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Verkehr : Auf sechs Spuren über den Rhein

Die Schiersteiner Rheinbrücke: Spätestens in sechs Jahren soll mit dem Neubau begonnen werden Bild: F.A.Z. - Sick

Die Schiersteiner Autobahnbrücke verbindet Mainz und Wiesbaden. Laut Gutachten ist sie „nur noch bis 2015“ haltbar. Ein Neubau soll die marode Brücke ersetzen - zum Ärger von Naturschützern.

          Auf die Arbeit seiner Vorgänger lässt Franz Eckhardt nichts kommen. Die in den fünfziger Jahren entworfene Schiersteiner Rheinbrücke, die Mainz und Wiesbaden verbindet, sei ein Meisterstück, meint der beim Hessischen Landesamt für Straßen und Verkehrswesen tätige Abteilungsleiter: „Auch wenn man auf diese Weise heute nicht mehr bauen würde.“

          Markus Schug

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Mainz und für den Kreis Groß-Gerau.

          Schließlich wurde die aus sechs Einzelbrücken zusammengesetzte, 1282 Meter lange Flussquerung zu Zeiten entwickelt, als eine Maximalbelastung von bis zu 10.000 Fahrzeugen am Tag realistisch erschien. Mittlerweile passieren innerhalb von 24 Stunden mehr als achtmal so viele Autos und Lastwagen das trotz aufwendiger Sanierung stark geschädigte Stahl- und Spannbetonbauwerk – das von Gutachtern deshalb vorsorglich mit dem Haltbarkeitsvermerk „nur noch bis 2015“ versehen wurde.

          Starke Belastung durch LKW-Verkehr

          Zur Schonung der Schweißnähte, Lager und Verstrebungen gilt auf der A 643 zwischen Mombach und Schierstein seit Frühjahr Tempo 60. Von einem ruhigen Verkehrsfluss kann dennoch keine Rede sein, weil sich im Berufsverkehr lange Schlangen bilden – etwa vor der Abfahrt zur A 66 nach Frankfurt. Und die immer wieder anfahrenden Lastwagen bringen das Bauwerk ein ums andere Mal zum Schwingen. Spätestens in sechs Jahren soll mit dem Neubau begonnen werden. Geplant ist, zwei nebeneinanderstehende Brückenhälften zu errichten, die jeweils über drei Fahrspuren verfügen sollen-

          Dafür müsste das im Bundesverkehrwegeplan bisher in der Kategorie „weiterer Bedarf“ geführte, rund 200 Millionen Euro teure Autobahnprojekt möglichst bald in den „vordringlichen Bedarf“ aufgenommen werden. Die Chancen dafür stehen nach Ansicht der Mainzer Bundestagsabgeordneten Ute Granold (CDU) nicht schlecht, weil sich Rheinland-Pfalz und das bei dem Vorhaben federführende Hessen einig seien. Außerdem sei in den aktuellen Beratungen zum Bundeshaushalt zu erkennen, dass der Verkehrsetat aufgestockt werden solle.

          Selbst Umweltverbände geben zu, dass die vierspurige Rheinbrücke in die Jahre gekommen ist. Allerdings wäre es ihnen lieber, wenn das marode Bauwerk abermals repariert werden könnte – so wie zuletzt Ende der neunziger Jahre für mehr als 20 Millionen Euro. Denn durch die nun erwogene Verbreiterung der Trasse und den zudem geplanten sechsspurigen Ausbau der sich anschließenden A 643 in Richtung Mainz-Finthen würden mehrere besonders schützenswerte Naturreservate gefährdet. Wie Jürgen Weidmann vom Arbeitskreis Umwelt Mombach bei einer vom Landtagsabgeordneten Gerd Schreiner (CDU) am Wochenende in Mainz geleiteten Diskussionsrunde erklärte, wären mit dem Mainzer Sand, dem Mombacher Rheinufer und der Rettbergsaue gleich drei sogenannte Flora-Fauna-Habitat-Gebiete betroffen, die nicht ohne Grund auf höchster europäischer Ebene geschützt seien.

          Umbau auf Kosten der Umwelt

          Die Um- und Ausbaupläne gehen nach Weidmanns Meinung zu Lasten der Weißstörche und Schwarzmilane, denen der Fluss Rückzugsräume biete, aber auch auf Kosten von Adonisröschen, Küchenschelle und blaugrünem Schillergras, die man im Mainzer Sand keine fünf Meter von der Autobahn entfernt finde. Dort soll unter anderem geprüft werden, ob im Zuge der beabsichtigten A-643-Verbreiterung nicht zusätzlich Landschaftsbrücken zu schaffen seien, damit Mensch und Tier auf etwa 50 Meter breiten, allerdings auch mehrere Millionen Euro teuren Verbindungsstücken von der einen auf die andere Seite des Lennebergwaldes wechseln könnten. Womit nach Ansicht der Stadt die 1962 von den Autobahnplanern vorgenommene Zerschneidung des Naherholungsgebietes nachträglich zumindest ein wenig zu korrigieren wäre. „Es kann bei einem solchen Großprojekt ja auch nicht die einzige Frage sein, wie ich am schnellsten von Mainz nach Frankfurt komme“, sagte Weidmann, der auf die am Wegesrand zu bewahrenden „Naturschätze“ verweist.

          Zehn Architektur- und Ingenieurbüros haben bei der Hessischen Straßenbauverwaltung ihre Entwürfe für die neue Schiersteiner Brücke abgegeben; im Dezember soll eine Jury die Preisträger benennen. Dabei sei von vornherein ausgeschlossen, jeweils nur eine Hälfte der Brücke zu sperren und „streifenweise unter Verkehr“ zu arbeiten, erklärte Eckhardt. Denn das aus Stahl und Betonplatten bestehende Gebilde sei einst quer verspannt worden. Wenn man die Stahlseile in der Mitte durchschneiden würde, verlöre die gesamte Konstruktion ihren Halt. Deshalb soll von 2013 an zunächst flussabwärts die erste Hälfte der neuen Brücke hochgezogen werden. Danach könnte von 2015 an die alte weitgehend beseitigt werden. Im günstigsten Fall ließe sich auf ihren im Fluss stehenden Fundamenten und Pfeilern später die zweite Brückenhälfte plazieren.

          Mit dem vom Bund zu finanzierenden Neubau, für den derzeit die Umweltverträglichkeitsstudie erstellt wird, solle kein „Flaschenhals“ geschaffen werden, versprechen Verkehrspolitiker beiderseits des Rheins. Letztlich müsse der „Mainzer Ring“ vollständig sechsspurig ausgebaut werden. Um die bis dato noch üblichen Staus an den Auf- und Abfahrten der A 60 zu vermeiden, seien zudem die aus Bingen und Kaiserslautern kommenden Zubringerautobahnen auf den letzten Kilometern vor der Stadt entsprechend zu erweitern. Der Abschnitt des Rings zwischen Weisenauer Brücke und Autobahnkreuz Mainz-Süd wird schon seit 2001 für rund 127 Millionen Euro verbreitert; das Ende dieser Arbeiten ist für 2010 angekündigt. Auf der hessischen Seite des Stroms soll die Strecke bis zum Mainspitzdreieck ebenfalls ausgebaut werden. Damit in Zukunft auf beiden bei Mainz über den Rhein führenden Autobahnen alles im Fluss ist.

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