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Verkehr : Die Furcht vor den Krachmachern

Bild: F.A.Z.

Lastwagenfahrer weichen auf Bundesstraßen aus - um die Maut zu umgehen, heißt es. Bewiesen hat das aber bisher niemand. Es wird gezählt, geraten und über Maßnahmen gegen die „Mautflucht“ nachgedacht.

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          Großes Lamentieren im Lande Hessen und anderswo: Die Brummis marschieren ein. Eine Invasion von Stinkern und Krachmachern, die unsere schönen Landstraßen verstopfen, uns mit ihrem Lärm den Schlaf rauben, mit ihren Abgasen unsere Gesundheit ruinieren. Behaupten jedenfalls Anwohner von Bundesstraßen im Norden, Süden, Osten und Westen des Bundeslandes. Worauf immer die Aufforderung folgt, der Staat, die Behörden müßten unverzüglich eingreifen.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor einigen Wochen hat eine Verkäuferin aus Jesberg (Schwalm-Eder-Kreis) mitgezählt, als sie auf der B3 nach Marburg fuhr. 38 Lastwagen seien ihr in kurzer Zeit entgegengekommen, gab sie zu Protokoll: „Da habe ich richtig Angst gehabt.“

          Eine Tankstellenbesitzerin in Gilserberg an der B3 Borken-Marburg schätzt die Zunahme des Lastwagenverkehrs seit Einführung der Maut auf 20 bis 30 Prozent. Sie glaubt, das an dem Anstieg ihrer Umsätze ablesen zu können. Thorsten Herrmann, Bürgermeister im südhessischen Bensheim, berichtet von der Klage eines direkt an der B3 wohnenden Bürgers: Der Lastwagenverkehr habe „dramatisch“ zugenommen.

          Die Autobahn ersetzt das Lagerhaus

          Eigentlich kann das alles nicht stimmen - glaubt man Claus Herzig, dem Vorstandsvorsitzenden des Fachverbandes „Güterkraftverkehr und Logistik Hessen“. Als Spediteur mit einem Unternehmen in Eichzell bei Fulda weiß Herzig zu rechnen. Muß er auch, um im umkämpften Transportmarkt bestehen zu können.

          Herzig läßt keinen seiner Lastwagenfahrer von der Autobahn abfahren, um dem Betrieb die Maut zu ersparen. Lohnt sich nicht, behauptet er. Der Zeitverlust sei viel zu hoch, stehe in keinem Verhältnis zur Mautersparnis. Wer zu spät abliefere, müsse Vertragsstrafe zahlen oder verliere den Auftrag. Schließlich produziere die deutsche Industrie „just in time“, will heißen: Die Autobahn ersetzt das Lagerhaus, die Teile werden angeliefert, kurz bevor sie gebraucht werden.

          Allgemeine Verkehrszunahme

          Dennoch behaupten Bürger vielerorts in Hessen, sie seien Opfer einer massenhaften Mautflucht. Allüberall scheinen sich die Brummis wie die Karnickel vermehrt zu haben. Das stimmt auch, wenn man die Gesamtentwicklung betrachtet. Es fahren mehr Lastwagen auf Hessens Straßen, seit die osteuropäischen Länder zur EU gestoßen sind, seit immer mehr „just in time“ produziert wird. Aber auch, weil jede Gemeinde mittlerweile ein Gewerbegebiet ausgewiesen hat - auch jene fern der Autobahnen. Gewerbeansiedlung bedeutet immer aber auch Lastwagenverkehr.

          Schwer zu sagen, ob die jeweilige Zunahme des Schwerlastverkehrs auf bestimmten Strecken dieser allgemeinen Verkehrszunahme geschuldet ist oder der Mautflucht. Belastbare Zahlen liegen jedenfalls nicht vor. Deshalb wird jetzt zuerst einmal gezählt - im Kleinen und im Großen.

          „Dramatische Zunahme“ verflüchtigt sich

          Im Kleinen an der Bergstraße. Dort haben Bensheims Bürgermeister Herrmann und seine Kollegen aus den Orten Alsbach-Hähnlein, Bickenbach und Zwingenberg vier ultramoderne Zählstellen an der B3 eingerichtet. Daraufhin hat sich wundersamerweise die „dramatische Zunahme“, von der besagter Anwohner berichtete, seinen Angaben zufolge verflüchtigt.

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