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Vogelgrippe : Strikte Hygiene und Beschäftigung für eingesperrte Hühner

Bild: Wolfgang Eilmes

Geflügelbauern der Region sind seit dem ersten Vogelgrippefall in Alarmbereitschaft. Sollte die Tierseuche bei ihnen ausbrechen, ist ihre Existenz bedroht.

          3 Min.

          Martin Stark atmet auf. Seit gestern Nachmittag hält der Landwirt aus Frankfurt-Niederursel die amtliche Bestätigung in den Händen. Der zurzeit grassierende, hoch ansteckende Erreger der Vogelgrippe hat seinen Geflügelhof vorerst verschont. Von heute an kann Stark die 10000Eier, die seine Hühner täglich legen, in seinem Niederurseler Hofladen und in den Supermärkten einer großen Handelskette in der Region verkaufen. Am Mittwoch hatte das Frankfurter Veterinäramt den Verkauf gestoppt, nachdem Labortests bestätigt hatten, dass ein toter Pelikan aus dem Opel-Zoo in Kronberg mit dem Virus infiziert war. Der Tierpark war bis gestern geschlossen, es war ein Drei-Kilometer-Sperrbezirk und ein Beobachtungsgebiet im Umkreis von mindestens zehn Kilometern um den Zoo ausgewiesen worden.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Starks Hof ist mit seinen 21.000 Legehennen der größte, der betroffen ist. Er liegt im Beobachtungsgebiet. Bis zur amtlichen Freigabe durfte er keine Tiere, aber auch keine Eier verkaufen. „Es ging nichts mehr raus und nichts mehr rein auf den Hof“, fasst Stark zusammen. Das Veterinäramt hatte sich seine Bestände angesehen und Kotproben genommen. Der Landwirt, der von sich selbst sagt, er sei ein Gegner von Panikmache, hat versucht, die Überprüfung seines Hofs gelassen hinzunehmen. Strikte Hygiene brauchte ihm keiner vorzuschreiben, Desinfektionsschleusen gibt es an jedem Stall. Nachdem im Frankfurter Stadtteil Sossenheim eine infizierte Kanadagans gefunden worden war, hat er auch am Hoftor eine provisorische Schleuse installiert.

          „Hygiene ist das A und O“

          „Ich wüsste es, wenn unter meinen Legehennen die Seuche grassierte“, sagt Stark. Dann hätte er „Verluste“ unter den Tieren, vor allem fräßen und tränken sie anders. Das könnte Stark ebenso wie sein Landwirtskollege Karl-Wilhelm Kliem aus Karben-Kloppenheim über sein Handy feststellen. Die Ställe stecken voller Elektronik. Verändert sich der Wasserverbrauch der Hühner nur um zehn Prozent, schlägt der Computer Alarm. Starks Hühner sind stets im Stall, Bodenhaltung nennt sich das. „Passieren kann immer etwas“, sagt der Landwirt mit Blick auf die Seuche, die in anderen Bundesländern schon ganze Bestände getroffen hat. Er hofft, dass ihn sein Wissen um die Hühnerhaltung vor größerem Schaden bewahrt. „Hygiene“, sagt er, „ist das A und O in der Geflügelwirtschaft.“

          Auch die Gänse haben Ausgangssperre: Auf dem Hof der Kliems wurden sie in einer Maschinenhalle einquartiert.

          Seit das Umweltministerium in Wiesbaden vor fast zwei Wochen die Stallpflicht in Hessen verordnet hat, muss sich Lars Kröll seinen Tag neu einteilen. Der Landwirtssohn betreibt mit seinem Bruder drei „Hühnermobile“, fahrbare Ställe, die er wöchentlich umstellt, damit die Tiere viel Auslauf und immer frisches Grün haben. Kröll verkauft Freilandeier. Normalerweise fährt er täglich zu den mobilen Ställen, die er „Hühnerhotel Hof Kröll“ getauft und rund um seinen Heimatort in Niddatal-Bönstadt aufgestellt hat. Dann sammelt er Eier ein und schaut nach dem Rechten. Jetzt muss er mehrmals am Tag nach den jeweils 250Hühnern in einem „Hotel“ sehen. Den eingesperrten Tieren sei langweilig, schließlich seien sie es gewohnt, viel Auslauf zu haben. Damit die Hühner nicht anfangen, sich gegenseitig zu picken, legt er Futterkartoffeln, Rüben und Weizenkörner aus. „Man muss sie beschäftigen.“

          „Das könnten wir finanziell nicht verkraften“

          Dass die Stallpflicht ihn zur weniger ertragreichen Bodenhaltung zwingt, stört Kröll derzeit noch nicht. Drei Monate können seine Hühner im Stall leben, und dennoch dürfen die Eier nach gesetzlichen Vorgaben als Freiland-Ware deklariert werden. Was Kröll zusetzt, ist das Mehr an Arbeit. Karl-Wilhelm Kliem in Karben-Kloppenheim, in zehnter Generation Landwirt, hat einen für hessische Verhältnisse beachtlichen Hühnerhof mit 60.000 Legehennen. Täglich produzieren sie 50.000 Eier, die Kliem auf seinem Hof und in den Supermärkten der Region verkauft. Die Zahlen wirken stattlich, doch sein Hof decke gerade einmal zwei Prozent des Eierverbrauchs der Region ab, sagt Kliem. Seine Hühner hält er in Ställen; Kliem spricht von Volieren, weil die Hühner sich auf verschiedenen Ebenen bewegen können. Es gibt sogar Wintergärten. Der Landwirt hofft, dass der Vogelgrippe-Erreger keine Chance hat, bis zu den Tieren vorzudringen.

          Er versorgt sie sogar mit eigenem Futter. Doch wenn sein Hof in einem Sperrbezirk läge, müsste Kliem den kompletten Verkauf und den Hofladen auf dem Grundstück schließen. Käme es zum Äußersten und würde auf dem Hof die Vogelgrippe ausbrechen, dann wäre die Existenz des Hofs mit seinen 50 Mitarbeitern bedroht. „Das könnten wir finanziell nicht verkraften“, glaubt Kliem. Da würde auch keine Ausgleichszahlung der Tierseuchenkasse helfen. Kliem hofft, dass alles gutgeht. Bisher spürt er keine Einbußen. Die 150 Gänse, die Kliem auch hat, sind fast alle schon für Kunden als Weihnachtsbraten reserviert, auch wenn die Tiere seit der Stallpflicht nicht mehr laut schnatternd auf einer Wiese herumlaufen dürfen. Kliem hat kurzerhand eine Maschinenhalle ausgeräumt und sie dort untergebracht. Den Vögeln gefällt das nicht. „Sie fressen weniger“, sagt Kliem, doch die Tiere werden ohnehin bald geschlachtet. Ihm macht ebenso wie Stark und Kröll eher Sorgen, dass die Vogelgrippe an Weihnachten noch längst nicht vorbei sein könnte.

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