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Unwort des Jahres : Wenn der „Führer“ kein Bärtchen trägt

  • -Aktualisiert am

Kopfsache: Adolf Hitler, wie Andreas Zierhut ihn sich heute vorstellen würde (Copyright Deutsches Historisches Museum). Bild: Michael Kretzer

Zwischentöne statt Parolen: Zehn Darmstädter Fotografen setzen sich mit dem Unwort des Jahres 2016 auseinander - „Volksverräter“. Zu sehen an der Technischen Universität.

          Das menschliche Bildgedächtnis ist leicht manipulierbar. Adolf Hitler beispielsweise erkennt jeder, wenn er sein Bärtchen trägt und in Lederhose oder im Feldherrenmantel abgebildet wird. Was aber, wenn der „Führer“ glatt rasiert ist, sein Haar wie eine Tolle nach oben gekämmt hat und in einem modischen Anzug und einem weißen Hemd steckt? Dann würde ihn mit großer Wahrscheinlichkeit selbst der fanatischste Nazi-Anhänger auf einer Dresdner Pegida-Demonstration übersehen.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Andreas Zierhut hat auch Joseph Goebbels dekonstruiert, indem er eine historische Bildvorlage modernisierte. Der Herr Propagandaminister sieht mit Brille, Schlips und Kragen jetzt aus wie der jüngere Bruder von Horst Tappert oder so langweilig-korrekt wie ein Finanzbeamter. Die beiden bekanntesten Repräsentanten des „Dritten Reichs“ hängen seit gestern nebeneinander im Kunstforum der Technischen Universität Darmstadt als Visualisierung des Unwortes von 2016: „Volksverräter“.

          Unwort-Fotografen folgen zwei festen Regeln

          Zierhut ist einer von jenen zehn Darmstädter Berufsfotografen, die sich seit 2004 darum bemühen, das jeweilige Unwort fotografisch in Szene zu setzen. Jedes Jahr wurde ihr Versuch, diffamierenden Sprachgebrauch und seine Folgen dem Auge zu vermitteln, an anderen Orten gezeigt. Erstmals ist die Schau zum Unwort des Jahres im Kunstforum der Universität zu sehen. Wie Kuratorin Julia Reichelt sagt, sei das Forum dafür der richtige Ort: „Wir haben uns ja vorgenommen, für die Vorgänge des öffentlichen Leben zu sensibilisieren und sie mit künstlerischen Mitteln kritisch zu hinterfragen.“

          Die Darmstädter Unwort-Fotografen folgen zwei festen Regeln, wie Stefan Daub erläutert. Jeder dürfe zwei Leuchtkastenbilder stellen, „und die müssen quadratisch sein“. Daub, der Hitler für den größten Volksverräter aller Zeiten hält, fuhr zum Obersalzberg und suchte jenen Ausblick, der sich Hitler darbot, als er den zweiten Teil von „Mein Kampf“ diktierte. Dem Bergpanorama stellt er im Kunstforum genau das gleiche Motiv gegenüber, aber reduziert auf 140 Farbtöne, also auf so viele Zeichen, wie eine Twitter-Nachricht zulässt. Ergebnis: Es ist nichts mehr zu erkennen. Daubs Kommentar zu seiner Arbeit: „Wenn Kommunikation über komplexe Themen zu Parolen eingedampft wird, gehen wichtige Zwischentöne verloren - auf der Straße, im Internet, im Bild.“

          Kann auch übergroße Nähe vereinfachen? Bringt womöglich das hehre Ziel von Journalisten, stets „nah dran“ an der Wahrheit zu sein, die Gefahr der Realitätsentstellung mit sich? Jan Ehlers hat sich gefragt, ob sich jene aus der AfD- und Pegida-Szene, die mit schrillen Parolen um Medienpräsenz buhlen, womöglich einfach nur aufblasen. Um das zu illustrieren, stellt er zwei identische Fotos nebeneinander. Das eine zeigt eine Gruppe schreiender Menschen als Nahaufnahme, das andere die gleichen Wutbürger aus großer Distanz - als kleines Häuflein auf einer großen Wiese.

          Welches Mediums bedienen sich die Feinde der Demokratie heute?

          Julia Essl hat ihre 14 Monate alte Tochter, die, wie sie sagt, „sich instinktiv sozial verhält“, fotografiert mit ausgestreckter Hand hin zu ihrem Spielkameraden, dem 15 Jahre alten Sodagi, dessen Vater aus Ghana stammt. Jens Mangelsen suchte in Heidelberg eine ehemalige Thingstätte auf, von denen die Nazis 400 bauen wollten. Weil der Volksempfänger sich als geeigneteres Propagandamittel erwies, gaben sie ihre Pläne später auf. Welchem Medium bedienen sich die Feinde der Demokratie heute? Den Echo-Blasen des Internets, glaubt Mangelsen. Er illustriert dies durch ein Foto, das den Ort in Heidelberg mit einem einsamen Besucher zeigt, der sein Smartphone mit Goebbels-Porträt in die Kamera hält.

          Auch Björn Höcke, der Thüringer Fraktionsvorsitzende der AfD, kommt im Kunstforum vor und zwar als Kind, das in die beschützenden Arme seiner „deutschen Mutter“ läuft. Das Bild ist von Rahel Welsen als Hinweis auf jene Wutbürger gedacht, „die wie kleine Kinder reagieren“. Verharmlosend ist das nicht gemeint. Wie ernst die Unwort-Fotografen die politische Entwicklung sehen, wird besonders durch die Arbeiten von Sebastian Reimold und Manfred Nerlich deutlich. Reimold hat ein Porträt des Bloggers Mirko Drotschmann gemacht, der sich insbesondere an Jugendliche wendet, um sie zum demokratischen Engagement aufzufordern. Gegenübergestellt hat er eine Gipsmaske von Drotschmann als historischen Verweis auf das Undenkbare: 1939 vermaßen und fotografierten die Nazis in Wien 440 Juden, von denen sie auch Gipsmasken erstellten, bevor sie ins KZ Buchenwald deportiert wurden.

          Alles ferne Vergangenheit? Nerlich zeigt eine proeuropäische Demonstration in Frankfurt, die der Gründer der paneuropäischen Bewegung „Pulse Of Europe“, der Rechtsanwalt Daniel Röder, ins Leben gerufen hat. Röder ist auf einem zweiten Bild zu sehen, aber nicht als Demonstrant, sondern als Inhaftierter, der erkennungsdienstlich behandelt wird. Das Bild sei ein erkennbares Fake-Foto, sagt Nerlich. Reine Fiktion ist es leider nicht. Röder wurde wegen seines Engagements für Frieden und Freiheit inzwischen in die von Rechtsradikalen geführte Liste „judas.watch“ aufgenommen, die „Volksverräter“ aller Länder führt.

          „Volksverräter“

          Die Ausstellung im Kunstforum der TU, Hochschulstraße 1, ist bis 26. März zu sehen, mittwochs bis sonntags, 13 bis 19 Uhr, Eintritt frei. Führungen gibt es am 19. und 26. März, jeweils 17 Uhr.

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