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Volker Bouffier : Familienmensch und Machtpolitiker

Steht unangefochten im Zenit seiner Macht: Volker Bouffier versprüht nach überwundener Krebserkrankung vitalen Tatendrang, Bild: Lucas Bäuml

Bevor Volker Bouffier wieder zum Vorsitzenden der hessischen CDU gewählt wird, muss er ein Kunststück vollbringen. Trotz seines Willens zum Weitermachen muss er den Übergang einleiten.

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          „Wir, das ist zunächst einmal die Familie.“ So sagt es der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier. Und wer den Gießener näher kennt, bestätigt das: „Der Volker ist ein Familienmensch durch und durch.“ Aber es geht nicht immer nur um Ehepartner, Kinder und Eltern. Für den 68 Jahre alten CDU-Vorsitzenden und seine Wegbegleiter ist auch die Partei eine Familie.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Bouffier gehört ihr seit mehr als einem halben Jahrhundert an. Viele Mitstreiter kennt er länger als seine Kinder. Vor diesem familiären Hintergrund ist auch das Totengedenken zu sehen, das auf dem Parteitag am Samstag breiten Raum einnehmen wird: Mit den Hinterbliebenen werden sich die 352 Delegierten an zwei prominente Parteifreunde erinnern, den ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und den freiwillig aus dem Leben geschiedenen Finanzminister Thomas Schäfer.

          Dann richtet sich der Blick nach vorn. In Willingen, wo Bouffier vor zehn Jahren zum Parteichef gewählt wurde, bewirbt er sich um eine sechste Amtszeit. Zu Beginn des Jahres spekulierten manche Parteifreunde noch über die Frage, ob er den Anlass wählen würde, um die Führung in jüngere Hände zu legen. Die besten Aussichten hatte Schäfer.

          Bouffier steht unangefochten im Zenit seiner Macht

          Inzwischen hat sich die Lage verändert. Bouffier steht unangefochten im Zenit seiner Macht. Die sichere Hand, mit der er das Land durch die Corona-Krise steuert, trägt ihm eine Beliebtheit ein, wie er sie in seiner langen Laufbahn nie zuvor hatte. Auch der offene Umgang mit seiner inzwischen überwundenen Krebserkrankung dürfte seine Sympathiewerte erhöht haben. Dass er auf dem Parteitag vor zwei Jahren eine Zustimmung von 98,5 Prozent verzeichnen konnte, hing mit der Solidarität zusammen, die eine Partei ihrem Chef vor Landtagswahlen demonstrativ erweist. Ein Ergebnis in dieser Höhe darf Bouffier aber auch diesmal erwarten.

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          Während sich die anderen Kandidaten für die etwa 30 zu vergebenden Positionen im Vorstand nur in vorproduzierten Videobeiträgen vorstellen dürfen, werden drei Akteure eine Rede halten: Ines Claus, die von Bouffier durchgesetzte neue Fraktionsvorsitzende im Landtag, Manfred Pentz, der Generalsekretär, und Bouffier selbst. Dass seine Ausführungen mit großer Spannung erwartet werden, liegt an der komplexen Konstellation in der die Union und ihr Vorsitzender sich befinden.

          Ein Interview des Hessischen Rundfunks wurde in der Öffentlichkeit so verstanden, als habe Bouffier die Absicht, das Amt des Ministerpräsidenten bis zum Ende der Wahlperiode auszuüben. Dieser Eindruck ist durch den Wortlaut des Gesprächs aber nicht gedeckt. Bouffier hielt sich die Option offen und brachte Tatendrang zum Ausdruck. Dann sagte er: „Deshalb stellen sich die Fragen jetzt nicht.“

          Aber natürlich denkt er selbst darüber nach. Das belegt etwa die Sensibilität, mit der die Parteiführung in dieser Woche auf die Einschätzung reagierte, dass Bouffier in Willingen wohl zum letzten Mal als Vorsitzender kandidiere. „2022 dürfte er dann, ein Jahr vor der nächsten Landtagswahl, den Posten an der Parteispitze aufgeben“, hatte der „Wiesbadener Kurier“ geschrieben. „Den Wahrheitsgehalt daran kann ich nicht erkennen“, sagte dazu Generalsekretär Pentz.

          Ein Nachfolger drängt sich nicht mehr auf

          Der Parteichef wird auf zwei Jahre gewählt. Will Bouffier also tatsächlich nicht nur bis zum Ende der Wahlperiode Ministerpräsident bleiben, sondern das Amt des Parteichefs mindestens ebenso lange, womöglich aber noch länger behalten? Die aktuellen Verlautbarungen schließen ein solches Szenario ausdrücklich nicht aus. Bouffier ist eben nicht nur Familienmensch, sondern auch Machtpolitiker durch und durch. Er sei in der Corona-Krise regelrecht „aufgelebt“, heißt es in seiner Umgebung. Ein Nachfolger drängt sich nicht mehr auf. Und Winfried Kretschmann, der Amtskollege in Baden-Württemberg, bewirbt sich im März 2021, im Alter von 72 Jahren, sogar noch einmal für das Amt des Regierungschefs.

          Der hessische Ministerpräsident hat vor der Landtagswahl mehrfach erklärt, dass die bevorstehende Amtsperiode seine letzte sein solle. Er denkt nicht daran, ohne Not von sich aus anzukündigen, wann genau für ihn Schluss ist. Aber in der Partei wird in diesen Tagen an Bouffiers Vorgänger Roland Koch erinnert. Der habe so rechtzeitig aufgehört, dass sein Nachfolger als Regierungs- und Parteichef mit einem Amtsbonus in die Landtagswahl habe ziehen können.

          Die jüngsten Erklärungen haben bei manchen Parteifreunden Zweifel daran aufkommen lassen, dass auch Bouffier so vorgeht. Sie auszuräumen, ohne sich allzu sehr festzulegen – das ist das Kunststück, das der Unionspolitiker am Samstag vollbringen muss. Die durch die Pandemie bedingten Hygienevorschriften lassen eine nüchterne Veranstaltung erwarten. Umso spannender wird es sein, zu sehen, ob der Landesvater und CDU-Patriarch in diesem schwierigen Moment die Seele seiner Partei erreicht.

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