreiche Kugelschreiber und Notizblöcke. Vorherrschendes Thema sind an diesem Morgen allerdings nicht so sehr einzelne Themen, wie Rathaussanierung, Verkehr und Wohnungsbau. In den Gesprächen geht es eher um den Wahlausgang an sich.

          „me“ für Michael Ebling: Der Amtsinhaber grüßt vom Werbebanner.

          Ein Sozialdemokrat rechnet es allen, die es wissen wollen, gerne noch einmal schwarz auf weiß vor, wie genau die Sache laufen wird. Wenn sich etwa die Hälfte der rund 160.000 Wahlberechtigten an der Abstimmung beteilige, seien zirka 40.000 Stimmen notwendig, um mehr als 50 Prozent zu erreichen und schon im ersten Durchgang zu gewinnen. Bei fünf Bewerbern spreche jedoch vieles für eine Stichwahl am 10. November, gibt er zu. Gut möglich, dass ihr Favorit dann gegen die Grüne von der anderen Straßenseite antreten müsse, so die vorherrschende Prognose am SPD-Stand. Weil Ebling in den vergangenen acht Jahren aber mehr als ordentlich gearbeitet habe, müsse der 52 Jahre alte Jurist keinen Gegner und keine Gegnerin fürchten. Ohnehin sei – selbst wenn man vielleicht ein bisschen betriebsblind sein sollte – in der Stadt keine Wechselstimmung festzustellen.

          Nicht elektrisiert vom Wahlkampf

          Was die beiden Mitbewerber, die ganz in der Nähe, am Leichhof, Position bezogen haben, so sicherlich nicht unterschreiben würden. Ihn zu wählen sei keine verlorene Stimme, argumentiert Martin Malcherek (Die Linke). Obwohl der 46 Jahre alte Rechtsanwalt vermutlich nicht der nächste Mainzer Oberbürgermeister werden dürfte, hält er es für wichtig, das Lager links der Mitte zu stärken. Noch seien die Koalitionsverhandlungen des seit 2009 bestehenden Ampelbündnisses von SPD, Grünen und FDP nicht beendet. Eine gestärkte Linke könne Grüne und SPD ja vielleicht doch noch zum Umdenken bewegen. Von den Liberalen, die keinen eigenen Kandidaten aufgestellt haben, ist am Samstag dagegen weit und breit nichts zu sehen; und bis dato ja auch nichts zu hören gewesen: Eine Wahlempfehlung hat sich die FDP verkniffen. Obwohl es heißt, nur Eblings Veto sei es zu verdanken, dass aktuell ausschließlich über eine Fortsetzung der alten Koalition gesprochen wird. Zumindest die Grünen hätten liebend gerne auch mit der Linken verhandelt.

          Derweil haben die Mainzer CDU-Granden offensichtlich den Spaß am Wahlkampf ein bisschen verloren, seitdem der offiziell von der Union – aber eben auch von ÖDP und Freien Wählern – unterstützte Kandidat Nino Haase sich auf Plakaten und Nachfrage selbst als „100-prozentig unabhängig“ anpreist. Zumindest in der ersten Jahreshälfte konnte man durchaus den Eindruck gewinnen, dass der 36 Jahre alte, schlagfertige Chemiker so etwas wie der „Traumkandidat“ der Mainzer CDU sei. Inzwischen wird Haase aber zumeist von der ÖDP und den Freien Wählern umgarnt und begleitet. Wie viel Prozent der politische Quereinsteiger, der für frische Ideen und kreative Lösungen wirbt, holen kann, wird der nächste Sonntag zeigen.

          Elektrisiert vom Wahlkampf scheinen die Mainzer eine Woche vor der Abstimmung zwar nicht zu sein, aber wenigstens recht interessiert. Die Auswahl an Kandidaten könnte tatsächlich schlechter sein. Nur der 29 Jahre alte Martin Ehrhardt, der von politischen Gegnern bisweilen abfällig als „der Clown“ bezeichnete Kandidat der Satirepartei „Die Partei“, hat sich mit fortschreitender Kampagne immer mehr zurückgezogen. Allzu viele seiner zwischen ernst und heiter einzustufenden Botschaften sind in den vergangenen Tagen jedenfalls nicht mehr an die Öffentlichkeit gedrungen. Mithin die letzte Gelegenheit, noch einmal zu punkten, haben er und seine vier Mitbewerber bei einer Podiumsdiskussion im Kulturzentrum „Kuz“, zu der Radio SWR 4 einlädt. Nach einer langen Reihe ähnlicher Gesprächsrunden darf drei Tage vor der Abstimmung zwar nicht mehr mit allzu großen Überraschungen gerechnet werden. Darauf wetten sollte man allerdings ebenso wenig wie auf den Ausgang der Wahl.

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