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Verbrechen : Späte Überführung durch Handflächenabdruck

  • -Aktualisiert am

Wertvoller Schmuck: Diebesgut von Jörg W.? Bild: Michael Kretzer

1986 soll Jörg W. im Wiesbadener Nerotal die Rentnerin Traude Pagenstecher ermordet haben. Nachdem der Beschuldigte im Februar 2008 wegen eines Betrugsdelikts erkennungsdienstlich behandelt worden war, hat man ihm eine vor 22 Jahren an Trude Pagenstechers Bettgestell gesicherte Handspur zuordnen können.

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          Der kräftig wirkende Mann auf der Anklagebank ist 51 Jahre alt, schütteres Haar, kurz geschorener Oberlippen- und Kinnbart. Vor 22 Jahren, in der Nacht vom 27. zum 28. November 1986, soll Jörg W. im Wiesbadener Nerotal die Rentnerin Traude Pagenstecher ermordet haben. 29 war er da und hatte schon ein stattliches Vorstrafenregister. Betrügereien, Unterschlagung, Urkundenfälschung, keine Gewalttaten. Gerichte verhängten immer wieder Bewährungsstrafen, die irgendwann widerrufen werden mussten. Bis heute summieren sich seine verbüßten Haftstrafen auf rund acht Jahre.

          Am Abend des 27. November 1986, W. befand sich wieder einmal auf freiem Fuß, soll er in einer Gaststätte in Frankfurt zufällig mitbekommen haben, dass bei Traude Pagenstecher „etwas zu holen“ sei. Laut Anklage bestellte er sich ein Taxi und ließ sich nach Wiesbaden ins Nerotal fahren. Die 67 Jahre alte ehemalige Lehrerin lebte dort allein mit ihrem Mops in einem Bungalow; ihr Mann war zwei Jahre zuvor gestorben.

          Handspur am Bettgestell

          Die Frau muss sich entweder schon schlafen gelegt oder aber beabsichtigt haben, ins Bett zu gehen, als jemand an der Haustür klingelte. Der Anklage zufolge trug sie jedenfalls bereits ein Nachthemd, als sie dem Fremden öffnete, der sie sofort mit Schlägen und Tritten traktiert haben soll, um ihren Widerstand zu brechen. In ihrem Schlafzimmer hat der Täter der Frau dann mit einer dünnen Strickjacke die Hände auf dem Rücken gefesselt, ihr die Augen mit einer Strumpfhose verbunden und sie mit einer weiteren Strumpfhose geknebelt. Dabei ging er laut Anklage derart brutal vor, dass sein Opfer erstickte, „was der Angeklagte wusste und wollte“.

          Des mutmaßlichen Täters habhaft werden konnte die Polizei nach so langer Zeit nur, weil im Automatisierten Fingerabdruckidentifizierungssystem seit dem Jahr 2005 auch Handflächenspuren gespeichert werden. Nachdem der Beschuldigte im Februar wegen eines abermaligen Betrugsdelikts in Fulda erkennungsdienstlich behandelt worden war, hat man ihm eine vor 22 Jahren an Trude Pagenstechers Bettgestell gesicherte Handspur zuordnen können.

          Wertvolle Schmuckstücke

          W., der sich vor der 2. Großen Strafkammer am Wiesbadener Landgericht wegen Mordes verantworten muss, weil er die Frau aus Habgier getötet haben soll, wollte dazu keine Angaben machen. Im Mai soll er die Tat aber Ermittlungsbeamten des Hessischen Landeskriminalamts gestanden haben. Mit dem Handflächenabdruck konfrontiert, habe W. spontan mit den Worten „das haut mich um“ reagiert, berichtete einer der Beamten als Zeuge vor Gericht. Kurz darauf sei er zusammengebrochen und habe unter Tränen gestanden, dass ihn die Tat seit Jahren verfolge und er ständig das Bild seines Opfers vor Augen habe.

          Was genau er aus dem Bungalow gestohlen hat, konnte nicht geklärt werden. Die Rede war von einem kleineren Geldbetrag und zahlreichen wertvollen Schmuckstücken. Eine mit Traude Pagenstecher befreundete Nachbarin schilderte sie dem Gericht als liebenswürdige, den Menschen zugewandte Person. Der heute 85 Jahre alten Frau war seinerzeit aufgefallen, dass im Haus Pagenstecher mittags noch die Gardinen zugezogen waren, Getränkekästen vor dem Haus standen und die Zeitung im Briefkasten steckte. Sie besaß einen Zweitschlüssel – und fand die Tote gefesselt in ihrem Schlafzimmer.

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