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Verdichtung in Wiesbaden : „Neues Wohnzimmer“ für Schelmengraben

  • -Aktualisiert am

Zimmer mit Aussicht: Von den Hochhäusern im Wiesbadener Stadtquartier Schelmengraben blicken die Mieter noch auf viele Grünflächen. Bild: Marcus Kaufhold

Ein Stadtteilzentrum, welches neu gebaut wird, soll das Quartier aufwerten. Das soll auch die geplante Nachverdichtung. Bei den Bewohnern ist sie jedoch umstritten.

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          Fünf bunte Schafe aus Beton stehen auf der Wiese vor den Mehrfamilienhäusern an der Karl-Marx-Straße im Schelmengraben. Die Farbe auf den Skulpturen ist teilweise abgeplatzt; sie sehen abgenutzt aus. Es müsste sich jemand um sie kümmern und ihnen einen frischen Anstrich verpassen. Damit geht es den Schafen wie dem rund 6000 Einwohner zählenden Stadtquartier, mit dem Unterschied, dass die Verantwortlichen der Stadt Wiesbaden nun begonnen haben, den Schelmengraben aufzuwerten – auch wenn nicht alle damit einverstanden sind.

          Großer Bahnhof an der Baustelle für das neue Stadtteilzentrum: Mit Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD), Sozialdezernent Christoph Manjura (SPD) und Stadtentwicklungsdezernent Hans-Martin Kessler (CDU) sind vor kurzem drei Magistratsmitglieder gekommen, um den ersten Spatenstich für den knapp 9,4 Millionen Euro teuren Neubau zu führen. Etwa zwei Drittel der Kosten zahlen Land und Bund. Es sei ein „guter Tag“ für den Schelmengraben, der ein „neues Wohnzimmer“ erhalte, sagt Manjura, und Gerich kündigt an: „Hier tut sich in den nächsten Jahren eine ganze Menge.“

          Das scheint in der Tat notwendig, denn das Quartier gehört zu Wiesbadens Problemvierteln. Die Arbeitslosigkeit ist mit etwa 14,4 Prozent fast doppelt so hoch wie im Rest der Stadt. Rund ein Viertel der Bewohner lebt von Hartz IV, und gut 70 Prozent der Menschen weisen einen Migrationshintergrund auf. Der Ausländeranteil beträgt 28,2 Prozent, weitere 15,9 Prozent sind Spätaussiedler. Zum Vergleich: Der Anteil der Ausländer in Wiesbaden beträgt 20,6 Prozent, der der Spätaussiedler 3,8 Prozent.

          Anlaufstelle für hilfsbedürftige Menschen

          Das neue Stadtteilzentrum, das 2020 fertig sein soll, hat die Aufgabe, das marode Vorgängergebäude aus den achtziger Jahren zu ersetzen. Der Neubau wird drei Stockwerke haben, einen Bürgersaal, einen Familien- und Kinderraum, einen Jugendtreff sowie weitere Gruppenräume für Kulturinitiativen. Bauherr ist das Amt für soziale Arbeit, das die Hauptaufgabe des neuen Zentrums erklärt. Es soll die Anlaufstelle für Menschen in dem Quartier sein, die Hilfe benötigen. Wenn die Gesellschaft Kitt braucht, der sie zusammenhält, ist das Stadtteilzentrum die Werkstatt. Aus diesem Grund wird auch das existierende Stadtteilzentrum bis zur Fertigstellung des Neubaus offen gehalten.

          Der Schelmengraben steht vor erheblichen Veränderungen. Die Stadt möchte das Quartier „nachverdichten“. Laut Gerich sind derzeit 650 neue Wohnungen angedacht. Diese sollen ausschließlich auf den Grundstücken der Wohnungsbaugesellschaft mbH Hessen (GWH) entstehen, die mit knapp 2150 Wohnungen schon jetzt der mit Abstand größte Vermieter in dem Quartier ist. Daher, so Manjura, wird die GWH auch die neuen Wohnungen bauen.

          Abgenutzt: In der Siedlung müsste einiges hergerichtet werden. Bilderstrecke

          Noch vor zwei Monaten hatte die Stadtspitze die Gesellschaft dafür kritisiert, dass sie etwa der Hälfte der Bewohner die Miete um bis zu 15 Prozent erhöht hatte. Laut Gerich und Manjura müssten die Menschen in dem Quartier nun einen überdurchschnittlich hohen Anteil ihres Einkommens für die Wohnung aufwenden. Sie forderten, komplett auf die Mieterhöhung zu verzichten. Dieser Forderung kam die Wohnungsbaugesellschaft nicht nach.

          Widerstand gegen Nachverdichtung

          Die Stadt hat keine Möglichkeit, auf die GWH Einfluss zu nehmen, weil diese der Landesbank Hessen-Thüringen gehört. Daher hat die Stadt ihre Bemühungen, die Mieten der GWH zu begrenzen, erst einmal aufgegeben, wie Manjura am Rande des Spatenstiches mitteilt. Die städtische Zurückhaltung mag auch damit zu tun haben, dass die Stadt auf die GWH angewiesen ist. In der nächsten Zeit werden Gespräche darüber geführt, wer die soziale Infrastruktur im Schelmengraben finanziert, die durch den Bau der 650 neuen Wohnungen – ursprünglich waren sogar 1000 geplant – notwendig wird.

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