https://www.faz.net/-gzg-ur1i

Wein : Violette Beeren und mehr Extrakt

Im Rheingau zu Hause: Riesling Bild: AP

Eine nahezu ausgestorbene Rebsorte ist nach Hessen zurückgekehrt: der „Rote Riesling“. Vom weitverbreiteten „Weißen Riesling“ unterscheidet sich die Rebsorte vor allem durch die rötliche Farbe der Beeren und den kräftigeren Geschmack.

          2 Min.

          Weinfreunde mögen Abwechslung, und Winzer experimentieren gern. Die Folge ist, dass im Rheingau auf 3100 Hektar Rebfläche neben den dominierenden Rebsorten Riesling (79 Prozent der Anbaufläche) und Spätburgunder (13 Prozent) etwa 100 andere Rebsorten angebaut werden.

          Oliver Bock
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Dazu zählen nicht nur deutsche Klassiker wie Silvaner und Müller-Thurgau, Portugieser und Kerner. Auch internationale Leitsorten wie Merlot und Cabernet Sauvignon und modische Trendsorten wie Sauvignon blanc und Grüner Veltliner werden nahe dem 50. Breitengrad kultiviert.

          Förderung einheimischer Sorten

          Mehr als 20.000 Rebsorten gibt es weltweit. In Deutschland sind rund 130 Traubensorten zur Verarbeitung als Wein zugelassen. Dass der Staat die Freiheit der Winzer beim Anbau von Rebsorten beschränkt, hat viele Gründe, doch die in Hessen geübte Praxis wird zunehmend liberaler. Das Weinbauamt in Eltville und die Forschungsanstalt in Geisenheim fördern zum Erhalt der genetischen Vielfalt vor allem die Pflanzung „autochthoner“, also alter und einheimischer Traditionssorten. Dazu gehören unter anderem Orleans und Weißer Heunisch, die das Rüdesheimer Weingut Georg Breuer seit wenigen Jahren in Rüdesheimer Lagen wieder anbaut.

          Mit Allendorf und Corvers-Kauter haben zwei Rheingauer Weingüter inzwischen auch einen Versuch mit Rotem Riesling begonnen, der im Gegensatz zum weitverbreiteten Weißen Riesling als „extraktreicher“ und deshalb kräftiger im Geschmack gilt. Den Namen verdankt er der rötlichen Beerenfarbe, die ohne Einfluss auf Weinfarbe und Geschmack bleibt. Anders als Spät- und Frühburgunder dürfen diese beiden Rieslingsorten aber auch ohne Zusatz synonym als „Riesling“ bezeichnet und auch miteinander in einer Cuvée gemischt werden.

          Als nach seiner Darstellung „erstes Weingut in Deutschland“ hat das Mittelheimer Weingut Dr. Corvers-Kauter im vergangenen Herbst die ersten Trauben Roter Riesling geerntet und das Ergebnis mit einem Mostgewicht von satten 122 Grad Oechsle zu einer „2006er Oestricher Kloster Auslese“ ausgebaut. Winzer Matthias Corvers beschreibt den Wein als „Granate“ und als „im Geschmack sehr volumenreich, der beim Verkosten Gedanken an Birnen und Quitten aufkeimen lässt“. Im hohen Extraktgehalt sieht er das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zum Weißen Riesling. Beim Ertrag gebe es dagegen wenig Unterschiede.

          „Lebendige Geschichte“

          Seit dem Jahr 1996 experimentiert das Fachgebiet für Rebenzüchtung und Rebenveredlung der Forschungsanstalt Geisenheim mit Professor Ernst Rühl an der Spitze mit der Rebsorte. Laut Weinbauamt ist sie seit 2002 amtlich klassifiziert und kann in Hessen frei angebaut werden. Neben Allendorf und Corvers versuchen sich demnach noch zwei Weingüter an der Hessischen Bergstraße auf zusammen mehr als einem Hektar an dieser Rebsorte.

          Vor drei Jahren setzte Corvers auf einem Viertel Hektar Rebfläche 850 Rebstöcke in den tiefgründigen Lössboden des „Oestricher Klosterbergs“. Corvers will die Anbaufläche noch weiter ausweiten, denn Weine aus autochthonen Rebsorten lägen im Trend.

          Rühl ist aber überzeugt, dass der Rote Riesling vorerst ein Nischen- und Marketingprodukt im Rheingau bleiben wird. Aus Sicht der Forschung sei es sinnvoll, Rebsorten wie diese auch in der Praxis zu nutzen, anstatt ihr genetisches Erbe lediglich auf Versuchsweinbergen zu bewahren: „Das ist auch lebendige Geschichte.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.