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Visiere made in Hessen : Gebogene Plastikscheibe statt Stoffmaske

Durchblick: Eva Decher-Müller mit ihrem „Face Shield“, einem Spuckschutz aus Kunststoff Bild: Cabrera Rojas, Diana

Von Montag an gilt in Hessen die Maskenpflicht. Die meisten Träger nutzen bisher einen Nasen- und Mundschutz aus Stoff. Das Face Shield ist noch selten zu sehen. Heimische Hersteller hoffen aber, dass sich das bald ändert.

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          Wie schütze ich Mund und Nase? Diese Frage müssen sich jetzt alle stellen, die bisher ohne Gesichtsbedeckung unterwegs waren. Von Montag an schreibt auch Hessen im Kampf gegen das Coronavirus das Tragen von Mundschutz beim Einkaufen in Geschäften und beim Fahren mit Bus und Bahn vor. Wer sich nicht daran hält, muss mit einem Bußgeld von 50 Euro rechnen.

          Petra Kirchhoff
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Weil es kaum Mundschutz zu kaufen gibt, schon gar nicht solchen mit einer hohen Schutzstufe, der Ärzten und Krankenschwestern in den Kliniken vorbehalten ist, rattern seit Wochen in Unternehmen wie Privathaushalten die Nähmaschinen. Alle sind dabei, einfache Stoffmasken für den Alltag zu produzieren, die nach dem Urteil von Virologen zwar nicht den Träger vor einer Infektion schützen, aber zumindest die Infektionsgefahr für andere verringern, weil sie Tröpfchen beim Sprechen, Niesen oder Husten auffangen.

          An einem Band um den Kopf fixiert

          Mit Maske aus Stoff fällt auf der Straße inzwischen niemand mehr auf. Im Gegensatz dazu kennt man transparente Gesichtsvisiere, bei denen eine gebogene Scheibe an einem Band um den Kopf fixiert wird und das komplette Gesicht abschirmt, bisher allenfalls von medizinischem Personal im Fernsehen. Im Alltag begegnet man dem Plastikschutz bisher nur beim Zahnarzt oder im Geschäft, wenn Verkäuferinnen Scheiben aus Kunststoff als Gesichtsschutz tragen.

          Hersteller wie Thomas Pfaff, Geschäftsführer des Verpackungsunternehmens Seufert in Rodgau, glauben jedoch, dass sich das bald ändern wird. „Wir stehen gerade erst am Anfang“, sagt Pfaff. Normalerweise produziert sein Unternehmen transparente Kartons für Schokohasen und Nikoläuse. Nun laufen in der Woche Tausende von Plastikscheiben vom Band. Nächste Woche soll die Produktion auf 200.000 Stück hochgefahren werden. Bis zu 750.000 sind geplant.

          „Face Shield“ heißt das Produkt, an dem laut Pfaff Pflegedienste „reges Interesse“ zeigen. Auch mit Handelsunternehmen sei er in Kontakt. Die Masken sind laut Pfaff aus dem Kunststoff PET, den man von Getränkeflaschen kennt. Bei sorgfältigem Umgang erfüllten die Visiere, die Seufert bei Abnahmen von über 10.000 Stück für 1,50 Euro je Stück vertreibt, über einen längeren Zeitraum ihren Dienst. Für die Reinigung reiche ein Desinfektionsmittel.

          „Ein guter Spuckschutz“

          Gleich mehrere Vorteile sieht Pfaff für seine Gesichtsschilder: Sie schirmten nicht nur Nase und Mund, sondern auch die Augen ab. Dass das Gesicht komplett zu erkennen sei, sei für die Kommunikation nicht unwichtig. Der Unternehmer hält die Visiere für einen guten Spuckschutz bei Begegnungen mit anderen Menschen, zum Beispiel bei Arztbesuchen und beim Einkaufen im Supermarkt.

          Der Geschäftsmann bemüht sich um eine CE-Kennzeichnung seiner Visiere für den medizinischen Einsatz. Schon länger versucht Pfaff, eine Beurteilung von Virologen an der Uni Gießen und Frankfurt zu erhalten. Sogar Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité, den viele aus einem täglichen Corona-Podcast kennen, hat er angeschrieben, weil er vom Plastik-Schutz überzeugt ist.

          Täglich 2000 Gesichtsschilder

          Die ersten 20.000 waren jedenfalls „sofort weg“, sagt Pfaff. Weil die Nachfrage steigt, sollen die Masken demnächst auch über einen Online-Shop vertrieben werden, der gerade im Aufbau ist. Gesucht werden zudem Partner im Handel. In Frankfurt verkaufen zurzeit Betten Nöll und das Haushaltwarengeschäft Meder die Gesichtsschilde.

          Die Arno Arnold GmbH, Hersteller von Schutzabdeckungen im Werkzeugbau in Obertshausen, hat seit kurzem ebenfalls auf die Gesichtsmasken-Produktion umgestellt. Seither produziert das Unternehmen täglich 2000 Gesichtsschilder aus einem Material, dem Simone Weinmann-Mang eine „hohe mechanische Festigkeit“ und eine Temperaturbeständigkeit bis zu 130 Grad bescheinigt.

          Als einen Vorteil im Vergleich zu anderen Masken nennt die Geschäftsführerin ein integriertes Schweißband und die Möglichkeit, den Abstand der Scheibe zum Gesicht individuell einzustellen. Wegen der Qualität des Materials seien die Masken - sie heißen „Arnocare“ - etwas teurer. Das Unternehmen vertreibt sie in größeren Stückzahlen über einen extra eingerichteten Online-Shop für zehn Euro inklusive Mehrwertsteuer, allerdings nur an Geschäftskunden. Einzeln können die Visiere über einige Filialen der Optikerketten Abele in Offenbach und Hanau gekauft werden, ebenso über den Online-Shop von Optik-Abele, wo sie allerdings deutlich teurer sind.

          Unabhängig von der Frage, wie sich die Schilder unter der neuen Maskenpflicht durchsetzen werden, auf die Kundin, die bei Betten Nöll unter ihrer Stoffmaske schwitzt, macht die Schutzbedeckung der Verkäuferinnen Eindruck. Sie nimmt sofort eine mit, erntet beim ersten Einsatz in einem anderen Geschäft aber wenig Zustimmung. „Nie und nimmer“, sagt der Verkäufer. „Lieber bekomme ich Corona.“

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