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Vor 85 Jahren konfirmiert : Ein Engel für ein ganzes Leben

Vor 85 Jahren konfirmiert: Hertha Fopp ist 99 Jahre alt Bild: Cornelia Sick

Sie hat immer an Gott geglaubt, die evangelische Kirche war ihr wichtig. Nun hat Hertha Fopp, geboren 1918, ein seltenes Fest gefeiert.

          Hertha Fopp ist im letzten Kriegsjahr geboren. Im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs. Und wenn Gott es will und sie gesund bleibt, wird sie am zweiten Weihnachtstag 100 Jahre alt sein. Wer sie sieht, mag das nicht glauben. Aus dem Gartenstuhl erhebt sie sich ohne Hilfe, die Stimme ist fest, die hellen Augen sind klar. 85 mag sie schon sein, aber 99? „Mein Leben ist gut“, sagt die alte Frau. Ihre Tochter, selbst 75 Jahre alt, nickt. 1994 hat sie ihre Mutter zu sich und ihrem Mann geholt, in das gemeinsame Haus in Wiesbaden. Und neulich, da gab es ein großes Fest.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Bilder der Feier zeigen Hertha Fopp in der evangelischen Kirche im Wiesbadener Stadtteil Auringen. Neben ihr steht Pfarrerin Bea Ackermann. Fopp schaut feierlich drein, in der Hand hält sie eine Urkunde. „Sie ist die Erste“, sagt Ackermann. Die erste Konfirmandin, die von ihr für eine Engelkonfirmation ausgezeichnet wird. Fopp war 14 Jahre alt, als sie am 9. April 1933 in der Christuskirche im thüringischen Stützerbach konfirmiert wurde. Ihr Konfirmationsspruch waren die Verse eins und zwei von Psalm 23 aus der Lutherbibel: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“ Nach dem Gottesdienst mit Abendmahl, in dem auch etliche jüngere Jubilare geehrt wurden, gab es einen Sektempfang. Auf einem der Fotos prostet eine sehr alte Dame lächelnd ihrer Pfarrerin zu.

          Sieben Geschwister

          Hertha Fopps Leben ist eine lange Reise. Geboren wird sie als Hertha Kessler am 26. Dezember 1918 im thüringischen Stützerbach. Sie ist das jüngste von acht Kindern. Bis auf einen Bruder, der 1944 in der Normandie fällt, werden sie alle älter als 90 Jahre. 1923 stirbt der Vater, ein Glasmacher, mit Mitte vierzig an einem Herzinfarkt. Hertha ist da erst vier. Fortan muss die Mutter acht Kinder alleine durchbringen. „Alle was geworden, alle was gelernt“, sagt die fast Hundertjährige. Sie selbst absolviert eine kaufmännische Lehre.

          1942 lernt sie am Bodensee einen Soldaten auf Heimaturlaub kennen. Im selben Jahr heiratet sie ihn. 1943 wird ihre einzige Tochter Margot geboren. Den Mann sieht sie nie wieder. Er wird während des Kriegs in Jugoslawien gefangen genommen. Später heiratet er eine Jugoslawin und zieht in den fünfziger Jahren in die Nähe von Gießen. Hertha Fopp redet nicht gerne über den Mann, dessen Nachnamen sie seit 76 Jahren trägt. Margot Bauer besucht ihren Vater einmal. Doch der hat kein Interesse an seiner Tochter. Der Kontakt bricht ab.

          Beurkundet: Hertha Fopp feierte 85 Jahre Konfirmation, rechts Pfarrerin Bea Ackermann in der evangelischen Kirche in Wiesbaden-Auringen.

          Hertha Fopp bleibt nach dem Krieg erst einmal in Thüringen. Dort leitet sie eine HO, eine staatliche geführte Handelsorganisation, „einen Einkaufsladen“, wie ihre Tochter sagt. Als die SED sie 1955 in die Partei zwingen will, verlässt Fopp Thüringen. Einige Jahre wohnt sie im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen. Drei Jahre später kommt die 15 Jahre alte Tochter nach, die bis dahin bei der Großmutter geblieben war. Fopp hinterlegt für sie am Berliner Flughafen Tempelhof ein Ticket nach Frankfurt. Die Tochter wird an der Sektorgrenze zwar kontrolliert, aber die Mauer steht damals noch nicht. Bis 24 Uhr darf sie in den Westsektor gehen, mit einer einzigen Tasche in der Hand. Doch um Mitternacht sitzt sie längst im Flieger zu ihrer Mutter. Bis heute ist die Verbindung zueinander sehr eng. Die Mutter lächelt oft, wenn sie zu ihrer Tochter blickt. „Du bist ein Engel“, scherzt die. „Ein Bengel“, sagt Fopp.

          Lob für die Pfarrerin

          Später arbeitet Hertha Fopp bei Neckermann, sie wohnt in Bad Vilbel und in Kelkheim. Einen neuen Mann gibt es nicht. 1978 geht sie in Rente, wenig später zieht sie in ein Hochhaus in der Nähe der Tochter, seit 24 Jahren lebt sie bei ihr und deren Mann. Im ersten Stock hat sie ihr Zimmer. Ihre Tochter kümmert sich immer noch alleine um sie. Nur als Margot Bauer neulich am Herzen operiert werden musste, kam für zwei Monate ein Pflegedienst. Auch die zwei Enkelinnen und die drei Urenkel schauen nach dem Rechten.

          Die Kirche und den Glauben hat Hertha Fopp nie in Frage gestellt. Beides waren Konstanten in ihrem Leben. Immer war sie gläubig, früher ging sie regelmäßig in den Gottesdienst. Doch das ist vorbei: Sie hört nicht mehr gut, und das lange Sitzen in der Kirchenbank ist ihrem Körper zu viel. Doch als die Einladung der Kirchengemeinde zu ihrer Engelkonfirmation kam, war ihr sofort klar: „Da geh ich hin.“ Und ihre Tochter ist voller Lob für Pfarrerin Ackermann: „Sie hat aus dieser Gemeinde ganz was Tolles gemacht.“

          „Eine Engelkonfirmation ist wirklich sehr selten“, sagt die Pfarrerin. Das zeigt sich auch daran, dass die evangelische Kirche mit der 85-Jahr-Feier einer Konfirmation die Bezeichnungen ausgegangen sind. Nur für frühere Anlässe gibt es Namen. Nach 80 Jahren zum Beispiel lässt sich die Eichenkonfirmation feiern. Die hat Hertha Fopp vor fünf Jahren abgehakt, Urkunde inklusive. Und dann gibt es noch die Kronjuwelen- (75 Jahre), die Gnaden- (70), die Eiserne (65), die Diamantene (60), die Goldene (50), die Silberne (25) und die Bronzene Konfirmation nach zehn Jahren. Für Fopp sind sie alle Ewigkeiten her. Wenn sie in fünf Jahren 104 ist, wird sich die evangelische Kirche anstrengen müssen. Sie braucht dann einen neuen Ausdruck. Für 90 Jahre Konfirmation.

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