https://www.faz.net/-gzg-p9ie

Verkehr : Nadelöhr für 100.000 Autos: Die Großbaustelle auf der A66

  • Aktualisiert am

Künftig dreispurig: A 66 bei Hattersheim Bild: F.A.Z.

Michael Antenbrink, der Klügere, gibt nach. Mit wehender Krawatte flieht er im Laufschritt vor einem Baustellenlaster, der stoisch auf ihn zurast. Dort an der Baustelle an der A 66, wo täglich 100.000 Autos vorbeigeschleust werden müssen.

          2 Min.

          Michael Antenbrink, der Klügere, gibt nach. Mit wehender Krawatte flieht er im Laufschritt vor einem Baustellenlaster, der stoisch auf ihn zurast. Als stellvertretender Leiter des Frankfurter Amtes für Straßen- und Verkehrswesen dürfe er eigentlich gar nicht sehen, wie "wild" die Arbeiter auf der Baustelle führen, sagt er. Tatsächlich verlangt der Ausbau der Autobahn 66 zwischen dem Wiesbadener Kreuz und dem Krifteler Dreieck von den Verantwortlichen vor allem eines: auf unerwartete Situationen schnell zu reagieren.

          "Wir planen nie sehr weit voraus, sondern warten das aktuelle Baugeschehen ab." Um täglich 100.000 Fahrzeuge sicher an der Großbaustelle vorbeizuschleusen, arbeiten die Verkehrsplaner mit aufwendigen Provisorien. Manche Spuren werden asphaltiert und nach nur zwei Wochen wieder gebrochen, heiß gemacht und an anderen Stellen neu verlegt - für viel Geld. Außerdem müssen die im Boden verankerten Fahrbahnabsperrungen angepaßt werden. Rund zehn Prozent des Budgets - immerhin neun Millionen Euro - würden allein dafür ausgegeben, daß der Verkehr während der Arbeiten weiter fließe, erklärt Antenbrink. Die andere Möglichkeit, eine dauerhafte Vollsperrung, sei volkswirtschaftlicher Unsinn. "Die Schäden für die gesamte Wirtschaft wären größer als unsere Kosten."

          So wird der Ausbau zu einer Gratwanderung. Schnell sollen die neuen Spuren fertiggestellt werden, die großflächigen Arbeiten aber gleichzeitig möglichst wenige Behinderungen verursachen. Wenn die Autobahn doch gesperrt werden muß, dann nur für kurze Zeit, etwa für ein Wochenende, um eine Brücke abzureißen.

          Dank dieser Bemühungen ist die Baustelle nach Meinung Antenbrinks nicht die Verkehrsbremse, als die sie auf den ersten Blick erscheint. Während der Stoßzeiten sei auf Höhe der Arbeiten zwar jeden Morgen Stau, "aber bevor wir angefangen haben, war das auch schon so". Ebenso viele Spuren wie zuvor sind momentan befahrbar, zwei auf jeder Seite. Nur die Spurbreite ist baustellenbedingt auf 2,50 Meter verringert worden. Damit es nicht zu Unfällen kommt, darf höchstens 60 Stundenkilometer schnell gefahren werden.

          Den jetzigen, ersten Abschnitt zwischen dem Krifteler Dreieck und der Tankstelle Weilbach wollen die Verantwortlichen bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2006 fertiggestellt haben. Drei Spuren auf jeder Seite soll die Autobahn künftig haben. In einer zweiten Phase wird nach dem sportlichen Großereignis die Strecke zwischen Hofheim und dem Wiesbadener Kreuz ausgebaut und in den Jahren 2006 bis 2008 schließlich auch das Teilstück zwischen der Tankstelle Weilbach und Hofheim sowie das Krifteler Dreieck.

          Warum es vier Jahre dauert, 8,4 Kilometer Autobahn zu asphaltieren, versteht erst, wer die verschiedenen Materialschichten im Querschnitt betrachtet. Bei Hattersheim wird momentan ein ganzer Hügel abgetragen, um die neue Fahrspur fünf Meter tieferzulegen. Die Erde von dort wird gesiebt, sortiert und je nach Qualität für das neue Fundament wiederverwandt. Ist der Untergrund bereitet, folgt der Belag. Drei Schichten aus Asphalt, mit unterschiedlich hohen Anteilen recycelten Materials aus der alten Fahrbahn, werden mit hoher Temperatur aufgetragen und verdichtet. Rund 80 Zentimeter dick ist die neue Fahrbahn. Nur so kann sie den Winter überstehen, ohne zu reißen. An ihren Seiten werden Röhren verlegt, durch die das Regenwasser in Rückhaltebecken abseits der Straße fließt. Öl- und Gummirückstände werden abgeschieden, das Wasser wird Bächen und Flüssen zugeleitet.

          Daß beim Asphaltieren der Straße alles glattgeht, ist für Antenbrink keine Frage. Doch es sind noch viele andere Herausforderungen zu meistern, etwa am nächsten Samstag, wenn ein Schwertransporter fertige Brückenteile anliefert. Dann sind logistisches Geschick und vor allem wieder Schnelligkeit gefordert. Denn die nötige Vollsperrung soll Intervalle von 15 Minuten nicht überschreiten. JUSTUS BENDER

          Weitere Themen

          Mehr als die Summe seiner Teile

          Ausstellung „2-gather“ : Mehr als die Summe seiner Teile

          Experiment mit offenem Ausgang: Die Ausstellung „2-gather“ im Neuen Kunstverein stellt die Arbeiten von fünf Künstlerinnen nebeneinander. Die Kontraste sorgen für ungeahnte Überraschung.

          Der neue alte Goetheturm Video-Seite öffnen

          Er steht wieder : Der neue alte Goetheturm

          Nach einem Brandanschlag im Jahr 2017 wurde der Goetheturm in Frankfurt nun wieder errichtet. Der neue Turm soll diesmal robuster sein und somit auch Feuer standhalten können.

          Trippelschritte zur Autofreiheit

          Brauchbachstraße in Frankfurt : Trippelschritte zur Autofreiheit

          Die Zahl der Parkplätze an der Braubachstraße in Frankfurt wird um zwei Drittel verringert. Stattdessen gibt es Abstellbügel für Räder und mehr Platz für die Gastronomie. Ist das wegweisend für andere Innenstadtstraßen?

          Topmeldungen

          Wiederaufbau in Beirut : Wer will schon das libanesische Monopoly-Geld?

          Die Bewohner Beiruts müssen nach der Explosionskatastrophe einen Wiederaufbau unter extremen Bedingungen bewerkstelligen. Manche hoffen, der innere und äußere Druck werden die korrupte politische Klasse zu Reformen bewegen.

          Neuer und Flick mahnen : Die gefährliche Lage beim FC Bayern

          Vor den entscheidenden Spielen in der Champions League herrscht beim FC Bayern große Zuversicht. Doch es gibt auch kritische Töne. Torhüter Manuel Neuer äußert sich derweil zu seinem umstrittenen Urlaubsvideo.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.