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Fragen aus Brüssel : Die Schulmilch und die Eltern

Milch macht munter: Berliner Schüler gönnen sich 1993 einen Schluck aus der Pulle. Bild: Imago

In Deutschland wird Schulmilch subventioniert. Damit das so bleibt, sollen Eltern nun an einer Umfrage zum eigenen Milchkonsum teilnehmen. Was genau das bringt, ist nur schwer nachvollziehbar.

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          Zahlreiche Eltern von Schulkindern in Hessen haben Post vom Ministerium für Verbraucherschutz bekommen. In dem zehn Seiten umfassenden Schreiben geht es um eine Umfrage zum Schulmilch-Konsum. Auf den ersten Blick mutet das nicht sehr spannend an. Schließlich gehörte Schulmilch jahrzehntelang zum Alltag. Da muss es einem auch nicht komisch vorkommen, dass der Sohn oder die Tochter den Brief aus der Schule mitgebracht hat. Nach Lektüre von Anschreiben und Fragen, die nach Angaben des Ministeriums sämtliche hessischen Schulen erhalten haben, ändert sich das Bild allerdings.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wie es darin heißt, beteiligt Hessen sich am Schulmilchprogramm der Europäischen Union (EU), um „einen Beitrag zur Herausbildung gesunder Ernährungsgewohnheiten zu leisten“. Das Programm erlaubt es, Mädchen und Jungen in Kindergärten und Schulen verbilligt Milch und Milchprodukte anzubieten. Allerdings will die EU wissen, wie dieses Angebot angenommen wird und ob es zu den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen passt. Um das herauszufinden, hat das Verbraucherschutzministerium mit Priska Hinz (Die Grünen) an der Spitze das Institut für Ernährungswirtschaft in Kiel mit der Umfrage an alle Schulen im Land beauftragt.

          Umfrage zur Schulmilch läuft

          Die Umfrage zur Schulmilch läuft, weil die entsprechende EU-Verordnung fortlaufende Erhebungen vorsieht, wie es in Wiesbaden heißt. Sie sind demnach auch Grundlage für die Förderung aus Brüssel. Die Antworten sollen mit Angaben aus Einrichtungen verglichen werden, in denen Milchprodukte nicht mit Geldern der EU gefördert werden. Dreh- und Angelpunkt der Umfrage: „Sie werden gefragt, in welcher Menge Sie in der letzten Zeit Milchprodukte verzehrt haben“, heißt es im Anschreiben an die Eltern. An dieser Stelle mag der eine oder andere Elternteil aufmerken. Was haben Mütter und Väter mit Schulmilch zu tun? Wie das Ministerium erläutert, geht es auch um die Frage, ob der Schulmilchkonsum ihrer Kinder ihre Ernährungsgewohnheiten beeinflusst habe. Es verweist dazu auch auf eine Leitlinie des Bundesagrarministeriums.

          Im Einzelnen wollen die Kieler wissen, wie oft die Eltern in den vergangenen vier Wochen Milch zu sich genommen haben, auch in Müsli oder im Kaffee. Ob es weniger als ein halbes Glas war oder die achtfache Menge etwa. Ob sie Vollmilch bevorzugen oder fettverminderte Produkte. Fragen nach dem gleichen Muster beziehen sich auch auf Milchmischgetränke wie auf Frischkäse und Hartkäse sowie Quark und Joghurt. Stets geht es um die Menge in einem gewissen Zeitraum.

          Konsumverhalten der Eltern beeinflusst Kinder

          Ergänzend zu den Fragen zum Konsum werden die Eltern gebeten zu verraten, wer den Fragebogen ausgefüllt hat, ob er oder sie alleinerziehend ist, ob die Muttersprache Deutsch ist und falls nicht, was sonst. Außerdem interessieren sich die Forscher für den höchsten Bildungsabschluss im jeweiligen Haushalt und das verfügbare Einkommen je Monat. Zur Begründung heißt es in Wiesbaden: „Ernährungsgewohnheiten stehen in sehr engem Zusammenhang mit der sozioökonomischen Stellung der Eltern.“

          Nicht zuletzt fragen die Kieler, ob die Eltern regionale Lebensmittel kaufen, wie oft sie Obst und Gemüse essen und wie zufrieden sie mit dem etwaigen Schulmilchangebot in der Schule oder in Kindertagesstätte sind, die ihr Nachwuchs besucht. Fragen zum Milch-, Käse- oder Joghurtkonsum der Kinder? Fehlanzeige. Welchen Sinn haben aber diese Fragen, wenn es um die Evaluierung des Schulmilchprogramms geht? „Da Konsumverhalten, Wissen und Präferenzen mit der Sozialstruktur verbunden sind, werden entsprechende Angaben abgefragt, um die von der EU geforderten Folgerungen für das Schulprogramm ableiten zu können“, heißt es aus dem Ministerium.

          Hinter der Umfrage stehe die Annahme, die Eltern beeinflussten das Konsumverhalten der Kinder, sagt die Sprecherin von Hinz auf Nachfrage. Viele Eltern wissen aber zu berichten, dass ihr Nachwuchs im Zweifel eben nicht das isst und trinkt, was Mutter oder Vater so mögen. Vor diesem Hintergrund stellt sich zudem die Frage: Welchen Nutzen hat es für die Evaluierung des Schulmilchprogramms, wenn etwa der Vater sich strikt vegan ernährt und auf Milch sowie Milchprodukte verzichtet, allerdings die Fragen beantwortet, während seine Frau und die Kinder traditionelle Kost bevorzugen?

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